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Erst die Öffnung der Archive in den 90ern machte die Rekonstruktion möglich: Die Folgen von Stalins Zwangskollektivierung in der Ukraine. 2009 ließ Präsident Wiktor Juschtschenko mitten in Kiew eine nationale Gedenkstätte errichten. Sie soll an den Hungertod von 3,5 Millionen Ukrainern erinnern.
In Moskau will man davon nichts wissen. Die unterschiedliche Bewertung des "Holodomor" ist einer der Gründe für das tief sitzende Misstrauen von Ukrainern gegenüber Russland.
Diese Bilder von den Kämpfen in Kiew sind um die Welt gegangen. In der Ukraine wird sie so schnell niemand vergessen. Jetzt blicken alle Richtung Krim. Auf dem Majdan herrscht eine bedrückende Normalität - das Land steht vor einer Zerreißprobe. Zwischen denen, die sich eine Anbindung an die Europäische Union wünschen und denen, die auf ein starkes Moskau setzen.
Mutter Heimat heißt die Kolossalstatue, die auf einem Dnepr - Hügel über Kiew thront. Sie ist Teil eines 10 Hektar großen Memorialkomplexes, der dem Kampf der Roten Armee gegen Nazideutschland gewidmet ist. Über 5 Millionen Einwohner der ukrainischen Sowjetrepublik verloren während des Krieges ihr Leben. Ihrer wurde in Moskau und Kiew immer gemeinsam gedacht.
Von den Millionen Toten, die in den 30er Jahren durch Stalins Zwangskollektivierung starben, will jedoch Putins Russland bis heute nichts wissen. Diese nationale Gedenkstätte am Ufer des Dneprs wurde erst 2009 eröffnet. Bis zur Unabhängigkeit des Landes durfte über den Holodomor, der Tötung durch Hunger, in der Ukraine nicht gesprochen werden.
Die ukrainischen Bauern waren für Stalin Klassenfeinde, "Kulaken". In den Jahren 1932 und 33 wurden ihnen das Vieh und ihre gesamte Ernte weggenommen, bis auf das letzte Korn. Es war bestimmt für das städtische Proletariat und für den Export: 3,5 Millionen Ukrainer verhungerten. Erst jetzt kann nach und nach diese Geschichte aufgearbeitet werden. Im Museum gibt es auch eine deutschsprachige Führung.
Oleksandra Monetowa- Fedorowa
Holodomor Museum Kiew
"Jedes Buch ist einer gewissen Region der Ukraine gewidmet. Zum Beispiel dieser Band ist der Stadt Kiew gewidmet. Jeder Band enthält ein spezielles Kapitel, ein sogenanntes Märtyrium. Die Listen der Menschen und Namen der Opfer."
In den Büchern stehen die Namen der Verhungerten aus jedem Dorf. Und immer noch kommen neue Namen dazu. Die offiziellen Dokumente der sowjetischen Behörden geben als Todesursache gewöhnliche Krankheiten an: Herzversagen, Tuberkulose oder Altersschwäche ...
Das Land war übersät mit Leichen ... die Lebenden wussten nicht mehr, wo sie ihre Toten begraben sollten: "Das Bestatten von Leichen an dieser Stelle ist kategorisch verboten", heißt es 1933 auf diesem Schild bei Charkiw.
Olena Sirota
Historikerin
"Der Hunger wurde willkürlich erzeugt, um einen Teil der Bevölkerung zu töten und alle anderen mit Angst zu erfüllen. Und diese Angst ist bis heute geblieben. Die Menschen, die das erlebt haben, die den Genozid überlebt haben, hatten Angst darüber zu sprechen. Diejenigen die es trotzdem getan haben, wurden von den Sonderdiensten der sowjetischen Machthaber erfasst und bestraft."
Oleksandra Monetowa-Fedorowa
"In meiner Familie wurde das nicht zum Thema. Leider leben meine älteren Verwandten nicht mehr und ich habe niemanden mehr zum Fragen. Aber ich bin sicher, dass einige meiner Verwandten, die zum Beispiel an Grippe gestorben sind, ich denke auch, dass sie an Hunger verstorben sind."
Das Museum zeigt einen sowjetischen Propagandafilm aus den dreißiger Jahren: Zu sehen ist, wie die Ernte aus der Ukraine weggebracht wird – für das Proletariat in den Städten! Und diese Information sollte wie eine Errungenschaft klingen: Jeder Bauer, der fünf Ähren vom Feld geklaut hat, wird als Volksfeind erschossen!
Olena Sirota
Historikerin
"In unserem kollektiven Gedächtnis ist der große Hunger präsent. Die Eltern wollen jetzt, dass die Kinder und die Enkelkinder davon erfahren. Im Schulunterricht hat ein Prozess des Rückblicks in die Vergangenheit eingesetzt: Man erzählt den kleinen Kindern davon in der Grundschule, für sie verständlich. Die Schüler in den oberen Klassen hören nicht nur davon, sie schreiben selber Aufsätze darüber."
Solange sich Russland nicht zu diesem Teil seiner Geschichte bekennt, ist es für viele Ukrainer schwer, Vertrauen zum großen Nachbarn im Osten zu fassen. Auch wenn das Hochzeitsfoto vor dem Denkmal für die Gründer der Stadt Kiew immer noch obligatorisch ist – gewidmet den gemeinsamen Vorfahren von Ukrainern und Russen!
Autorinnen Antonia Schmidt, Małgorzata Bucka





