Sie sind hier:
rbbonline | Archiv

Christoph Tannert träumte von Rolling-Stones-Platten – zu viel für DDR-Verhältnisse. So wurde er leidenschaftlicher Sammler polnischer Rock- und Jazzplatten, bis heute.
Diese Klänge haben sein Leben verändert: Christoph Tannert, heute leitet er das internationale Künstlerhaus Bethanien in Berlin, dachte als 17jähriger, polnischer Rock sei nur der DDR-Ersatz für die Rolling Stones.
Doch dann ist er dieser Musik verfallen und überhaupt der polnischen Kultur. Daher zeigt er immer wieder zeitgenössische Künstler aus Polen, wie Marek Pisarsky und Anne Peschken, die meinen, wer vom Reichsparteitag in Nürnberg nichts weiß, kennt die deutsche Geschichte nicht - Das lässt das Künstlerpaar gerade in diesen Tagen als Visionär erscheinen. Die kritische Betrachtung der eigenen Biografie, das verbindet Tannert mit den polnischen Kollegen.
Christoph Tannert
Geschäftsführer Künstlerhaus Bethanien
"Ich habe verschiedene Kontakte, die über die Jahre hinweg gewachsen sind. Das betrifft meine Kontakte zu polnischen Künstlern oder zu Institutionen in Polen. Und ich habe polnische Freunde in Berlin."
Mit seinen engsten Freunden hat er sich verabredet, zuhause eine DVD zu gucken. Anne, Herkunft deutsch-kanadisch und Marek, Herkunft polnisch, sind ebenfalls Fans der polnischen Jazzlegende „Komeda.“
Der hieß eigentlich Krzystof Trzcinski. Er war Arzt, und im Kalten Krieg der 50er und 60er Jahre sollten die polnischen Kollegen nicht wissen, was für eine Musik er macht!
Musik
Sein Freund Roman Polanski holte ihn nach Los Angeles. Unter anderem hat er die Musik zu „Rosemary’s Baby“ komponiert. Nach einem Unfall starb er mit nur 38 Jahren. Heute wird er in Polen verehrt wie Chopin!
Christoph Tannert
Geschäftsführer Künstlerhaus Bethanien
"Alle kannten die polnischen Musiker und das war das Faszinierende: die polnischen Musiker fuhren auch ins westliche Ausland. Deswegen waren wir aus der DDR so scharf drauf. Weil wir nicht ins westliche Ausland fahren konnten, dass wir die Musiker wenigstens in Polen sehen konnten."
Die meisten Live-Auftritte musste Komeda im Westen machen, hier ein Mitschnitt vom Süddeutschen Rundfunk
Für die Rock- und Jazzfans in der DDR war Komeda das, was Stones und Co. im Westen waren: der Klang der Freiheit!
Christoph Tannert
Geschäftsführer Künstlerhaus Bethanien
"Ich habe meine Ferien nur so verbracht. Ich habe polnische Platten gekauft, Plakate gekauft, mich in den Presseclub gesetzt, bin in den Stodoła-Club gegangen, Miód-Pitny bis zum Hutkrempel und dann wieder nach Hause.
Reporter: Und wie war es zu Hause?
Langweilig! Aber ich hatte dann schon polnische Freunde und ich konnte bei ihnen übernachten. Deswegen war es dann einfacher. Die Unterschiede zwischen den Ländern hingen eindeutig mit den Mentalitäten zusammen, wie der Sozialismus praktiziert wurde, da gab es himmelweite Unterschiede. In der DDR herrschte eine Normierung, und die war von den Menschen verinnerlicht. Und in Polen hatte man die Flexibilität, die ich so aus der DDR nicht kannte.
In der DDR galten Jazz und Rock als kapitalistisch dekadent und waren immer wieder von der Staatsmacht verboten. Junge Leute mussten ihre Platten in Polen besorgen!
Er hat das nicht vergessen, dass er über die polnische Musik das Konzept der Individualität kennen gelernt hat.
Heute ist polnische Kunst „in“. Beim diesjährigen Jazzfest: eine Hommage an Komeda!
Christoph Tannert
Geschäftsführer Künstlerhaus Bethanien
"Momentan sind viele polnische Künstler in Berlin. Und wir haben die großen Ausstellungspräsentationen. Da kommt natürlich die Frage auf: sind die Polen jetzt besonders hipp? Und man muss sagen: Ja! Weil sie so international sind. Viele von ihnen kennen wir auch schon. Und ich bin sehr froh, sie in Berlin erleben zu können."
In Berlin spielt auf: Adam Pierończyk, ein Komeda-Nachfolger. Die Fans in New York und Paris haben es auch längst entdeckt!
Autorin Wioletta Weiß rbb
© Rundfunk Berlin-Brandenburg