rbb Fernsehen

rbbonline | Archiv

Kowalski & Schmidt
Kowalski & Schmidt

So 05.02.12 19:00

Geschmacksfrage

Zbigniew Lindner ist einer der größten Sarghersteller Europas und er hat sich eine ganz besondere Marketingstrategie ausgedacht. In seinen Werbekalendern lässt er leicht bekleidete Mädchen auf Särgen posieren. Die halbnackten Sensenfrauen haben in Polen eine Debatte ausgelöst: über den Umgang mit dem Tod und über die Grenzen des guten Geschmacks.

Zbigniew Lindner baut Särge. Das tut die Konkurrenz auch. Er aber wirbt so für das Leben nach dem Tod:

Seine Firmenkalender machten Lindner bekannt. Särge und junge, knapp bekleidete Frauen – darf man das?

Zbigniew Lindner
Firmeninhaber
"Der Sarg ist schön und die Frau ist schön. Ich sehe in einer solchen Marketingaktion nichts Schlechtes, jede Firma macht es, unsere Firma stellt zufälligerweise Särge her. Wir mussten was machen, wir mussten das Produkt zeigen, unsere Firma zeigen, dass es eine gute Firma ist und dass sie gute Produkte macht."

Viele vor allem! Mit 140 000 Stück pro Jahr ist Lindner einer der größten Sargproduzenten Europas. Der Großteil seiner Erdmöbel geht nach Deutschland. Etwa jeder 10. Deutsche wird inzwischen in einem Lindner-Sarg bestattet.

"Särge sind eine Art Huldigung an die Person, warum soll der Sarg hässlich sein, warum soll der Sarg einheitlich sein, der Sarg sollte sich hervorheben, sollte interessant sein. Die Buddhisten sagen, die menschliche Seele weilt 49 Tage unter uns. In dieser Zeit sind wir nicht nur in der Lage Trauer zu empfinden, sondern auch, uns an schöne Dinge zu erinnern, die mit der Person zu tun haben, die gegangen ist".

Tomek Kilarski hat früher als Deutschlehrer gearbeitet. Heute verhandelt er mit Kunden der Firma Lindner. Der Job wurde für den Pädagogen zu einer Berufung.

Tomek Kilarski
Verkaufsabteilung
"Ich bin monothematisch. Wenn ich auf Familienfeiern bin, kann ich nur noch über Särge sprechen. Inzwischen fragt sich meine Familie, ob ich noch normal bin, aber ich denke ich bin es schon! Es ist für mich eine Leidenschaft, es zieht mich unheimlich rein. Es ist nicht so wie wenn ich Handys verkaufen würde, wo man ein einziges Produkt in ganz Europa vermarktet. Särge sind ein Produkt, das in jedem Land anders aussieht."

"Hier haben wir einen typischen norwegischen Sarg. Dort werden in der Regel weiße Särge gekauft. Die Moslems brauchen Särge um ihre Verstorbenen in die arabischen Länder zu transportieren. Dafür ist ein solches Fenster notwendig, damit der Zollbeamte auch nachprüfen kann, ob die Person, die im Pass steht, auch wirklich im Sarg liegt. Die Deutschen haben immer Kehlen, eine Kelle oder zwei Kellen, ein doppeltes Dach oder ein dreifaches Dach. Das ist ein typisch französischer Sarg. Mit seiner Form knüpft er an das Kreuz an."

Keine Nationalität hat der Forrest-Sarg. Das Vorzeigestück der Firma ziert auch das Deckblatt des neuesten Kalenders.

Nicht der erste Marketingstreich der Firma. Ob ein Käfer als Transportmittel, ein Wagen mit der Aufschrift "Särge in denen du lebendig aussieht": Die Werbekampagnen lösten in polnischen Medien Debatten über das Thema Tod aus.

Über Leichen zum Ziel? Hat die Firma die Grenze des guten Geschmacks überschritten? "Was für eine Perversion!“ schrieb die polnische Bildzeitung "Fakt“!

Und die Blogger fragen: "Können sexy Modells die Polen an den Tod gewöhnen?“

Wagrowiec ist der Firmensitz und die Einwohner kennen schon die Fragen nach dem Tod und den Mädchen.

Mann
"Super, gefällt uns Kleine, oder?"
Frau
"Kontrovers"
Frau
"Widerlich!"
Frauen
"Ja also die Mädels sind toll"
"Ich habe nichts dagegen. Und mit Männern, oh - das wäre erst interessant!"

Und was hält der örtliche Todesexperte von dem Kalender?

Adam Sarbinowski
Pfarrer
"Werbung möchte etwas fröhlich verkaufen, aber einen Sarg kann man nicht lustig machen, weil der Mensch immer etwas Trauriges mit einem Sarg verbinden wird. Ich hätte was dagegen, wenn meine Gemeindemitglieder beim Anblick meines Sarges sich an die Bilder aus dem Kalender erinnern würden, aber ich hätte nichts gegen einen solchen Sarg".

Bei Zbigniew Linder zuhause hängt kein Sargkalender. Auch wenn es ihm nicht leicht fällt, hier bemüht er sich seine Begeisterung für den Sarg im Zaum zu halten. Um eine Sache muss sich seine Familie keine Gedanken machen: seinen eigenen Sarg hat der Unternehmer längst gefunden.

Zbigniew Lindner
"Es ist ein Sarg aus unserer ökologischen Linie. Da drauf ist das Symbol für das Leben: also eine Biene. Man sagt, wenn es auf Erden keine Bienen mehr gibt, gibt es auch keine Menschen mehr, kein Leben. Und das ist wahr“.

Autorin Katharina Zabrzynski rbb

Dieser Text gibt den Sachstand vom 05.02.2012 wieder. Neuere Entwicklungen sind in diesem Beitrag nicht berücksichtigt.

© Rundfunk Berlin-Brandenburg

http://www.rbb-online.de/kowalskitrifftschmidt/archiv/kowalski___schmidt1/geschmacksfrage.html

Fenster schließen!