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Sie kamen im 19. Jahrhundert als Arbeitskräfte ins Ruhrgebiet. Heute sind die Polen eine der am besten integrierten Einwanderergruppen. Ihre Geschichte soll das "Polnische Haus" erzählen - ein Dokumentationszentrum, das derzeit in Bochum entsteht.
Sie schufteten in den Bergwerken und für den deutschen Wirtschaftsaufschwung. Etwa 500.000 polnische Arbeiter kamen im 19. Jahrhundert ins Ruhrgebiet – und das Viertel, in dem auch heute die Einwanderer leben, hieß damals "Klein Warschau". In Bochum entsteht jetzt ein Museum für die Geschichte der Polen in Deutschland.
Jacek Barski
Leiter "Porta Polonica"
"Wir sind hier auf der ehemaligen Klosterstraße in Bochum, die jetzt "Am Kortländer" heißt und hier ist vor 100 Jahren etwas richtig Magisches passiert, was die Polen in Deutschland betrifft: Es gab nämlich damals über 30 Institutionen, polnische Institutionen! Alles war hier, von einem Bäcker bis zu einer Bank. Was hier in der Straße geschah, das war die polnische Komponente dieser Integration, ohne, dass man eigene Wurzeln, die eigene Identität, aufgibt, integrierte man sich in diese Gesellschaft."
Identität - das ist natürlich mehr als Volkstanz, aber der wurde hier im Ruhrgebiet mit noch mehr Perfektion gepflegt als in der Heimat.
Der Großvater von Anton Knizik, ein Bergmann, hatte die Tanzschule "Polonaise" geleitet, sein Vater, ein Lehrer, hat die Tradition fortgesetzt. Sie haben streng darauf geachtet, dass ihre Kinder die polnische Sprache - ihre Heimat zum Mitnehmen - schön sprechen lernen.
Anton Knizik
"Meine Großeltern sind hierhergekommen um zu arbeiten. Ich rechne das denen heute noch hoch an – obwohl sie hier in Deutschland waren – dass sie ihre Heimat nicht vergessen haben. Und dass sie das ganze Brauchtum aufrecht erhalten haben. Wenn ich als Junge früher noch als Schüler mit meinem Vater in die polnische Messe ging, das war so ein Ritual, jeden Sonntag, und da mußte ich unterwegs mit meinem Vater immer ein Gedicht lernen, auf Polnisch. Und wenn ich dann ankam und habe das Gedicht aufgesagt, bei den Großeltern, dann habe ich 20 Pfennige gekriegt und konnte zur Bude gehen und mir Süßigkeiten holen. Und wenn ich gesagt hätte: Guten Morgen, auf Deutsch, dann hätte Opa gar nicht von der Zeitung hoch gesehen."
Die alten polnisch bedruckten Postkarten erzählen vom friedlichen Zusammenleben. Damit ist Schluss, als die Nazis an die Macht kommen. 1944 soll der 10jährige Anton gefälligst mit machen.
Anton Knizik
"Damals existierte die Hitlerjugend und ich war in dem Alter wo ich da hingehen musste. Und sie kamen dann vom Jungvolk mit gelben Hemden und schwarzen Hosen, und wollten mich abholen. Mein Vater hat sie rausgeworfen. Eine Stunde später, wurde er abgeholt. Weil ich da nicht hingehen wollte. Und dafür ist er dann nach Dachau gekommen. Ist aber – wie der Krieg zu Ende ging - ist er zurückgekommen … aber Sie können sich ja vorstellen wie …"
Dieses Familienfoto hat eine Urenkelin polnischer Einwanderer dem neuen Museum übergeben. Ihre Familie kam 1880 ins Ruhrgebiet. Damals war Polen geteilt, doch Sprache und Kultur existierten weiter.
Emanuela Danielewicz
Künstlergruppe "Kosmopolen"
"Es ist die Hochzeit meiner Familie, eines Urgroßvaters, in Moers fand diese Hochzeit statt. Das interessante ist, dass die Braut schwarz angezogen ist. Also musste ich meine Mutter fragen – was ist denn das, warum trägt die Braut hier schwarz? Und sie meinte, damals trugen alle Bräute schwarz, weil Polen geteilt war. Man sieht daran, dass Polen, um zu dokumentieren, dass Polen geteilt ist, das Medium Fotografie - und sogar die eigene Hochzeit geopfert haben. Um zu dokumentieren, was mit ihnen passiert. Das ist eine traurige Geschichte, aber ich bin stolz, dieses Foto zu haben. Und wenn das Museum Porta Polonica endlich in Bochum steht, dann ist das Bild auch dabei!"
In einem Denkmal geschützten Gebäude aus der Bergmannszeit wird das Museum entstehen. Kulturhistoriker Jacek Barski sammelt die Exponate. Er selbst war in den 80ern, also vor der Maueröffnung, nach Deutschland gekommen.
Jacek Barski
Leiter "Porta Polonica"
Unsere Dokumentationsstelle soll allen Menschen zugänglich sein und deshalb haben wir überlegt, ein Internetportal zu schalten.
Wir sind erst am Anfang, unsere Dokumentationsstelle gibt es erst seit 6 Monaten.
Schicken Sie uns Ihre Fotos, alles was Sie zuhause finden, schmeißen Sie es bitte nicht weg – geben Sie es uns!
Auch sie werden ein Museumsexponat:
Piotr Mordel & Adam Gusowski
"Club der polnischen Versager"
Dem "Polski Volke" in Deutschland haben sie den Reichstag geschenkt. Adam Gusowski vom Club der Polnischen Versager und Journalist gehört zum Gründerteam von "Porta Polonica".
Adam Gusowski
"Was ich bei der Arbeit bei Porta Polonica gelernt habe, ist dass wir uns gar nicht unterscheiden von den Leuten die vor 100 Jahren nach Deutschland gekommen sind. Wir sind alle Migranten, die nach etwas besserem Leben suchen!"
In Berlin moderiert er die polnische Sendung für Funkhaus Europa. Über Deutsche und Polen weiß er so ziemlich alles: ihre Macken und ihre Ängste, ihre Witze und ihre Trinksprüche.
Adam Gusowski
Club der Polnischen Versager
"Ich lebe seit 25 Jahren in einem richtigen Spagat zwischen Deutschland und Polen und seitdem fühle ich mich wie ein Exponat. Dass ich jetzt im Museum gelandet bin ist selbst verschuldet, aber ich komme ganz gut damit zu Recht …"
Der "Club der Polnischen Versager" als ein Museumsobjekt, wer hätte das gedacht.
Autoren Wolfgang Kübel & Sebastian Gutnik






