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Das Romadorf von Secovce im Südosten der Slowakei ist eigentlich ein Slum. Etwa 200 Menschen leben hier unter menschenunwürdigen Bedingungen. Die meisten Eltern sind selbst noch Kinder. Sie sind mit Vergewaltigung, Verrohung und Alkoholismus groß geworden. Und nun hat man den Roma, die sich selbst stolz "cigán" - Zigeuner nennen, auch noch das Wasser abgestellt. Ihr heimlicher Anführer, Zdenko Turtak, hat uns den Zugang zu seinem Heimatort ermöglicht.
Wir sind auf dem Weg in die Ost-Slowakei. Unser Ziel ist Sečovce, eine Kleinstadt unweit der ukrainischen Grenze.
Wir wollen einen Film über die Roma hier machen.
Es ist nicht weit bis nach Kosice - die Stadt darf sich jetzt „europäische Kulturhauptstadt“ nennen, so wie Marseille. Doch von der europäischen Kulturförderung haben die 200 Menschen hier nichts bekommen."
Zdenko auf Friedhofgang
"Er hat gesagt, er würde am Friedhof auf uns warten. Zdenko Turtak ist so etwas wie ein Sprecher der Dorfbewohner, er nennt sich stolz "Zigeuner", das Wort "Roma" benutzt er nur im offiziellen Rahmen. Und er spricht schonungslos über die Probleme hier."
Im Dorf ist gerade die Aufregung groß – ein Mann hat sich die Pulsadern aufgeschnitten.
Frau
"Andru hat sich die Pulsadern aufgeschnitten."
Zdenko Turtak
"Einige haben 9, 8, 5, 4, 2. Sie sind erst 14 oder 15 Jahre alt. Sie verstehen nicht, dass sie das Leben noch vor sich haben. Sie kennen es noch nicht. Mit 13 oder 14 nehmen sie sich einen Ehemann und bekommen Kinder. Das ist schrecklich. Sie begreifen nicht, dass man erst selbst leben muss, dass es zu früh ist für Ehemann und Kinder, um die man sich eben auch kümmern muss. Aber das verstehen sie nicht."
Die meisten Zigeuner sterben hier jung. Besonders hart trifft es die Kinder. Ihr Leben ist geprägt von Verwahrlosung, Drogenkonsum und fehlender Zuneigung.
Romasong gesungen von Mädchen
"Ich bin glücklich, wenn ich den Klang der Gitarre höre. Spiel für mich, damit ich tanzen kann."
Was bleibt, ist die Musik und das Tanzen. Die Kinder werden von den Eltern oftmals gezielt zum Betteln eingesetzt. So sind sie selbst aufgewachsen und so geben sie es an ihre Kinder weiter.
Zdenko
"Sie gründen eine Familie wegen des Geldes. Meine tschechische Freundin allerdings hat ihr erstes Kind mit 27 bekommen. Sie hat tatsächlich nur ein einziges, ein einziges! Du musst Dich ja auch kümmern können. Du musst fleißig sein und arbeiten. Das Kind muss betreut werden und es braucht ein Zuhause."
Die Zigeuner haben es schwer. Sie müssen ihr Wasser schleppen.
Mann
"Jetzt haben die uns das Wasser abgestellt. Die Kinder müssen zur Schule. Sie sind dreckig, nackt, barfuß. Ohne Wasser können wir sie nicht baden. Und der Bürgermeister sagt, wir sollen das Wasser aus dem Fischteich holen.Wir sind der letzte Dreck. Wir existieren gar nicht. Was macht der Typ im Rathaus? Wir sollen zum Fischteich? Das soll ein Bürgermeister sein? Er will Geld von uns für Wasser aus einer Pumpe. Nichts kriegt er von uns. Fick Dich ins Knie, Bürgermeister! Geld für Wasser? Der kann uns alle mal!"
Vejda, Chef der Zigeuner
"Hier kommt die Schule hin. Hier die Zugang zu den Leitungen und hier die Häuser der Familien. Jeder muss für Wasser bezahlen. Heute ist nichts mehr umsonst und Wasser muss man eben auch bezahlen. Auch ich zahle dafür. Es geht nicht, dass der Bürgermeister alles für sie bezahlt. Das ist einfach nicht möglich."
Sie gehörten einst zur Zunft der musizierenden Roma: Sie zogen über Land und verdienten ihr Geld mit Singen und Tanzen. Das Singen und Tanzen haben sie behalten. Arbeit gibt es für sie kaum. Sie werden diskriminiert, wie eh und je. Die Europäische Union hat dagegen viele Papiere verfasst. Geholfen hat bisher keines, auch nicht in der „Kulturhauptstadt“ Kosice.
"Wir würden uns freuen, wenn Ihr wieder vorbeikommt. Besucht uns und seht, wie wir Roma leben."
Autorin: Diana Näcke







