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Am 9. Oktober 1989 strömten 70 000 Menschen zur Montagsdemo in Leipzig – der Wendepunkt einer friedlichen Revolution, die Mauerfall und deutsche Einheit ermöglichte. Brisante Amateuraufnahmen zeigen Frust und Verfall in Leipzig im September 1989. Ein Dokument der Zeitgeschichte aus dem KONTRASTE-Archiv.
Wenn wir am Sonntag den Tag der Deutschen Einheit begehen, dann haben viele gar nicht mehr so recht vor Augen, wie es eigentlich damals genau aussah im Osten. KONTRASTE war damals eines der wenigen Magazine in Westdeutschland, das Bilder brachte aus dem Osten, das die verrotteten Städte zeigte, die Umweltkatastrophen und die DDR-Bürger, die es wagten, heimlich vor die Kamera zu gehen. Die meisten dieser Bilder mussten unter großen Gefahren aus der DDR geschmuggelt werden. Doch der Effekt war enorm: Viele DDR Bürger fühlten sich damals ermutigt, als sie im Westfernsehen sahen, dass es Menschen gab, die das DDR-System zu kritisieren wagten. Einige dieser bewegenden Szenen möchten wir Ihnen heute nochmal zeigen. Hier ein Ausschnitt aus einer KONTRASTE-Dokumentation vom 12. September 1989.
Der Leipziger Osten, ein Wohnviertel für einhunderttausend Menschen. Seit Jahren verfallen die Häuser. Für die Menschen, die hier leben müssen, wird es immer schlimmer. So sieht es auch in vielen anderen DDR-Städten aus. Nicht nur der allgegenwärtige Verfall verbittert die Menschen; es fehlen Dienstleistungen und viele Waren in den Geschäften. Auch die medizinische Versorgung ist unzureichend.
Leipziger Bürgerin mit Kind
„Unser Kleiner der leidet sehr oft an Erkältung und Schnupfen, und wenn wir dann mal verreisen erholt er sich relativ schnell wieder. Aber sobald wir wieder in Leipzig sind, fängt es von vorne an.“
Das Leben in dieser Stadt macht krank. Leipzig ist umgeben von veralteten Industrieanlagen, Braunkohlekraftwerken und Chemiebetrieben. Die Menschen sind einem dauernden Smog ausgesetzt. Aber eine öffentliche Diskussion darüber gibt es nicht.
Solche Bilder sieht die Parteiführung dagegen lieber.
Alle Jahre wieder organisiert sie ein buntes Sportfest im Leipziger Zentralstadion. Und Erich Honecker verkündete gar, dass sich Leipzig für das Jahr 2004 um die Olympischen Spiele bewerben wolle.
Leipziger Bürgerin mit Kind
„Ne, ich kann es wirklich nicht fassen. Leipzig als Olympiastadt. Wenn ich sehe wie die Fassaden einfallen, dann sind mir diese Missionen einfach – haltlos.“
Leipziger Bürger
„Leipzig war sicher irgendwann mal eine Messestadt, die deshalb berühmt war und so, aber das ist schon lange nicht mehr. Es ist einfach eine Stadt voller Ruinen und das jetzt als Olympiastadt umzufunktionieren kostet wahrscheinlich unheimlich viel Geld. Und, ich denke mir da sollte man erstmal andere Sachen damit machen.“
Große Vorhaben und große Versprechungen – das haben die Leipziger satt. Sie leben hier und jetzt und wollen nicht ewig auf die Zukunft vertröstet werden. Sie erleben, dass der Widerspruch zwischen ihrem Alltag und dem, was die Partei sagt, immer krasser wird.
Frau am Fenster
„Kannste mal das Haus fotografieren und setz es in die Zeitung. Und wir leben hier! Kannste in die Zeitung setzen. Mann!“
Und was bringt die „Leipziger Volkszeitung“? Immer nur die gleichen Erfolgsmeldungen, die gleichen Phrasen. Die Bevölkerung fühlt sich nicht ernst genommen.
In diesem Sommer sollte in Leipzig ein Straßenmusikfest stattfinden.
Organisator Straßenmusikfest
„Wir wollten eigentlich die Leipziger Innenstadt einen Tag mal mit Leben erfüllen. Weil eigentlich die Kulturszene ziemlich am Ende ist. Und einfach auch durch eine nichtorganisierte staatliche Veranstaltung, sondern spontan.“
Nach kurzer Zeit war ein fröhliches Straßenfest im Gange, mit Musik aller Stilrichtungen. Schon vor dem Fest hatten Staatssicherheit und Polizei den Musikern gedroht, ihre Wohnungen überwacht. Jetzt observierten sie das bunte Treiben.
In der Leipziger Innenstadt zog ein Großaufgebot an Polizisten auf. Ganze Straßenzüge wurden abgeriegelt, die Musikanten eingekesselt.
Dutzende von Lkw standen für den Abtransport in den Nebenstraßen bereit. Dann ging die Jagd auf Musikanten und Zuhörer los. Es gab Festnahmen.
Straßenmusikerin
„Bei der Verhaftung hat man gespürt, dass den Musikern und den Theatergruppen unwahrscheinlich von der Bevölkerung Sympathien entgegengebracht worden sind. Und dass die Leute genau bei dem Thema der Straßenmusik das unverhältnismäßige Aufgebot gespürt haben, gegenüber den Musikern, die friedlich versucht haben, Feeling in die Stadt zu bringen.“
Organisator Straßenmusikfest
„Es wird eben sofort versucht, irgendwelche emanzipatorischen Gedanken oder so von diesem totalitären Staat zu unterdrücken, schon im Keim zu ersticken.“
Leipziger Bürger
„Solange die Interessen in diesem Land in so einer Weise nicht mehr geachtet werden, sehe ich keine Zukunft mehr für die Situation und überhaupt für dieses Land.“
Beitrag von Jan Falkenberg und Peter Wensierski




