-
"DAS KAPITAL, die Kritik der politischen Ökonomie" von Karl Marx gehörte früher zur theoretischen Grundausstattung für jeden Linken. Nach der Wende war es auch mit dem Marxismus scheinbar vorbei. Aber jetzt entdecken die Jungen ihn wieder.
Von manchen religiös verehrt, in den sozialistischen Ländern Pflichtlektüre. In den kapitalistischen - Werbeikone. Am Ende des Kalten Krieges sind sich für einen kurzen geschichtlichen Augenblick einig: Karl Marx hat ausgedient. Doch er kam wieder: Seit Börsencrash und Wirtschaftskrise hat sein Standardwerk wieder Konjunktur: Das Handelsblatt nimmt es ihn in der Kanon der Ökomonie auf und das Buch ist rasch vergriffen.
Seine Geburtsstadt Trier feiert den Kapitalismuskritiker mit einer Ausstellung, 130 Jahre nach seinem Tod.
Und wieder ist es die Jugend, die Karl Marx für sich entdeckt. Z.B Nicolas Schaefers. Er kommt aus Luxemburg und studiert in Berlin Sozialarbeit. Für Marx begann er sich während seines Philosophie-Studiums in Frankreich zu interessieren.
Nicolas Schaefers
"Ich glaube, dass dem Kapitalismus nicht wirkich gelungen ist, alle seine Versprechen zu halten, wenn man sieht, wieviele Menschen, auch auf einer globalen Ebene, nicht teilhaben am - nicht nur Wohlstand - sondern an elementaren Sachen. Und ich finde das sehr wertvoll, dass Marx einem auch eine Perspektive gibt, die einen auch etwas außerhalb stellt. Dass man nicht nur versucht eine Maschine, die nicht gut läuft, sozusagen zu reparieren, sondern, dass man sich auch mal mit dem Bauplan beschäftigt, dass man sieht, dass einige Fehler vorprogrammiert sind. Und das kann sehr befreiend wirken."
Peter Goebel gehört der Generation der 68er an. Weil die Eltern über die Verbrechen der NS-Zeit schweigen, wird er Antifaschist.
Peter Goebel
"Die antifaschistische Bewegung, zumindest die Kontakte, die ich hatte, kamen alle aus der KPD und von daher war dann die Brücke geschlagen vom Antifaschismus eben zu Karl Marx. Es war für mich faszinierend solche Schlagworte wie Diktatur des Proletariats. Da fand ich Diktatur ist ja was Negatives, Proletariat fand ich gut, kam ich ja selbst raus. Und da fand ich, wenn die Diktatur des Kapitals schon mal da war, da müsste man die Diktatur des Proletariats haben. Ist ja vielleicht eine gerechtere Gesellschaft."
Die Protestbewegung der 68er sucht nach Alternativen zum Kapitalismus. Die Werke von Marx und Engels gehören zur ideologischen Grundausstattung eines westdeutschen Revolutionärs. Zwei Generationen später: die Enkel tragen die blauen Bände wieder im Rucksack und suchen in den sperrigen Texten nach Antworten auf die aktuelle Krise: Die "Kapital"- Kurs in der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin sind gut besucht.
Nicolas Schaefers
"Menschen die Komplettlösungen für die Probleme der Welt anbieten, denen ist grundsätzlich zu misstrauen. Marx liefert vielmehr, glaub ich, einen politisch-ethischen Kompass dafür wo es hingehen könnte oder müsste."
Peter Goebel hat lange geglaubt, die DDR strebe eine gerechtere Gesellschaft an. Wo sich heute ein Tanzstudio befindet, hatte er einen Verlag für sozialistische Literatur. Die Verbrechen, die im Namen des Kommunismus begangen wurden, wollte er lange nicht wahrhaben.
Peter Goebel
Die Gulagsachen von Solschenizyn, "Die Revolution entlässt ihre Kinder" von Leonard. Das hab' ich dann erst in den 80er Jahren gelesen. Das war dann ein bitteres Erwachen. Da zweifelt man dann, wem bist du da hinterhergelaufen? Das hätte mich aber nicht davon abgebracht, dass die Ideen von Marx und Engels in Verruf geraten sind. Sondern sie wurden im Prinzip missbraucht!"
Das alles ist für Nicholas Geschichte. Er sucht bei Karl Marx nach Antworten auf seine ganz persönlichen Fragen!
Nicolas Schaefers
"Ich möchte definitiv in Berlin bleiben und wahrscheinlich auch in der sozialen Arbeit tätig werden. Das gefällt mit in der Hinsicht, dass man da zumindest Anwaltschaft übernehmen kann oder Hilfe leisten kann für Gruppen, die in der Gesellschaft benachteiligt oder marginalisiert sind. Ja ich glaube Marx war Gerechtigkeit ganz klar wichtig. Es ging bei ihm primär zunächst um die Arbeiter oder das klassische Proletariat aber mit Marx weiterdenken heißt auch zu erkennen, dass es auch ganz ander Gruppen betreffen kann und sich auch für die einzusetzen."
Autorin Katharina Zabrzynski


