-
Sie sind kaum vorstellbar: die Bedingungen, unter denen vor 70 Jahren im Konzentrationslager Theresienstadt ein Chor das Requiem von Verdi sang. Ein Akt von "Kulturwiderstand", wie einer der wenigen Überlebenden berichtet. In Berlin wird ein Gedenkkonzert am 4. März daran erinnern - und daran, dass nur wenige der Musiker dem Judenmord entkamen. Um sich darauf vorzubereiten, hat eine 24jährige Berliner Chorsängerin den Ort der Aufführung besucht.
Filmausschnitte aus dem Dokumentarfilm Defiant Requiem
Was sie hört, ist Musik als Widerstand.
Judith van Winkelen bereitet sich auf ein ganz besonders Konzert vor. Sie besucht den unmöglichsten Ort, an dem vor 70 Jahren Verdis Totenmesse gesungen wurde: Theresienstadt!
Theresienstadt, die Hölle für 140.000 Gefangene, unter ihnen viele Künstler, vor allem aus Deutschland und Tschechien. Sie haben den Horror selbst dokumentiert, die erstickende Enge, den Hunger, die Seuchen.
Felix Kolmer kam mit dem ersten Transport aus Prag nach Theresienstadt. Er zeigt Judith jene Katakomben, in denen die jüdischen Gefangenen 1944 die katholische Totenmesse probten.
Judith van Winkelen
"In diesem Raum ist es sehr kalt."
Felix Kolmer
"Ja"
Judith van Winkelen
"Wie war es damals möglich, die Proben zu machen?"
Felix Kolmer
"War es halt in der Kälte. Es war, anders konnte man es nicht tun. Und zuerst war die ganze Kultur , geheim gemacht. Das war nur in dem Keller gemacht oder unter dem Dach oder in dem Lager von Kartoffeln. Aber später, wenn die SS das erfahren hat, so, die SS hat sich gedacht: es ist ganz gut eine Kultur da zu haben, weil es ist eine gute Propaganda."
Nach 12 Stunden Zwangsarbeit spielten die ausgehungerten Gefangenen Theater Sie zeichneten, sangen und musizierten. Ausgerechnet das Requiem aufzuführen, war seine Idee. Rafael Schächter war mit 24 Jahren schon ein großer Dirigent ...
Hier im Rathaus, im großen Saal, hat er Verdis Totenmesse dirigiert, 16 mal, auch vor der SS. Und Felix Kolmer war einer der Zuhörer.
Felix Kolmer
"Die Musik kam zu mir. Das ist unterschiedlich, aber zu mir kam es näher zu der Seele, möchte ich sagen. Und das hat uns alles gestärkt, gestärkt. Nicht in einem politischen Widerstand, aber in einem Widerstand gegen die Situation in welcher wir waren."
Die letzte Aufführung 1944. Der Dirigent und die meisten Sänger werden anschließend ermordet.
An diese Geschichte erinnern Judith van Winkelen und der Chor des jungen Ensembles Berlin. Sie führen das gigantische Werk in Erinnerung an das Leid von Theresienstadt auf.
Dies ist seine Idee: er nennt es "das Requiem des Widerstands". Der amerikanische Dirigent Murry Sidlin erinnert überall auf der Welt an die Theresienstädter Künstler und die seelische Kraft der Musik.
Murry Sidlin
"Das war ihre Waffe, ihr Kampf, um zu überleben. Das war keine Ablenkung, sondern sie haben das Schönste der Menschheit gegen das Böseste gesetzt. Meine Absicht war es, diese Geschichte aus der Vergessenheit zu holen!"
Mit seinem amerikanischen Chor ist Sidlin vor 3 Jahren nach Theresienstadt gereist um das Werk dort zu singen, wo die Gefangenen es geprobt hatten.
Murry Sidlin
"Das ist für mich ein sehr religiöser Moment. Eines der wichtigsten Dinge, die wir tun können, ist es, vor diesen Wänden noch einmal jene Musik zu singen, wie sie vor Jahrzehnten erklang und danach nie wieder."
Judith van Winkelen
"Ich habe jetzt die ganze Zeit ein viel eindrucksvolleres Bild vor Augen. Ich habe durch viele Leute die Umstände besser kennenlernen können. Ich kann das jetzt mittragen und ich glaube, durch die Musik vermittele ich das jetzt ehrlicher in Gedenken an diejenigen, die jetzt verstorben sind."
Murry Sidlin
"Nun, hat sie das vor den Gaskammern in Auschwitz bewahrt? Natürlich nicht. Aber es gab ihnen in den letzten Stunden oder Tagen oder Monaten für ihre letzte Zeit auf Erden Erfüllung und menschliche Würde."
Autorin Maria Ossowski, rbb






