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Immer mehr 5-Sterne-Hotels lassen ihre Wäsche in Polen waschen: picobello und just-in-time! Wir begleiten die schmutzige Bettwäsche auf ihrer Reise von Berlin nach Gryfino, einer Kleinstadt bei Stettin.
Berlin und seine Hotels. Mehr als 600 gibt es in der deutschen Hauptstadt, genau 26 gehören zur Kategorie "fünf Sterne" oder mehr. Wer hier schläft, erwartet etwas besonderes in jeder Beziehung. Auch und gerade, wenn es um die Hotelwäsche geht. Alles muß sauber sein, rein, kuschelig. Und pünktlich da.
Rainer Bangert
Hoteldirektor Westin Grand Berlin
"Stellen Sie sich vor, morgens, der Bäcker liefert keine Brötchen. Das ist ungefähr der Vergleich, den ich dazu noch bieten kann. Also wenn wir nachts die Wäsche nicht bekommen, können wir sicherlich noch mal einen Tag so über die Runden kommen. Aber wenn das Hotel ausgebucht ist über mehrere Tage, dann geht das auf keinen Fall. Wir brauchen die Wäsche zuverlässig jede Nacht"
Wie schaffen die das Tag für Tag, soviel Wäsche bis zum nächsten Morgen gewaschen zu haben? Eines können wir schon mal verraten: Sie lassen waschen, in Polen. Also, begleiten wir die dreckige Bettwäsche auf ihrer Reise von Berlin nach Gryfino, einer Kleinstadt bei Stettin.
Deutsche Firma, polnischer Standort. Des Kraftwerks wegen. Hier fällt Wasserdampf an, den die Wäscherei nutzt. Rund um die Uhr arbeiten hier über 500 Beschäftigte, an 364 Tagen im Jahr. Nur am ersten Weihnachtstag ruht der Betrieb. Immer noch verdienen die Wäscherinnen hier nur ein Drittel ihrer deutschen Kolleginnen. Diesen Vorteil nutzt der Chef aber nicht für Kampfpreise in Berlin. Im Gegenteil: er setzt auf Qualität.
Mehr Qualität, das heißt zum Beispiel, daß hier bei 90 Grad gewaschen wird. Da überlebt kein Virus. Das ist zwar nur für Krankenhauswäsche vorgeschrieben, aber die Firma macht es freiwillig. Mindestens 60 Tonnen Wäsche werden hier binnen 24 Stunden gereinigt und nach Berlin zurückgefahren. 130 Hotels stehen längst auf der Auftragsliste. Am Anfang standen viele Vorurteile.
Franz-Josef Wiesemann
Geschäftsführer Fliegel
"Es gab natürlich eine ganze Menge Widersprüche. Einmal der Wettbewerb in Berlin, der dann sagt, jetzt werden die Arbeitsplätze nach Polen verlagert. Und natürlich: Ich lasse meine Wäsche nicht in Polen waschen mit den üblichen Vorurteilen, mit denen man einfach immer zu leben hat."
Wer hier arbeiten darf, ist froh, überhaupt einen Job zu haben in dieser strukturschwachen Region. Als wir danach fragen, begegnen uns die Wäscherinnen mit viel Galgenhumor.
Wäschefrau I
„Wie kommen Sie denn darauf, daß das monoton wäre? Alle paar Minuten kommt die Wäsche eines anderen Hotels hier raus, da habe ich Abwechslung. Manchmal kommen sogar Servietten in Farbe."
Wäschefrau II
"Das ist einfach eine Arbeit. Es ist überhaupt eine Arbeit. Heutzutage darf man nicht wählerisch sein. Es gibt doch keine Arbeit in der Stadt."
Schon gar nicht für Frauen. Gryfino hat hier direkt an der Grenze weit über 20 Prozent Arbeitslosigkeit, liegt über dem Landesschnitt. Seit 20 Jahren setzen sie hier auf deutsche Firmen. Die Wäscherei will nächstes Jahr expandieren, noch mal 100 Frauen einstellen. Im Rathaus hält der Bürgermeister das alles für eine win-win-Situation.
Henryk Piłat
Bürgermeister Gryfino
"Ja, stimmt. Wir sind sehr zufrieden mit den Deutschen. Wir kommen ihnen entgegen, wir arbeiten eng zusammen, wir suchen Lösungen, wenn die Firmen Probleme haben, damit ihre Kosten gering bleiben. Dafür stellen sie Leute ein, das ist gut, gut für die Stadt."
Als die Grenze noch dicht war und LkW-Fahrer manchmal drei Tage im Rückstau standen, bekam die Wäscherei sogar eine eigene Grenzstation und schaffte die Wäsche per Fähre über die Oder. Nicht allen gefiel das.
Sławomir Preiss
Senator
"Naja, es gibt immer Leute, die alles negativ finden, die auf alles draufhauen. Gut, die Wäscherei arbeitet zu 90 Prozent für deutsche Hotels, stimmt, und nur für wenige polnische. Aber ich erkläre den Leuten dann immer, daß die Wäscherei im Jahr zwei Millionen Złoty Steuern bezahlt, eine halbe Million Euro. Das Geld bleibt in Polen. Das ist verdammt wichtig für unseren Haushalt."
In Berlin ist wie hier im "Regent" die frische Wäsche längst wieder angekommen. Und welcher Gast weiß schon, daß seine Bettwäsche gerade eine Blitzreise nach Polen und zurück hinter sich hat …
Autor Ulrich Adrian







