-
Sie war vier Monate alt, als sie Unbekannte 1942 in ein Warschauer Krankenhaus brachten. Ein polnisches Ehepaar hat sie adoptiert – und so vor dem Tod gerettet. Jahre später erfährt die Jüdin Barbara Skowronek ihre wahre Geschichte.
Vom Dackel Filipek trennt sich Barbara Skowronek nur ungern. Auch zum täglichen Besuch auf dem Blumenmarkt in Warschau kommt ihr Liebling mit.
"Sind sie nicht schön?"
Die 71-jährige Barbara ist ehemalige Opernsängerin. Und - Holocaustkind.
Barbara Skowronek
"Ich muss zwei Jahre alt gewesen sein, als ich zum ersten Mal was gehört habe. "Du hast weder Mami, noch Papi", erzählten die Kinder im Sandkasten. Ich hörte zu, ich dachte mir etwas, wie ein Kind eben. Aber nachgefragt habe ich nicht. Ich war ein sehr schüchternes Kind. Zu Hause haben wir nie über die Vergangenheit gesprochen, über meine Kindheit. Wir haben nur über aktuelle Dinge gesprochen. Ich merkte auch, dass, wenn ich meine Mutter darauf ansprach, es ihr weh tat."
Erst als Erwachsene hat sie erfahren, dass sie wahrscheinlich aus einer jüdischen Familie stammt.
Barbara Skowronek
"Die Fotos sind von 1943, denke ich. Ich bin hier noch nicht mal ein Jahr alt. Eventuell doch etwas älter, weil ich schon sitzen kann. Hier ist meine Mutti, hier ist sie es auch, und hier ist mein Papa. Er war in der Heimatarmee, in der Untergrundbewegung. Sie wussten meist, wann die Transporte in die Vernichtungslager gingen und sie versuchten, die Kinder bei jeder passenden Gelegenheit freizukaufen. Mein Papa wollte eigentlich einen Jungen, aber ich hab mich an sein Bein geklammert. Und so nahm er mich mit."
"Nach dem Tod meiner Eltern erzählte eine Freundin der Familie, dass ich dieses Medaillon und eine Rolle Dokumente am Handgelenk gebunden hatte, als mich mein Adoptivpapa nach Hause brachte. Sie wusste nicht, was in der Dokumenten stand. Jetzt ist dieses Medaillon wie eine Reliquie für mich."
Die Dokumente haben die Adoptiveltern verbrannt. Aus Angst vor Entdeckung. Das Medaillon und ein Taufschein mit dem falschen Name sind die einzigen Spuren, die Barbara Skowronek von ihrem früheren Leben hat.
Sie wohnt nicht weit von der Próżna Straße, damals ein Teil des Warschauer Ghettos. Und wenn Barbara hier vorbei kommt, denkt sie an die Menschen, die ermordet wurden. Sie hätte eine von den vielen sein können, die die Deutschen aus dem Ghetto in die Vernichtungslager getrieben hatten.
Barbara Skowronek
"Geschwister hatte ich wohl nicht. Vielleicht doch, aber sie wurden dann bei einer anderen Person untergebracht. Soweit ich weiß, hat niemand von meiner Familie überlebt. Meine Adoptiveltern haben nach dem Krieg sehr intensiv nach ihnen gesucht, besonders Papa. Ich möchte es vielleicht jetzt nicht mehr wissen. Es würde mich ganz durcheinander bringen, jetzt jemanden zu treffen. Es wäre ja nun eine ganz fremde Person".
Jeder Tag ist verplant. Kurse, Treffen, Theater. Heute hat ihre Freundin eine Vernissage.
Barbara Skowronek
"Wenn ich viel zu tun habe, dann laufe ich von einer Veranstaltung zu nächsten und lebe einfach in den Tag hinein. Seit ich in Rente bin, kommen aber immer öfters Gedanken. Ich habe mal einen Satz gelesen: ich bin Trauerkrank - und das passt perfekt zu mir: Ich bin unter Menschen, wir scherzen, wir lachen - aber dann fällt die Maske und ich bin wieder traurig."
Autorin Agnieszka Hreczuk







