Raidoaktive (Quelle: rbb)

- Atom-Endlager vor dem GAU – was wusste Kohls Umweltministerin Angela Merkel?

Durch ständige Wassereinbrüche kann eine radioaktive Verseuchung des Grundwassers rund um das Atom-Endlager Asse nicht ausgeschlossen werden. Kontraste deckt auf, wie die Politik die Gefahren für die Umwelt über Jahrzehnte geheim hielt.

Atomkraft – ja bitte, sagt die Bundeskanzlerin, doch wohin mit dem Atom-Müll? Alles unter die Erde und dann absaufen wie in Asse? Nein danke! Das Atommüll-Lager Asse II in Niedersachsen ist ein Skandal-Endlager. Pannen, Störfälle und die Angst vor radioaktiv verseuchtem Grundwasser. War das alles nicht absehbar? Gab es keine Warnungen? – Doch! Wir bei Kontraste haben entsprechende Dokumente entdeckt. Sie belegen, dass es sehr wohl massive Sicherheitsbedenken gab, die der damaligen Bundesumweltministerin bekannt gewesen sein mussten! Sie erinnern sich, wer das war: Angela Merkel! Was wusste sie, was hat sie verschwiegen? Manka Heise und Chris Humbs haben die Ereignisse rekonstruiert.

Das Atommüllendlager Asse. So sieht in Deutschland die Endlagerung aus.

Bilder aus der vergangenen Woche. Kontraste ist bei der Verfüllung der noch letzten offenen Lagerkammer des maroden Salzbergwerks dabei. Es ist der verzweifelte Versuch zu retten, was zu retten ist. Denn Lauge fließt seit Jahren von den Wänden. Experten befürchten, dass auch das Grundwasser kontaminiert werden könnte. Die Menschen in der Region leben in Angst.

Offensichtlich völlig unbeeindruckt von dem Jahrzehnte langem verantwortungslosen Umgang mit den radioaktiven Stoffen: Angela Merkel.

Angela Merkel (CDU), Bundeskanzlerin
„Wir wollen eine Energiepolitik, die eben nicht Kernkraftwerke abschaltet, wenn sie noch bestens geeignet sind und Strom liefern, sondern die diesen Ausstieg aus der Kernenergie stoppt, meine Damen und Herren.“

Kein Wort von ihr über die Zustände bei der Endlagerung von Atommüll in Deutschland.

Von Anfang an war das Endlager Asse in Niedersachsen instabil. Grundwasser ist in den Salzstock eingedrungen, höhlt das Bergwerk aus. Der Schacht droht dadurch einzubrechen. Und nicht nur das: Die Lauge zersetzt die Fässer mit dem Atommüll. Dadurch ist das Wasser kontaminiert. Die Öffentlichkeit erfuhr davon nichts.

Durch die Hohlräume entsteht eine Spannung im Wirtsgestein, also im Salz, die verseuchte Lauge kann so nach oben gedrückt werden und ins Grundwasser eindringen. Der GAU eines jeden Endlagers.

Angela Merkel ist seit langem mit dem Thema Endlagerung vertraut. Als ehemalige Bundesumweltministerin war sie sogar mitverantwortlich für den fahrlässigen Umgang mit dem Atommüll.

Sigmar Gabriel (SPD), Bundesumweltminister
„In der Asse ist es besonders skandalös, da waren drei Salzschächte, zwei waren schon abgesoffen mit Wassereinbruch und trotzdem hat man in den dritten 126.000 Fässer Atommüll geschmissen, einfach als Billigentsorgung.“

Die Union will nicht, dass die Katastrophe der Asse in einem Untersuchungsausschuss des Bundestages aufgeklärt wird.

Stattdessen untersucht jetzt der Niedersächsische Landtag mit bescheidenen Mitteln die Hintergründe des Skandals. Viele Akten sind noch unter Verschluß. Endlagerung in Deutschland: eine dubiose Geheimsache.

Stefan Wenzel (Bündnis 90/Die Grünen), Obmann Untersuchungsausschuss
„‚Die Asse ist sicher für alle Zeiten.’ Das war exakt die Formulierung, die man benutzt hat. Und jetzt wissen wir, die Asse droht abzusaufen, die Asse hat seit 1988 Wasserzuflüsse, die man über viele Jahre geheim gehalten hat und das ist der größte anzunehmende Unfall für ein Atommülllager.“

Die Asse war nie sicher. Klaus Kühn, der ehemalige Leiter des Endlagers. Mit den alarmierenden Zuständen in dem Bergwerk fand er sich ab. Die Behörden guckten zu.

Klaus Kühn, ehemaliger Asse-Leiter
„Ganz normal.“
KONTRASTE
„Auch dass das Wasser einlief: ganz normal?“
Klaus Kühn, ehemaliger Asse-Leiter
„An das einlaufende Wasser hatten wir uns gewöhnt. Aber keine Kommentare mehr zur Asse.“

Mehr will er nicht sagen, er hat Angst, dass er dafür vor dem Ausschuss zur Verantwortung gezogen wird.

Von Anfang an hätte man nie in das geheime Endlager Asse einlagern dürfen. Doch die Politik drängte. Sie will Atomstrom. Für den anfallenden Müll braucht man ein Endlager. Und das war die Asse.

Seit 1978 stapeln sich die schwach- und mittelradioaktiven Fässer in den Zwischenlagern. Denn in der Asse durfte nicht mehr eingelagert werden. Der Umgang mit radioaktiven Müll wurde gesetzlich verschärft.

Aber dann kommt Angela Merkel. Als Bundesumweltministerin hat sie „die Lösung“ für die Endsorgung des Atommülls. Ein marodes altes Salzbergwerk im Osten soll den Atommüll der vergangenen Jahre aufnehmen: Morsleben in Sachsen Anhalt.

Der Wissenschaftler Helmut Röthemeyer war seinerzeit von Amts wegen für die Endlagersuche zuständig.

Kurz nach der Wende begutachtet er mit Kollegen und Angela Merkel den alten Salzstollen.

Helmut Röthemeyer, ehem. Leiter Physikalisch-Technische Bundesanstalt
„Wir sind in durch eine Tunnelröhre geklettert, gekrochen, in einen Bereich, wo es herunterplätterte.“

Die Zustände in Morsleben ähnelten denen in der Asse.

Helmut Röthemeyer, ehem. Leiter Physikalisch-Technische Bundesanstalt
„Wir sind in durch eine Tunnelröhre geklettert, gekrochen, in einen Bereich, wo es herunterplätterte.“

Die wissenschaftlichen Bedenken der obersten Endlagerbehörde ignoriert die Merkel. Sie interveniert bei der äußerst besorgten Landesumweltministerin in Sachsen Anhalt, es sei, Zitat:
„... festzuhalten, dass es kein Sicherheitsdefizit beim ERAM (Red.: Also Morsleben) gibt, und auch keinerlei Anlaß besteht, die Einlagerung radioaktiver Abfälle in das Endlager Morsleben zu unterbrechen.“

Unterschrift Angela Merkel.

Ein alter Bekannter springt ihr zur Seite: Klaus Kühn, ehemaliger Chef der Asse. Er ist inzwischen in der Reaktorsicherheitskommission - kurz RSK. Erst erklärte er die Asse als sicher, jetzt Morsleben. Diese RSK Stellungnahme gibt Merkel grünes Licht bedenkenlos einlagern zu können.

Und das, obwohl die wahren Zustände in der Asse immer bekannter werden – und für Morsleben das gleiche droht. Inzwischen schlägt sogar Merkels Fachabteilung für Strahlenschutz zu Asse Alarm. In diesem Schreiben, das KONTRASTE vorliegt, besteht neuen Berechnungen zufolge die Gefahr, Zitat:
„… daß Radionuklide aus dem eingelagerten Abfall in die Umwelt freigesetzt werden.“

Durch das „Absaufen" der Grube ist das Trinkwasser bedroht, in den „Wasserwerken“ nahe der Asse könnten schon bald die „Dosisbelastungen über dem 100-fachen“ der Grenzwerte liegen.

Die damalige Umweltministerin Merkel informiert die Öffentlichkeit nicht über die Gefahren. Die heutige Bundeskanzlerin will sich persönlich dazu nicht äußern.

Den Grund für Angela Merkels Schweigen könnte dieses Schreiben liefern, auf das Kontraste jetzt gestossen ist. Die Strahlenschutzbehörde warnt das Bundesumweltministerium bereits 1996 darüber, Zitat:
„... daß große Schwierigkeiten bei diesem Versuchsendlager (Red.: Asse) die Salzlinie als Endlagerwirtsgestein in Frage stellen könnte. In diesem Falle wäre das ERAM, (Red.: also Morsleben), nicht mehr zu halten.“

Sigmar Gabriel (SPD), Bundesumweltminister
„Morsleben ist zwischen 1994 und 1998 unter der damaligen Umweltministerin Angela Merkel, mehr westdeutscher Atommüll eingelagert worden als in der gesamten DDR-Zeit und die Energieversorger haben wiederum fast nichts dafür bezahlt, heute kostet es über 2 Milliarden, es zu sanieren.“

Doch der Endlagerskandal geht noch viel weiter. Für die Zukunft setzt die Union auf ein weiteres fragwürdiges Projekt: das Atommüllendlager Gorleben. Ein Salzstock wie Asse und Morsleben. Seit Jahren protestieren die Bürger dagegen sie haben Angst, dass auch dieser Salzstock nicht sicher ist.

In der Tat ist diese Frage vollkommen offen. Unter der Kohl-Regierung wurde ein Expertenteam beauftragt, das herausfinden sollte, ob sich eine weitere Erforschung des Salzstocks überhaupt lohnt.

Das Ergebnis: Ja. Aber es müsse wegen der Vergleichbarkeit und der Möglichkeit, dass sich Gorleben als nicht sicher erweist, ein zweiter Standort untersucht werden.

Für die Abstimmung der Ergebnisse trafen sich die Wissenschaftler. Mit dabei: Helmut Röthemeyer. Doch zu dem Gespräch kam unerwartet Besuch.

Helmut Röthemeyer, ehem. Leiter Physikalisch-Technische Bundesanstalt
„Bei diesem Gespräch kamen dann allerdings auch Vertreter der Bundesministerien und haben darauf hingewiesen, dass ein zweiter Standort nicht akzeptabel sei.“

Der leitende Beamte musste sein Gutachten umschreiben und zu den Vorgängen schweigen.

Bis heute ist erst ein Teil des Salzstocks erforscht. Trotzdem hat die Atomindustrie bereits gigantische Summen in den Ausbau investiert. Sie geht davon aus, dass die Politik diesen Salzstock als Endlager genehmigen wird, unabhängig davon, was die wissenschaftlichen Untersuchungen noch erbringen werden.

Sigmar Gabriel (SPD), Bundesumweltminister
„Das hält keinem internationalen Vergleich stand. Deswegen muss man eine ergebnisoffene Endlagersuche machen, aber die ist in Deutschland schwer durchsetzbar.“

Merkel setzt nicht auf die sicherste Lösung. Für sie tut es eben auch die nahe liegendste – selbst beim Umgang mit hochradioaktiven Müll. Gorleben soll in der gleichen Tradition wie Asse und Morsleben fortgesetzt werden.

Wir wollten Angela Merkel natürlich zu den Vorwürfen befragen, doch uns gegenüber mochte sie sich nicht äußern. Über die Presseagenturen ließ sie soeben ausrichten, die Vorwürfe seien, so wörtlich: „unzutreffend“. Der Obmann im niedersächsischen Untersuchungsausschuss zu Asse, Stefan Wenzel, Obmann des Ausschusses, will die Kanzlerin wegen der KONTRASTE-Recherchen vorladen. Merkel solle, Zitat: „reinen Wein einschenken. Es muss Schluss sein mit dem Vertuschen.“

Beitrag von Manka Heise und Chris Humbs