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Nächstes Jahr feiert der ehemalige Intendant der Staatsoper Unter den Linden, Hans Pischner, seinen 100. Geburtstag. Was kaum jemand von ihm weiß: 1938 rettete sein Vater eine jüdische Familie vor dem Zugriff der Gestapo. Mit der damals 11-jährigen jüdischen Susanne Manovill ist er auch heute noch befreundet, und wenn die nunmehr 87-Jährige Hans Pischner in Berlin besucht, dann erinnern sie sich an ihre gemeinsamen Jugendjahre in Breslau und an das Glück nach so langer Zeit noch immer 'da' zu sein.
Ein Besuch in der "Heimat" ist für Susanne Manovill die Erinnerung an eine deutsche Kindheit und an Ausgrenzung und Verfolgung. Sie war 11, als sie 1938 mit ihren Eltern aus Deutschland floh.
Susanne Manovill
"In den letzten Jahren der Kindheit in Deutschland hatten wir dauernd Angst, dass wir abgeholt werden, das kam erst ganz allmählich, erst haben sie nur Männer eingesperrt, Läden eingeschlagen, aber die Gefahr war immer, dass man als Jude eben eingesperrt wird und in ein Konzentrationslager kommt."
Geboren wurde sie 1927 in Breslau. Der Vater war Studienrat, die Familie gehörte zum liberalen Judentum. Nach der Pogromnacht vom 9. November 1938 versucht die Familie zu fliehen.
Susanne Manovill
"Der Zug ging auf eine Fähre und die Fähre nach Schweden und aber so lange wir im Zug auf deutschem Boden waren, war immer noch die Gefahr, dass die Gestapo kommen kann und uns zurück halten: Und da sagte mein Vater ich fühle mich erst sicher, wenn ich die Wellen unter den Schienen spüre."
Und wenn es nicht gelingt, ertränken wir uns im See, hatte der Vater gesagt…Die Flucht gelang, die 86 jährige lebt in Amerika. Aber das Kindergefühl der Angst kommt zurück, sobald sie in Deutschland ist.
Besuch bei einem Freund aus Kindertagen, der gibt Vertrauen und Zuversicht.
Susanne Manovill und Hans Pischner lebten in Breslau im selben Mietshaus.
Susanne Manovill
Wie alt warst du auf dem Bild?
Hans Pischner
6 Jahre muss ich da gewesen sein..
Hans Pischner ist fast 100. Als kleiner Junge in Breslau schon begann er zu musizieren. Nach dem Krieg wurde er international gefeierter Cembalist, in der DDR leitete er 20 Jahre lang die Staatsoper Unter den Linden. Hans Pischners Vater hat Familie Manovill das Leben gerettet.
Susanne Manovill
"Vor der Kristallnacht kam die Gestapo ins Haus und sprach mit Hans Pischners Vater und wollte wissen, wo die Juden wohnen und da sagt der Vater: "Das können sie sich sparen, die sind schon vor ein paar Wochen nach Amerika ausgewandert" und wenn die raufgegangen wären und uns gefunden hätten, hätten sie ihn abgeschleppt."
Hans Pischner
"Das ist eine Geschichte an die sich Susanne erinnern kann, sie hat das auch schriftlich niedergelegt und ich bin eigentlich auch stolz darauf, dass das schwarz auf weiß steht, wie mein Vater sich verhalten hat."
Susanne und Hans haben einander erst vor wenigen Jahren wieder gefunden - durch Zufall! Dass sein Vater ihre Familie geschützt hat, das schafft Verbundenheit auch nach all den Jahren. Und bis heute hält das Staunen darüber, dass sie "noch immer da sind…"
Doch mit den Bildern der Menschen, die nicht leben durften, mit der Erinnerung an die Verfolgung, ist Susanne Manovill allein.
Susanne Manovill
"Ich denke, wie knapp es war, dass wir noch weggekommen sind, sonst wäre uns dasselbe passiert."
…"dasselbe", wie so vielen ihrer Verwandten.
Susanne Manovill
Die Großmutter, die in Theresienstadt starb, hat mir Stricken beigebracht und ich finde, die deutsche Wolle ist die beste Wolle der Welt..
Wenn die Flucht nicht gelingt, ertränken wir uns im See, hatte der verzweifelte Vater in Breslau gesagt.
Susanne Manovill
"Nachdem, was wir erfahren haben, wie die Menschen gequält wurden ehe sie umgebracht wurden, kann ich den Plan von meinem Vater gut verstehen. Jetzt ist meine Heimat in Amerika, aber wenn ich jetzt nach Deutschland komme, ist es meine Kindheit und es ist so schön in meine Kindheit zu schauen."
Zur Kindheit der beiden in Breslau gehörte auch die Musik. Aber was diese beiden miteinander verbindet, ist mehr, als die Liebe zu Oper und Konzert. Im nächsten Jahr wird der Musiker Hans Pischner 100. Susanne hat ihm schon versprochen: Zur Geburtstagsfeier wird sie wieder kommen nach Berlin.
Autorin Martina Hiller von Gaertringen







