Eine Hausfassade ist mit einem Graffiti mit der Aufschrift „Gentri-Fick-Dich“ geschmückt (Quelle: rbb)

- Vom Türken-Ghetto zur Touristenattraktion

"Das Viertel SO36 ist zum Türkenghetto geworden", heißt es in einem SFB-Film von 1980, der das Schicksal der "letzten Deutschen" in Berlin Kreuzberg beschreibt. Wie z.B. das von Frau Schock aus der Waldemarstraße 37, die nach 40 Jahren ihre gewohnte Umgebung verlassen musste, weil in ihrem sanierungsbedürftigen Haus "nur noch Türken wohnten". Heute ist der Gewerbehof Waldemarstr.37 heiß begehrt und vollvermietet. Aber gibt es unter den Mietern auch Deutsche? Nach fast 40 Jahren schauen wir uns wieder im ehemaligen "Türkenghetto" um.

Kreuzberg 1980 – ein Westberliner Bezirk im Schatten der Mauer. Hier leben Menschen mit wenig Geld.  Wie z.B. Frau Schock, in der Waldemarstraße 37.

Filmausschnitt SFB "Ich bin die einzige Deutsche hier“
"Seit einem Jahr bin ich die einzige Deutsche hier. Und im Ganzen sind wir noch drei Türkenfamilien mit sechzehn Kindern."

Ein Stadtteil stirbt, ein Ghetto ...  schlimmer noch, ein Slum entsteht.  Er ist als Türken-, Alternativen- und Aussteigerviertel nicht lebensfähig."

Knapp 40 Jahre später besuchen wir das "Türken-, Alternativen- und Aussteigerviertel". Lebt es noch? Und vor allem wie? Die Industriehöfe in der Waldemarstraße 37 wurden saniert und sind jetzt eine angesagte Adresse bei Kreativen. Hier hat auch der argentinisch-deutsche Designer Mario Lombardo sein Büro - mitten im "Türkenghetto".

Mario Lombardo
Designer
"Ich habe einfach ganz große Probleme mit dem Wort "Ghetto", weil was man hier in Kreuzberg sieht, es ist  einfach eine Art von Leben, die es in Westdeutschland nicht gibt.  Es gibt Gemüse auf der Straße, es gibt einfach Buden, die Essen verkaufen ... das ist Großstadt! Das ist es, wenn man nach New York, nach London, nach Paris geht, das sind zwar andere Kontraste und andere Nationalitäten, die zusammen kommen, aber es ist genau das, was interessant wird."

Das Lebensgefühl hat sich verändert: Graffitis und Subkultur bedeuten heute nicht mehr "Untergang". Sie locken kreative Nomaden an, machen ein Quartier attraktiv und lassen gleichzeitig die Mieten explodieren.

Mario Lombardo
Designer
"Ich bin seit drei Jahren hier und werde das auch wieder verlassen ...  Die Miete ist erhöht worden und wir werden jetzt einfach weiter ziehen. Wir hatten eine tolle Zeit hier ..."

Heinrichplatz - Hikmet Gülmez, Facharzt für Innere Medizin. Er ist schon hier seit seinem 4. Lebensjahr.

Hikmet Gülmez
Arzt
"Das Haus hier gegenüber an der Ecke ...  was wir da sehen ...  ist das erste besetzte Haus gewesen ...  in Berlin. Dieser Gemüse- und Obstladen das ist nicht nur ein Gemüse- und Obstladen, sondern das war so zu sagen der erste Bio-Laden gewesen – in Berlin, in Kreuzberg gerade. Das war damals sehr attraktiv."

1974 zogen seine Eltern als türkische Gastarbeiter nach Kreuzberg.

Hikmet Gülmez
Arzt
"Damals war Kreuzberg ein typischer Arbeiterbezirk gewesen, wo man billig wohnen konnte, und deswegen sind Menschen in den Bezirk eingezogen, die wenig verdient haben. Aber jetzt ist es anders geworden. Nach der Wende hat sich ja - Kreuzberg steht ja plötzlich in der Mitte der Stadt ...  so dass primär die Nachfrage bzw. die Begehrtheit des Bezirkes unheimlich zugenommen hat, somit auch die Mieten, d.h. da können Menschen mit wenig Einkommen die Mieten nicht bezahlen und müssen in die Randbezirken."

Einer, der auch schon immer da ist: Michael Wießler mit seinem Laden für Comics. Damals wie heute findet er Kunden für seine Ware - anspruchsvoll gezeichnete, politische und literarische Comics aus der ganzen Welt. Sein Geschäft ist einer von vielen Buchläden in der Oranienstraße.

Michael Wießler
Comicladen Modern Graphics
"Wir haben die "lange Buchnacht" vor neunzehn Jahren gegründet, weil damals Kreuzberg so schlecht dargestellt wurde in den Medien so runtergeschrieben wurde. Im Spiegel Artikel stand "Kopfschuss auf der Straße gehört zum Alltag" so ungefähr, und zur gleichen Zeit gab es Großbuchhandlungen, die hier aufgemacht haben, und wir wollten einfach zeigen, dass die Summe der Buchhandlungen hier auf der Straße letztlich auch eine große Buchhandlung ist - mit den verschiedenen Spezialisierungen ... "

Auch er ist von höheren Mieten bedroht. Für viele Einzelhändler geht es um die Existenz. Aber die Kiezbewohner halten zusammen - Gewerbetreibende und Anwohner solidarisieren sich im Kampf um bezahlbare Mieten. Das  hat hier Tradition. In den 80er Jahren wurden duzende Häuser besetzt. Erst nach harten Kämpfen lenkte der Senat ein und begann einen Teil davon zusammen mit den Anwohnern zu sanieren. Sozial verträgliche Mieten waren das oberste Ziel.

Filmausschnitt SFB  "Ich bin die einzige Deutsche hier"
"Vor zwei Jahren wurde der Bürgerverein SO 36 gegründet. Sein Ziel ist es,  mit den Betroffenen an den Planungen der Behörden mitzuarbeiten."

Knapp 40 Jahre später sind die Utopien von damals ins Museum gewandert. Ein Kiezmodell im Kreuzberg Museum veranschaulicht, wie sich die damaligen Bewohner ihren idealen Kiez vorgestellt haben. Vieles wofür sie gekämpft haben, ist schon wieder verschwunden.

Ulrike Treziak
Friedrichhain-Kreuzberg Museum
"Man sieht hier sind überall kleine Läden gewesen und es ist eigentlich kaum noch ein Laden heute da. Eine Ausnahme ist ...  da, damals der Schallplattenladen, heute Central Music, den haben wir immer noch. Wir waren so was wie ein gallisches Dorf hier. Wir hatten wirklich Freiräume, keiner wollte investieren... Leute, die sich es leisten konnten, wollten hier auch nicht wohnen und deshalb hat man uns so ein bisschen in Ruhe gelassen. Irgendwann hat man gemerkt, es ist aber ganz schön weit gegangen, was sie so alleine fabrizieren, und hat dagegen gesteuert, aber eine Zeitlang gab es so ein Gefühl von Freiraum."

Der Musikladen von Reemt-Holger Ulrich ist geblieben und die Gitarren verkauft er immer noch. Aber um über die Runden zu kommen, hat der Besitzer sein Sortiment "etwas" erweitert.

"Das ist eine Stratocaster ...  made in Japan ..."

Und auch Freund und Nachbar Jürgen Hillmann auf der anderen Straßenseite betreibt noch seinen Feinkostladen – seit über 30 Jahren.

"So, was wird es? Hat man sie gefunden? Gut."

Reemt–Holger Ulrich
CENTRALMUSIC
"Es wird nur immer mehr spekuliert, es werden immer mehr wohlsituierte Unternehmen hier angesiedelt in den Hinterhöfen ...  Und tendenziell ist es so, die Mieten machen Sprünge nach oben, verdoppeln sich, verdreifachen sich ...  die Gewerbemieten. Das ist dann für einen normalen Gewerbetreibenden nicht mehr zu tragen."

Hans-Jürgen Hillmann
Lebensmittel Hillmann
"Früher hieß es also, wer einen Laden hat, der Chef, der soll sich halt kümmern. Und jetzt ...  es geht auch darum, dass hier noch ein lebendiges Gewerbe auch ist, und wenn dann nur noch Sushi und Hamburger ...  dann ... ist die Straße tot."

Autorin Milena Hadatty

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