abgebranntes Autos

- Brandanschläge in Berlin – auf Spurensuche in der linken Hauptstadtszene

In Berlin ist es beinahe schon Normalität, dass nachts Autos brennen. Mehr als 300 Fahrzeuge waren es in den letzten drei Jahren. Die Polizei steht dem Phänomen hilflos gegenüber und vermutet radikale Linke dahinter. Vor dem mit Bangen erwarteten 1. Mai begab sich Kontraste auf Spurensuche in der harten linken Szene der Hauptstadt.

Keiner weiss, was kommt, aber viele haben ein mulmiges Gefühl. Das ist die Stimmung, die derzeit in Deutschland angesichts der Krise herrscht, - und besonders angespannt ist die Stimmung in der Hauptstadt heute abend vor dem 1. Mai: Viele befürchten, dass Berlin morgen wieder zu einem Schlachtfeld für Extremisten werden könnte. Anlass: die Serie von Gewaltaktionen, die die Berliner schon seit Monaten beunruhigt. Fast jede Nacht brennen hier Autos. Die Täter: vermutlich militante Linksautonome. Wir wollten wissen: Was treibt diese Brandstifter an? Iris Marx und Ulrich Kraetzer haben sich auf Spurensuche begeben.

Meist kommen sie nachts im Schutz der Dunkelheit. Ein bisschen Brandbeschleuniger und dann schnell weg. Brandanschläge auf Autos gehören in Berlin fast schon zum Alltag. Zehn brennende Fahrzeuge in nur einer Nacht - die Feuerwehr im Dauereinsatz. In den letzten zwei Jahren standen in der Hauptstadt fast 300 Autos in Flammen. Seinen Wagen in der Innenstadt zu parken ist mittlerweile riskant.

Brennende Autos gab es in Berlin zwar schon früher, aber nie waren es so viele wie zurzeit. Allein in den ersten vier Monaten dieses Jahres brannten 90 Autos aus, mehr als dreimal soviel wie im selben Zeitraum 2008. Dass dabei bisher keine Menschen verletzt wurden, ist reiner Zufall.

Frank Millert, Polizei Berlin
„Wer will aber wirklich ausschließen, dass nicht auch ein solcher Brandanschlag dann letztlich übergreift auf Häuser in denen Menschen schlafen und die dann während des Schlafes auch in Lebensgefahr gebracht werden können. Ich glaube, dass die Täter darauf genauso wenig achten wie darauf, was sie da eigentlich wirklich tun, denn sie treffen auch schon bei ihren Brandanschlägen nicht nur Nobelkarossen und damit sehr, sehr reiche Menschen sondern auch den Otto-Normalbürger dieser Stadt.“

Doch wer zündet die Autos an? Gesicherte Erkenntnisse gibt es nicht – zumindest bei einigen Anschlägen aber klare Hinweise auf Linksextremisten. Im linken Szeneblatt Interim haben sich verschiedene Gruppen zu Anschlägen bekannt. Einige Begründungen – Kampf gegen den Kapitalismus, Kampf gegen den Staat - gab es in der Linken schon immer. Doch es gibt auch eine neue Begründung: der Kampf gegen „Stadtteilveredelung“.

Brandanschläge auf „Nobelkarossen“ werden gerechtfertigt als angeblich notwendiges Mittel gegen die sogenannte „Gentrifizierung“.

Frank Millert, Polizei Berlin
„Zusätzlich zu den üblichen Begründungen aus dem linksextremen Lager für bestimmte Straftaten ist in den letzten Jahren dazu gekommen die Gentrifizierung, das heißt: die Angst der Menschen aus den Bereichen vertrieben zu werden. Man hat Angst vor Luxussanierungen und ähnlichem.“

Gentrifizierung – das heißt: Ehemals eher ärmere Berliner Stadtteile, wie Prenzlauer Berg werden aufgewertet. Eigentümer sanieren ihre Häuser. Bei Neuvermietungen steigen die Mieten dadurch schon mal um bis zu 50 Prozent.

In Berlin-Kreuzberg bauen Investoren sogar ein Luxusprojekt, in dem die Eigentümer ihre Autos in der eigenen Wohnung parken können. Wer sich das leisten kann, mag das schön finden. Doch für Geringverdiener werden solche Viertel zu teuer. Sie müssen auf Randbezirke ausweichen.

Die einen demonstrieren gegen diese Entwicklung – friedlich, andere gehen mit Gewalt vor. So verübten einige Linksextreme Anschläge auf angebliche Yuppie-Cafés und auf ein Neubauprojekt in Berliner Szene-Bezirken. Und immer wieder gab es Brandanschläge auf Autos. Die Linksextremen – alles gewaltbereite Chaoten?

Wir machen einen Streifzug durch die linke Szene, fahren zu einer Party unter dem Motto „Fuck you Mitte, für alle, die Gentrifizierung, Zitat:
„allgemein zum Kotzen finden“.

Vor der Kamera will hier niemand mit uns reden. Im Gespräch allerdings erklären uns die Organisatoren: die Gentrifizierung sei ein Auswuchs des Kapitalismus. Dieser gehöre abgeschafft, Gewalt sei völlig legitim. In bedrohten Kiezen müsse man, Zitat: „Minus-Werte schaffen“. Und: „Wenn Investoren den Kiez aufwerten, müssen wir ihn abwerten.“

Wir fahren weiter, doch bei anderen einschlägigen Treffpunkten will niemand mit uns reden. Schließlich landen wir im Stadtteil Friedrichshain, vor einem linken Wohn- und Kulturprojekt. Auch hier wollen wir über Gentrifizierung und Gewalt reden. Ein ungünstiger Zeitpunkt, die Polizei ist da. Ein Konzert war wieder mal zu laut.

Dennoch erklärt sich ein Konzertbesucher zum Gespräch mit uns bereit. Aber das Interview kommt nicht zu Stande, seine Kumpels pfeifen unseren Gesprächspartner zurück.

Interviewpartner
„Komm rüber hör Dir das an und mecker' nicht gleich rum.“
Gebrüll
„Verpiss Dich mit der Kamera, du Idiot!“

Wir sind offenbar nicht erwünscht. Doch auch ohne Interview erfahren wir, wie einige hier zum Thema Gewalt stehen. Als die Kamera aus ist, wirft ein Besucher eine volle Bierflasche auf uns.

Gewalt – so scheint es – ist in der linksextremen Szene für viele völlig legitim und normal. Nur: Mit welcher Begründung eigentlich? Dazu will sich fast keiner äußern.

Immerhin: Am Ende unserer Dreharbeiten meldet sich auf unsere diversen Anfragen ein Aktivist einer Kampagne gegen Gentrifizierung und für den Erhalt linker Wohnprojekte. Die „Wir-bleiben-alle“-Kampagne ruft nicht zur Gewalt auf, will sich aber auch nicht davon distanzieren.

Aktivist Kampagne „Wir bleiben alle“
„Es ist leider so, dass man mit bestimmten Sachen, die eigentlich eine sehr große Rechtfertigung haben, die anzusprechen, wie zum Beispiel Mietsteigerungen oder Verdrängung, erst dann wahrgenommen werden, wenn irgendwas passiert. Und mir wär’s lieber wenn man einfach Politik machen könnte, wenn man Demonstrationen machen könnte, meinetwegen auch Häuser besetzen würde, das ist meiner Meinung nach okay, und darüber hinaus wirken könnte schon. Aber leider geht das halt nicht, und insofern wählen halt manche Leute einen anderen Ansatz.“

Der andere „Ansatz“: Gewalt und Brandanschläge. Wie viele Autos tatsächlich von Linksextremisten angezündet wurden, ist unklar. Klar ist aber: Im Internet klatschen viele aus der Szene dazu Beifall.

Ob es nun gegen Gentrifizierung geht oder „Ausbeutung, Geschlechterrollenscheiß, Religion, Klassen und Nationen“. Die Brandanschläge müssen für so ziemlich alle Ziele von Linksradikalen herhalten und werden genüsslich dokumentiert. Mehr noch: Die Szene ermuntert sogar dazu, weiter Anschläge zu begehen.

Von den Tätern fehlt indes jede Spur. Die Polizei zeigt sich hilflos.

Frank Millert, Polizei Berlin
„Es ist halt wahnsinnig schwer, a) diese Taten aufzuklären, aber auch auf frischer Tat jemanden festzunehmen. Das liegt daran, dass sehr, sehr viele Autos herum stehen, viele Tatgelegenheiten für Brandstifter vorhanden sind und die Tatbegehung geradezu ideal ist für jemanden, der so etwas machen möchte. Denn wenn er das Auto angezündet hat oder den Brandsatz beziehungsweise einen Grillanzünder dort hin gelegt hat, das Auto wirklich brennt, dann ist der Täter schon lange weg.“

In den letzten zwei Jahren hat die Polizei 19 Tatverdächtige vorläufig festgenommen. Doch die Beweise reichten nicht aus. Bis auf zwei kamen alle wieder auf freien Fuß. Eine Verurteilung gab es bisher für keinen Brandanschlag.