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rbbonline | Archiv

Wir steigen aus, die steigen ein - das geschieht zur Zeit in Sachen Atomenergie in Polen. Denn Polen will sich zukunftsfähig und unabhängig machen. Steinkohle ist kein Ausweg und aus historischen Gründen will Polen auch unabhängig von Russland sein. Der deutsche Traum von kernkraftfreier Energie endet an der Grenze.
Man muss sich schon wundern: Während wir nach Fukushima aus der Atomenergie schleunigst ausgestiegen sind, hat unser Nachbar Polen ganz andere Schlüsse aus der Katastrophe gezogen: Polen will jetzt nämlich erst recht in die Kernenergie einsteigen. Zur Zeit wird dort nach dem richtigen Standort für den Bau des ersten Atomkraftwerks gesucht. Das allerdings treibt die AKW-Gegner auf deutscher Seite mächtig auf die Barrikaden. Iris Marx und Adrian Bartocha.
An dieser Stelle könnte ein alter Traum Polens wieder aufleben. Im polnischen Scharnowiez - 10kilomenter von der Ostsee entfernt. Im Moment erinnern nur Ruinen an den einst geplanten Atomeinstieg Polens, den das Unglück von Tschernobyl in den 80er-Jahren stoppte. 2016 könnte hier ein neues, „modernes" Atomkraftwerk entstehen.
Der polnische Kreisvorsitzende in der Region - Henryk Doering - sieht darin eine Chance für seine Gemeinde.
Henryk Doering, Gemeinde Krokowa
„Wir wissen doch: Ein Atomkraftwerk - das ist doch ein ganz große Investition: 45 Milliarden Zloty werden hier hineingesteckt. Endlich bewegt sich was in der Gegend. Hinzu kommen die Steuern - die an die Kommune fließen. Es ist gut für die ganze Region."
Scharnowiez ist einer von vier möglichen Standorten. Rund 300 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt. Was für die Polen ein Energie-Traum, ist nach den Ereignissen in Fukushima für die meisten Deutschen ein Alptraum.
Matthias Platzeck (SPD), Ministerpräsident Brandenburg
„Ich habe gesagt, dass ich diese Art der Energie aus grundsätzlichen Überlegungen heraus ablehne.“
In Brandenburg organisiert sich der Bürgerprotest schon seit längerem, Unterschriften werden gesammelt. Nach dem Atomausstieg Deutschlands ist ein Atomkraftwerk in Polen für viele nicht hinnehmbar.
Und auch die Grünen in Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern wollen nun gegen das Projekt vorgehen.
Axel Vogel, (Bü90/Die Grünen), Fraktionsvorsitzender Brandenburg
„Wir wollen den Polen deutlich machen, dass Atomenergie kein Ausweg aus ihrer Energiekrise ist. Ganz im Gegenteil, dafür sorgen wird, dass die polnische Energieversorgung nicht zukunftsfest gemacht wird. Das Ausblenden der erneuerbaren Energie empfinden wir schon fast als Skandal und wir denken, dass wir müssen den Polen hier ein bisschen Hilfestellung leisten."
Eine „Hilfestellung", die hier in Zarnowiec unerwünscht ist. Der Pfarrer der Gemeinde befürchtet sogar, dass die „deutsche Hilfestellung“ das alte Gespenst vom bösen Deutschen wieder heraufbeschwört.
Krzysztof Stachowski, Pfarrer
„Ich bin überzeugt davon, dass bei diesen Vorwürfen von der deutschen Seite - das von einer rechten Parteien instrumentalisiert werden kann: Im Sinne von ‚Seht! es sind wieder die Deutschen, die uns was verbieten!’“
Auch in polnischen Internetforen stößt man vereinzelt auf Ablehnung.
Internet-Einträge
„…die sollen doch erstmal ihre Bomben aus der Ostsee aus der bergen."
„Schluss mit dem deutsch-russischen Diktat"
„Lasst uns ein Atomkraftwerk bauen und es Erika Steinbach nennen. Je näher an Berlin, umso besser."
Aber solche Ressentiments sind nicht das, was die Menschen hier im Ort wirklich beschäftigt. Was hier zählt, ist vor allem eines: Der Wunsch nach ein bisschen mehr Wohlstand.
Mann
„Der Strom wird doch viel billiger, der Atomstrom ist ja viel billiger.“
Frau
„Ich bin dafür, dafür. Wir brauchen immer mehr Strom. Das mit den Windrädern..? ich weiss nicht - Und man muss ja eine Lösung finden.“
Mann
„Ich bin für das Atomkraftwerk, dass es gebaut wird.“
KONTRASTE
„Warum?“
Mann
„Es wird mehr Arbeitsplätze geben für die Leute hier aus der Gegend.“
Auch im polnischen Wirtschaftsministerium hat man kein Verständnis für die deutsche Kritik.
Zbigniew Kubacki, Wirtschaftsministerium
„Wir reden die ganze Zeit nur über Polen aber in Wahrheit sind es doch 14 Länder innerhalb der EU, die gerade ihr Atomprogramm ausbauen. Die Tschechen, auch Nachbarn der Deutschen, wollen sogar 80% ihres Energiebedarfs mit Atomenergie decken. Bei uns werden es doch viel, viel weniger. Und die Briten planen auch acht neue Atomkraftwerke."
KONTRASTE
„Ist es nicht von deutscher Seite aus nicht problematisch, den Polen vorzuschreiben, wie sie und wo sie ihren Strom bekommen?“
Axel Vogel (Bü90/Die Grünen), Fraktionsvorsitzender Brandenburg
„Also… wir steigen aus der Atomenergie aus, die Schweiz steigt aus der Atomenergie aus, Italien hat in einem Volksentscheid entschieden, nicht in die Atomenergie einzusteigen. Nach Fukushima hat sich doch die Weltlage geändert. Es ist heute doch ein völliger Anachronismus noch auf Atomenergie setzen zu wollen.“
Doch was soll das Land tun? Vom deutschen Ausstieg aus der Kernenergie ist auch Polen betroffen, denn seitdem wird immer weniger Strom hier hin exportiert. Was das für Polen bedeutet, haben die Deutschen damals nicht gefragt. Warum sollen die Polen also jetzt die Deutschen nach ihrer Meinung fragen?
Das Land braucht Energie, Polen boomt. Über 90 Prozent kommt zurzeit aus der Kohle. Die Alternative dazu wäre Gas aus Russland. Doch die Abhängigkeit vom Nachbarn im Osten ist hier ein nationales Trauma.
Zbigniew Kubacki, Wirtschaftsministerium
„Jedes Land hat seine eigenen Befindlichkeiten…man kann sagen - wenn wir Gas aus Russland kaufen begeben wir uns in eine gewisse Abhängigkeit, die für uns gefährlich ist. Diese Problematik sieht man in Deutschland doch etwas anders als bei uns in Polen.“
Etwas anders als bei uns sieht man in Polen auch die wohl zentrale Frage in Sachen Atom: Die Endlagerung.
Zbigniew Kubacki, Wirtschaftsministerium
„Was uns betrifft, wir werden erst in 40, 50Jahren damit zu tun haben. Und man kann ja davon ausgehen, dass bis dahin die technische Entwicklung so weit ist, dass das Problem zum großen Teil gelöst ist."
Mehr Wohlstand in der Gegenwart gegen eine mögliche Gefahr in der Zukunft - ein scheinbar unlösbares Dilemma. Der deutsche Traum von atomfreier Energie, er endet an der polnischen Grenze.
Beitrag von Iris Marx und Adrian Bartocha
© Rundfunk Berlin-Brandenburg
http://www.rbb-online.de/kontraste/archiv/kontraste_vom_19_01/atompolitik___neue.html