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Do 08.07.04 00:00

Gift aus dem Schlauch - wie Weichmacher in Infusionsschläuchen Neugeborene gefährden

Schläuche in der Medizintechnik bestehen oft aus PVC, das giftige Weichmacher enthält. Diese Stoffe gehen in kleinen Mengen auch auf die Flüssigkeiten und Gase über, die durch die Schläuche geleitet werden. Vor allem männliche Neugeborene oder Jugendliche in der Pubertät, die über solche Schläuche versorgt werden, sind gefährdet. Das Gift kann die Fortpflanzungsfähigkeit einschränken oder Krebs verursachen. Obwohl die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA in den USA auf diese Gefahren hingewiesen hat, ignorieren viele deutsche Kliniken dieses Problem.

Das ist Jonas. Wir haben seinen Namen geändert. Jonas kämpft ums Überleben, er kam zu früh auf die Welt. Patienten wie er haben keine Lobby. Anders als Pharmavertreter, Ärztevertreter, Heilbädervertreter, die Reihe ist lang: Starke Verbände, die sich bei Politikern Gehör verschaffen. Es geht ums Sparen und Kürzen im Gesundheitssystem.

Von dem wissen wir mit Gewissheit nur: es ist zu teuer! Der Rest ist kompliziert. Und so kommt es vor, dass die Bedürfnisse und Nöte der ganz kleinen Patienten einfach vergessen werden. Selbst, wenn ihr kleines Leben gefährdet ist.

Olaf Jahn und Michael Heine über einen Giftstoff, der erlaubt ist - weil der Patient zu winzig ist, dagegen aufzubegehren!


Jonas, ein Frühgeborenes auf der Intensivstation des Bonner Marienhospitals, geboren in der 25. Woche. Geburtsgewicht: Gerade mal 800 Gramm. Selbständig überleben kann er nicht. Er muss künstlich beatmet, ernährt und behandelt werden. Doch die PVC-Schläuche an denen sein Leben hängt, enthalten einen Stoff, der hochgiftig sein kann, den Weichmacher DEHP. Er macht die Schläuche beweglich. Die Gefahr dabei: DEHP löst sich aus den Schläuchen - und gelangt in den Körper des kleinen Jungen.

Der Weichmacher kann Nieren, Leber und vor allem die Fortpflanzungsorgane schwer schädigen - das haben Tierversuche gezeigt. Für Kinder, von Frühgeborenen bis hin zu Jugendlichen in der Pubertät, gilt Experten das DEHP als besonders bedrohlich. Mögliche Spätfolgen: Unfruchtbarkeit und Krebserkrankungen.

KONTRASTE fragte am Bonner Marienhospital nach. Den Ärzten hier war die Belastung von Schläuchen und Geräten mit DEHP nicht bewusst.

Dr. Andreas Knoblich, Marien-Hospital:
"Die Beschäftigung mit dem Thema rührt jetzt ausschließlich daher, dass wir angesprochen sind, ob wir überhaupt PVC-haltige Materialien verwenden, jetzt durch ihre Redaktion."

Die US-Gesundheitsbehörde FDA - sie warnt schon seit Jahren vor den Risiken des Weichmachers. In einem Schreiben aus dem Jahr 2002 heißt es:
"Folgende Behandlungsmethoden beinhalten das größte Risiko von DEHP-Belastungen bei Neugeborenen:
- Bluttransfusionen
- künstliche Beatmung
- künstliche Ernährung . . ."

Die Zahlen sind erschreckend. Als EU-Richtwert gilt bei kleinen Kindern eine DEHP-Aufnahme von täglich 0,05 Milligramm je Kilo Körpergewicht. Doch allein aus Infusionsschläuchen erhalten Frühgeborene bis zu 10 Milligramm des Weichmachers. Das 200fache des EU-Wertes.

In deutschen Kliniken sind die Risiken der PVC-Schläuche kaum bekannt. Zwar haben Ärzte wie hier am Bonner Marienhospital bemerkt, dass sich der Weichmacher aus den Schläuchen löst. Doch was das bedeutet wussten sie nicht. Und Warnhinweise gibt es nicht.

Dr. Andreas Knoblich, Marien-Hospital:
"Man hat auch festgestellt, dass bei Patienten, bei denen längere Zeit bestimmte Produkte wie zum Beispiel Magensonden liegen, dass die mit der Zeit starr werden, dass also der Weichmacher das Produkt verließ, aber über die möglichen Wirkungen des Weichmachers auf den Patienten hat man nichts gewusst."

Viele Kliniken benutzen deshalb noch immer Schläuche und Geräte mit DEHP. Wie verbreitet der Giftstoff ist, hat der Bund für Umwelt und Naturschutz in Deutschland jetzt mit einer Studie belegt. Darin heißt es:
"In ganz Europa werden Krankenhauspatienten, einschließlich Neugeborener, unnötig den Gefahren des Weichmachers DEHP ausgesetzt, der in medizinischen Produkten aus PVC enthalten ist."

Dabei geht es auch anders. Der deutsche Hersteller B.Braun in Melsungen beispielsweise bietet fast alle seine Produkte auch PVC-frei an. Doch die Nachfrage bleibt aus. Der Marktführer bei Infusionsgeräten hat kaum Abnehmer für die Alternativ-Produkte.

Dr. Torsten Dönhoff, B.Braun:
"Sie können über den Daumen annehmen, dass zwei Drittel des Marktes durch uns versorgt wird. Und nur etwa ein Prozent dieser Mengen, die wir zur Verfügung stellen, sind heute PVC-frei."

Der entscheidende Grund für das geringe Interesse der Krankenhäuser: Sie fürchten höhere Kosten bei den PVC-freien Produkten. Doch das muss nicht sein.

Hier in Wien, an der Kinderklinik Glanzing haben die Ärzte in den vergangenen drei Jahren fast komplett auf PVC-freie Schläuche umgestellt. Die Kosten waren nur anfangs höher.

Professor Andreas Lischka, Kinderklinik Glanzing:
"Die Kosten sind sicher am Anfang, in der Umstellungsphase auf PVC-freie Produkte kurzzeitig etwas teurer. Je mehr Kliniken diese PVC-freien Medicalprodukte einsetzen und verwenden, umso größer wird die Stückzahl und umso niedriger wird der Preis."

Und ohnehin: Der Preis ist für den erfahrenen Mediziner nur zweitrangig.

Professor Andreas Lischka:
"Wir wollten einfach nicht riskieren, dass wir unsere Frühgeborenen und Neugeborenen mit einem Stoff wie das DEHP belasten, von dem man schon weiß, dass es sicher, mehr oder weniger stark, die Gesundheit gefährdet."
"Dann bin ich auch ethisch-moralisch verpflichtet, unabhängig von den Kosten, diesen Stoff nicht mehr einzusetzen."

Ein Grundsatz, den sich eigentlich auch die Europäische Union auf die Fahnen schreibt. In der EU-Richtlinie heißt es:
"Medizinprodukte müssen für Patienten, Anwender und Dritte einen hochgradigen Schutz bieten."

Diese Richtlinie gilt auch in Deutschland. Und beim zuständigen "Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte" (BfArM) in Bonn sind die Risiken des DEHP auch bekannt:

Dr. Josef Zündorf (BfArM):
"Wir haben tatsächlich aus zahlreichen Studien und Tierversuchen Hinweise darauf, dass DEHP schädigende Wirkungen beim Menschen haben kann."

Doch eingegriffen hat die Behörde bisher nicht. Die Risikobewertung sei nicht abgeschlossen. Experten sollen die Daten noch weiter analysieren - und das kann dauern.

Ähnlich die Reaktion in Brüssel. Beim zuständigen EU-Kommissariat für Unternehmen ist DEHP kein Thema. Experten hätten versichert:

Die Belastung mit dem Weichmacher schade der Gesundheit nicht.

Erstaunlich. Denn schon vor fünf Jahren hat die Europäische Kommission entschieden: Beißringe, Schnuller und Spielzeuge für Kinder unter drei Jahren dürfen kein DEHP enthalten. Die Kommission war davon überzeugt:
Zitat:" . . . dass für Kleinkinder bestimmte Spielzeug- und Babyartikel aus phtalathaltigem Weich-PVC eine ernsthafte und unmittelbare Gefahr für die Gesundheit darstellen."

Das heißt also: Dieser Schnuller darf kein DEHP enthalten - in diesem lebensrettenden Schlauch dagegen ist der Weichmacher erlaubt.

Für die grüne Europaabgeordnete Hiltrud Breyer ein Skandal:

Hiltrud Breyer, BÜNDNIS'90/DIE GRÜNEN:
"Wir haben in der Tat die absurde Situation, dass bei Beißringen diese gefährlichen Weichmacher verboten sind, nicht aber bei Medizinprodukten, wo Kinder noch viel extremer diesen Gefahren ausgesetzt werden, wie insbesondere Neugeborene. Das hängt damit zusammen, dass man abwarten will bis es Kausalzusammenhänge gibt, das finde ich verheerend, weil wir können nicht warten, bis die Kinder wirklich sterben."

Doch die EU zögert. Die deutschen Behörden prüfen. Und das DEHP wirkt weiter...

Beitrag von Michael Heine und Olaf Jahn

Stand vom 08.07.2004

Dieser Beitrag gibt den Sachstand vom 08.07.2004 wieder. Neuere Entwicklungen sind in diesem Beitrag nicht berücksichtigt.

Video 08.07.04

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Gift aus dem Schlauch - wie Weichmacher in Infusionsschläuchen Neugeborene gefährden

© Rundfunk Berlin-Brandenburg

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