26.05.2012

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Do 19.01.12 21:45

Private Krankenversicherung immer teurer - Rentnern droht Gang zum Sozialamt

Drastische Tariferhöhungen bei den privaten Krankenkassen. Viele Rentner können sich die Mitgliedschaft und damit auch den Gang zum Arzt nicht mehr leisten. Die Politik schaut dem Treiben der Privaten tatenlos zu. Jetzt müssen die Steuerzahler einspringen, weil die Branche das Versprechen "Beitragsstabilität" nicht hält.

Wer krank ist, geht zum Arzt. Eigentlich selbstverständlich, dennoch gibt es im reichen Deutschland Menschen, die sich den Gang zum Arzt NICHT mehr leisten können. Und zwar erstaunlicherweise vor allem Privatversicherte, die angeblichen Patienten 1. Klasse. Immer mehr können die ständig steigenden Beiträge nicht mehr bezahlen. Viele haben sich in ihrer Not an uns gewandt. Caroline Walter, Constanze Voigt und Chris Humbs berichten.

In dieser Arztpraxis wollen viele nicht erkannt werden. Aus Scham. Dr. Denker behandelt kostenlos Menschen, die keine Krankenversicherung mehr haben. Für sie ist er die letzte Rettung. Wie für Herrn Schmidt. Er war selbständig im Textilgewerbe.

KONTRASTE
„Sie sind nicht krankenversichert?“
Herr Schmidt
„Nein.“
KONTRASTE
„Warum nicht?“
Herr Schmidt
„Ja, warum nicht … Die Geschäfte gingen zurück und ich konnte die Krankenversicherung nicht mehr zahlen. Das Übliche.“
KONTRASTE
„Und Sie waren privat versichert?“
Herr Schmidt
„Ja, ja."

Die hohe Prämie für die private Krankenversicherung wurde für ihn unbezahlbar.

Herr Schmidt zeigt die Narbe von einer Nierenoperation - wegen Krebs. Auch eine Bypass-OP hat er schon hinter sich. Jetzt will die Klinik Geld von ihm.

KONTRASTE
„Was ist denn bis jetzt an Kosten aufgelaufen?
Herr Schmidt
„20.000 Euro."

Die muss er selbst bezahlen - weil er keine Versicherung hat.

Dr. Uwe Denker, „Praxis ohne Grenzen"
„Die Patienten verzweifeln am Leben, wenn sie dann den Berg von Schulden vor sich sehen, ja, dann schlafen sie nicht mehr ruhig."

Gerade Älteren droht dieses Schicksal. Auch Hilde Stark kann ihre private Krankenversicherung bald nicht mehr bezahlen. Jedes Jahr steigt ihr Beitrag um etwa 20 Prozent und frisst ihre kleine Rente auf. Und: der Krankenversicherer erhöhte ihre Selbstbeteiligung - auf inzwischen 1000 Euro, die sie zusätzlich aufbringen muss.

Hilde Stark
„Ich versuche den Arzt zu meiden, wo ich kann, weil ich mir das einfach nicht leisten kann. Erstmal das Geld zusammen zu sparen. Ich meine, andere können auch mal einen Urlaub machen, aber ich kann das nicht. Ich muss halt erst mal diese 1000 Euro überhaupt zusammensparen, um im nächsten Jahr zum Arzt gehen zu können."

Das Ehepaar hat immer geschuftet, ein Brautmodengeschäft mühsam aufgebaut, dafür jeden Cent gespart. Damals wurden sie von der Privatversicherung abgeworben - mit dem Versprechen, ein Teil ihrer Prämie diene zur Rücklage im Alter, damit der Beitrag stabil bleibt. Sie hat auch ein Schreiben von der Versicherung, dass sie fast 40.000 Euro an Rücklagen gebildet hat.

Hilde Stark
„Ja, ich habe gedacht, dass die Altersrückstellung dafür ist, dass wenn die wieder erhöhen, das aufgefangen wird."
KONTRASTE
„Und das ist nicht so?“
Hilde Stark
„Das ist nicht so."

Denn das Geld kommt in einen Topf für viele Versicherte, es gehört ihr gar nicht allein. Trotzdem werben die Privatversicherer immer wieder mit Beitragsstabilität. Sie hätten Milliarden an Alterungsrückstellungen aufgebaut. Die Privaten - so der Slogan - mit „eingebauter Altersvorsorge". Doch das ist mehr Werbung als Wahrheit - so Rüdiger Falken. Er arbeitet als unabhängiger Versicherungsberater.

Rüdiger Falken, Unabhängiger Versicherungsberater
„Die private Krankenversicherungswirtschaft nimmt viel zu wenig an Alterungsrückstellungen ein, das heißt, es ist immer noch unterkalkuliert in allen Tarifen, und mit dieser zu niedrigen Kalkulation führt es letztendlich dazu, dass langfristig viel zu wenig Geld fürs Alter von der privaten Krankenversicherung zurückgelegt wird."

Das System der Privaten ist seit langem in der Schieflage. Grund hierfür: Billigangebote. Mit diesem unseriösen Geschäftsgebaren sollen junge Neukunden angelockt werden. Das geht nur auf, wenn ältere Versicherte besonders hohe Prämien bezahlen. Hilde Stark kommt aus ihrer Versicherung nicht mehr raus. In die Gesetzliche kann man ab 55 nicht mehr zurück.

Hilde Stark
„Ich wusste ja damals nicht, dass ich in dieser Krankenkasse eigentlich wie eine Gefangene bin. Ich bin ja auf Gedeih und Verderb darauf angewiesen, was die Krankenkasse mit mir macht."

Sie wollte in einen günstigeren Tarif wechseln. Ihr Versicherer bot ihr nur eine Alternative an: den sogenannten Basistarif - für rund 600 Euro. Noch viel teurer als ihr alter.

Der Basistarif wurde 2009 von Ulla Schmidt eingeführt - gedacht als günstige Alternative für Rentner und Menschen ohne Versicherung. Doch die Lobby der Privatversicherer hat sich durchgesetzt. Sie dürfen einen Höchstsatz von ca. 600 Euro von jedem verlangen.

Ulla Schmidt (SPD), ehem. Gesundheitsministerin
„Die SPD wollte damals, dass es den Basistarif gibt, damit auch Menschen, die weniger Geld haben, wenn sie in der privaten Krankenversicherung sind, diesen bezahlen können. Wir wollten einen einkommensabhängigen Basistarif, der eben dem entspricht, was auch in der gesetzlichen Krankenkasse, bezahlt wird und geleistet wird. Das wollte die Union nicht - weder die CDU noch die CSU. Sie hat dort auf die Lobby der Versicherungswirtschaft gehört."

Wir fragen nach beim Gesundheitsexperten der CDU. Warum sieht die Regierung zu, wie Privatversicherer Menschen in die Existenznot treiben.

Dr. Rolf Koschorrek (CDU), Mitglied Gesundheitsausschuss
„Das wird nicht so sein, dass wir jede soziale Not dort abfedern können innerhalb der Tarife. Dafür haben wir die sozialen Federungssysteme in der Gesellschaft, die ja entsprechend dafür greifen."

Im Klartext: Hilde Stark soll doch aufs Sozialamt gehen. Das würde bedeuten - ein totaler sozialer Abstieg, sogar ihre Wohnung müssten sie aufgeben: alles wegen der zweifelhaften Geschäftspolitik der Privatversicherer.

Hilde Stark
„Ich weiß nicht, ich hab mein ganzes Leben lang für mich selber gearbeitet. Ich habe noch nicht einen Pfennig von irgendjemandem bekommen und da würde ich auch nicht hingehen wollen. Also, das wäre der letzte Gang."

Immer mehr Verzweifelte erwarten Hilfe vom zuständigen Gesundheitsministerium. Doch FDP-Minister Daniel Bahr sieht keinen Handlungsbedarf. Ein Interview lehnt er ab. Und der FDP-Mann im Gesundheitsausschuss, Heinz Lanfermann, lässt uns ausrichten: alles nur Einzelfälle.

Beim Bund der Versicherten macht man ganz andere Erfahrungen. Drastische Prämienerhöhungen sind jedes Jahr die Regel. Das PKV-System steht in Frage.

Thorsten Rudnik, Bund der Versicherten
„Also, ich denke, so wie das Modell heute läuft, ist eigentlich für jeden Experten erkennbar, so kann es nicht weitergehen. Das Modell würde in der Tat gegen die Wand fahren, weil viele Ältere auch die Beiträge nicht mehr bezahlen können. Die gehen dann wiederum raus, sind nicht versichert. Also, da muss die Politik einschreiten."

Während unserer Recherche stellen wir übrigens mit Erstaunen fest: FDP-Mitglieder erhalten bei der DKV, einem der größten privaten Krankenversicherer, Sonderkonditionen. Die einzige Partei, die so etwas macht.

So wird Politik gemacht.

Beitrag von Caroline Walter, Constanze Voigt und Chris Humbs

Dieser Text gibt den Sachstand vom 19.01.2012 wieder. Neuere Entwicklungen sind in diesem Beitrag nicht berücksichtigt.

© Rundfunk Berlin-Brandenburg

http://www.rbb-online.de/kontraste/archiv/kontraste_vom_19_01/private_krankenversicherung.html

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