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Seit den 60er Jahren haben Tausende Gastarbeiter geholfen, die deutsche Industrie wieder aufzubauen. Und mit ihren Beiträgen die Kassen der Sozialsysteme gefüllt. Seit der Wende kommen vor allem EU-Bürger nach Berlin - die meisten hoch qualifiziert. Auch sie stützen die deutschen Sozialkassen. Die "Einwanderung in die Sozialsysteme", ist eine Lüge, die vor allem vor Wahlen wieder und wieder bemüht wird.
Neukölln ist ihr Kiez . Als "Gastarbeiter" waren Sevgi und Sebahattin Hizarci aus der Türkei gekommen, er arbeitete als Schweißer, sie im Akkord am Fließband, als Reinigungskraft, alles, was sie kriegen konnte. Seit vierzig Jahren kaufen sie hier ein.
Sebahattin Hizarci
"1970, auf dem Maybachufer, dem Basar ... waren keine Wassermelonen und keine Honigmelonen gewesen ..."
Sevgi Hizarci
"Auberginen kennen die überhaupt nicht hier ... Deutschland ... Aubergine, Knoblauch, kennen die überhaupt nicht."
Sie sprachen kein Wort Deutsch, zu Anfang, aber irgendwie konnten sie sich verständlich machen.
Sevgi Hizarci
"Wenn wir den Mund aufmachten, die Deutschen waren so intelligent ... die wussten schon, was man sagen will. Die haben uns verstanden. Dann ... nach und nach wir haben Deutsch gelernt."
Sebahattin Hizarci
"Wenn wir Eier kaufen gehen ... gagaga!!"
Sevgi Hizarci
"Wenn die Leute Honig kaufen möchten ... Bzzz!"
Sevgi war erst siebzehn. Sie folgte ihrem dreiundzwanzig jährigen Ehemann nach Berlin. Und fand sofort Arbeit. Sie konnte nicht lesen und schreiben. Beide verstanden sie kein Deutsch. Alles haben sie sich im Laufe der Jahre selbst beigebracht. Es gab für sie weder Sprachkurse noch Kindergartenplätze für ihre drei Kinder. Aber all die Jahre zahlten sie Steuern und Sozialabgaben in die deutschen Kassen und verhalfen der deutschen Industrie zu ihrem "Wirtschaftswunder".
Doch seit vier Jahrzehnten wird die Frage gestellt, ob Einwanderer "auf Kosten des deutschen Steuerzahlers" leben! Gern vor Wahlen! Und immer wieder belegt die Statistik das Gegenteil!
Monika Lüke
Integrationsbeauftragte Berlin
"Es gibt keine Anzeichen dafür, dass gerade die erste Migrantengeneration, die in den 70er Jahren kam, seien es eben Migranten und Migrantinnen aus der Türkei oder aus Polen... die deutschen Sozialsysteme besonders belasten. Das Gegenteil ist der Fall. Die Menschen haben hier jahrelang in die Sozialkassen eingezahlt und ermöglichen nicht nur ihnen, sondern auch uns, die Rente."
Heute ist es die Nachfrage nach Hochqualifizierten, die junge Einwanderer nach Deutschland lockt: Era ist 27, Chemikerin, kommt aus Griechenland und ist seit einem Jahr wissenschaftliche Assistentin an der Freien Universität Berlin.
"... Bitte immer das gleiche Laufmittel gebrauchen, um objektiv zu vergleichen, sonst macht es keinen Sinn ..."
Organische Chemie für die Erstsemester.
Era K.
"Mit den Studenten – ich betreue die einfach. Ich betreue die Arbeit, die sie machen, hier im Labor. Wenn sie Fragen stellen, bin ich da ... Ich möchte mein Deutsch verbessern und ich nehme das so wie eine ganz gute Möglichkeit, nicht nur den Deutsch, den man jeden Tag spricht im Alltag mit Freunden und so weiter, oder wenn man in Einrichtungen geht, und so weiter, sondern auch das ganz spezielle Deutsch, also Chemie."
Sie wusste schon als Kind, dass sie irgendwas mit Wissenschaft machen würde. Die Tochter von albanischen Griechen spricht neben Griechisch und Albanisch, Englisch, Französisch, Deutsch – und Altgriechisch! Era sagt, sie hat Glück gehabt, weil sie einen Job in Deutschland gefunden hat. Aber auch eine Hochqualifizierte wie sie, braucht mehr als Glück.
Era K.
"Man muss mehr tun, man muss mehr qualifiziert werden, um einen guten Arbeitsplatz zu kriegen. Ich wurde immer gefragt über Chemie und über was ich bisher gemacht habe."
Sie muss besser sein als ihre deutschen Mitbewerber, das ist ihr bewusst. Berlin ist beliebt bei jungen hoch qualifizierten Europäern. Zum Glück für Deutschland: ohne den Zuzug von 200.000 Einwanderern pro Jahr wäre es um Renten- und Sozialkassen noch schlechter bestellt ..... dann gäbe es schon in zwanzig Jahren nicht genügend Berufstätige, um die Renten zu sichern.
Der Zuzug von Einwanderern kann den Trend immerhin abmildern!...
Für den Einzelnen sind die Statistiken nicht relevant. Für Familie Hizarci zählt, was sie erreicht hat: sie haben mit ihren Ersparnissen ein Ferienhaus in der Türkei gebaut, und ihren drei Kindern eine gute Ausbildung ermöglicht.
Sevgi Hizarci
"Meine Tochter studiert immer noch in Westdeutschland, in Ulm, Medizin, mein älterer Sohn ist Anwalt - und mein jüngerer Sohn ist Lehrer."
Kinder von Gastarbeitern, die damals nicht lesen und schreiben konnten, zählen heute zur akademischen Elite in Deutschland. Wenn das kein "Gewinn" ist - nicht nur für die deutschen "Sozialkassen"!
Autorin Milena Hadatty





