Grenzenlose Universität, Internetpräsenz (Quelle: rbb)

- Grenzenlose Universität

Markus Kreßler ist selbst noch Student in Berlin. In seiner Freizeit baut er nebenbei eine Online-Universität für Flüchtlinge auf: die "Kiron University". Hier können sie unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus schon mit einem Studium beginnen. "Das ist das Schönste, dass ich mit meinem einen Leben so vielen Menschen eine Perspektive geben kann".
 
 

Sie sind geflüchtet, aus Afghanistan, sie sind in Berlin, sie möchten studieren. Sayed - will Bauingenieur werden. Doch ihm fehlen Nachweise über sein bisheriges Studium.

Sayed Rahmatulla
"Ich habe keine Dokumente. Ich habe nichts hier und deshalb darf ich hier nicht studieren."

Saeede - möchte Psychologie studieren. Doch ihr Aufenthaltsstatus in Deutschland ist nicht geklärt.

Saeede Hashemi
"Ja, ich muss warten, das ist sehr schwer."

Mozamel - möchte Wirtschaft oder IT studieren. Doch sein Abitur wird nicht anerkannt.

Mozamel Aman_
"Mein Traum ist, dass ich kann hier mein Studienabschluss machen kann, also mindestens mein Master."

Wie ihnen geht es Tausenden von jungen Geflüchteten. Sie müssen Jahre warten, bis sie in Deutschland zum Studium zugelassen werden. Verschenkte Jahre.

Er will das ändern. Markus Kreßler ist selber noch Student der Psychologie und Wirtschaftskommunikation. In seiner Freizeit baut er eine Online-Universität für Flüchtlinge auf. Die Idee kam ihm, als er in einer psycho-sozialen Beratung mit einer jungen Frau sprach, die aus Nigeria geflohen war.

Markus Kreßler
"Und die meinte irgendwann zu mir Markus, ich möchte nicht mehr über diese traurigen Geschichten sprechen. Diese Bilder werde ich nie wieder aus meinem Kopf bekommen in meinem Leben. Was uns wirklich hilft, ist eine Perspektive im Leben zu haben."

Sein Projekt setzt er ehrenamtlich und  mit Helfern um. Der Clou: Junge Migranten können anfangen zu studieren, ehe ihr Aufenthaltsstatus geklärt ist. Erst am Ende des Studiums müssen sie ihre Identität nachweisen. Sie brauchen keine Zeugnisse anerkennen zu lassen - sondern machen einen Eingangstest. Studiengebühren soll es nicht geben.

Markus Kreßler
"Flüchtlinge sind einfach da und es werden immer mehr kommen, diese Kriege werden in absehbarer Zeit nicht enden. Wir können entweder zusehen und weiter nichts machen oder wir können uns darum kümmern, dass diese Leute vollwertige Mitglieder der Gesellschaft werden."

Und das ist keine idealistische Spinnerei - davon ist Prof. Erdmann in Berlin überzeugt. Er unterstützt die Kiron - Universität beim Aufbau - und dabei, die Hürden zu überwinden.

Prof. Dr. Johannes Werner Erdmann
Universität der Künste Berlin
"Die größte Schwierigkeit sehe ich insbesondere in den Prüfungen und der Anerkennung der Prüfungen, denn die Wings University aus eigener Kraft kann innerhalb der akademischen Community die entsprechenden Standards alleine nicht durchsetzen und garantieren."

Also schließt die Online - University jetzt Abkommen mit bestehenden Universitäten weltweit. Sie wählt die Studenten aus und bietet ihnen ein Studium Generale im ersten und zweiten Studienjahr. Im dritten Jahr gehen die Studenten an Partneruniversitäten. Dort können sie einen international anerkannten Abschluss machen. Im Oktober geht es los: junge Geflüchtete können interkulturelle Studien, Wirtschaft, Informatik, Ingenieurswissenschaften und  Architektur studieren. Über 15.000 Anfragen liegen bereits vor. Mozamel will Betriebswirtschaft studieren.

Mozamel Amanon
"Leute hier in Deutschland denken, dass Asylanten sind ein Problem. Aber wenn zum Beispiel wir ausgebildet sind und wir können die gleich wie die Deutschen hier arbeiten kann und etwas für die Gesellschaft machen kann. Dann die sehen, dass wir nicht ein Problem, wir ein Teil von den Gesellschaft."

Markus Kreßler und sein Team warten nicht, bis alle bürokratischen Hürden genommen sind - sie schaffen Fakten: am Ende soll die Kiron University als eigenständige Universität Abschlüsse anbieten in einer Vielzahl von Fächern. Das Interesse ist riesig.

Markus Kreßler
"Ich habe am Anfang meine Telefonnummer noch auf der homepage gelassen und habe teilweise Anrufe bekommen von Leuten aus dem Gaza Streifen oder Flüchtlingen aus Syrien, die gefragt haben, wann es endlich los geht, haben drei Jahren Ingenieurwissenschaften studiert und brauchen eigentlich nur noch ihre Bachelor Arbeit schreiben. So können die das jetzt endlich bei uns machen und ein normales Leben einfach starten. Und das ist das Schönste, dass ich mit meinem einen Leben, was ich habe, hunderten oder tausenden von Menschen da draußen wieder eine Perspektive geben kann."

Eine crowd funding Kampagne hat schon begonnen. Neue Hoffnung für junge Leute wie Sayed, Mozamel und Saeede: Endlich nicht mehr nur "Flüchtlinge", sondern Menschen mit Potential und Zukunft zu sein!

Autorin Katharina Wysocka

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