Die pommersche Hafenstadt Stettin (Quelle: rbb)

- Das neue Gesicht von Stettin


Zwei neue Museen werden gerade gebaut, die Philharmonie steht kurz vor der Eröffnung… im rasanten Tempo entwickelt sich die pommersche Hafenstadt Stettin zur internationalen Kulturstadt. Auch die Alternativszene blüht. Constanze Kleiner, die neue Leiterin der Stettiner Kunsthalle TRAFO, nimmt uns mit auf eine Entdeckungstour.

Berlin hat Konkurrenz bekommen. Davon ist Constanze Kleiner überzeugt. Sie hat die Berliner Temporäre Kunsthalle geleitet – aber heute nimmt sie ihre Kollegin mit, in die Stadt, in der jetzt die Dinge geschehen: Nach Stettin!

Das alte Elektrizitätswerk wurde aufwendig restauriert und für die Spannung sorgen jetzt Perlen moderner Kunst. Constanze Kleiner leitet die neue Kunsthalle seit zwei Jahren. Für die Eröffnungssausstellung hat sie sich für den Konzeptionskünstler Ryszard Waśko entschieden: ein Pole, der in Berlin lebt.

Constanze Kleiner
"Mir hat er erzählt, er kam mit den Fotos nach Hause und war total enttäuscht und dann hat er die Farbe genommen und dann hat er gesagt, war alles wieder da."

Manchmal muss man einfach nur die richtigen Akzente setzen – und schon werden die Dinge sichtbar. Und so ist Constanze Kleiner dabei, in Stettin in starkes Künstler- und Kuratorennetzwerk aufzubauen. Die Hafenstadt – al s internationales Kunstzentrum!

Constanze Kleiner
Kunsthalle TRAFO
"Ich denke, dass wenn wir permanent mindestens einen Künstler hier haben können, der hier arbeitet und lebt, wäre es wunderbar, um dem Publikum die Möglichkeit zu geben, ganz direkt in einem Arbeitsumfeld, im Atelierkontext Berührung zu bekommen, ins Gespräch zu kommen."

Aber erst mal kommt die französische Gruppe "Tender Riot". Die 22 Meter hohe Halle verwandelt sich in eine Performance-Bühne. Mit der andächtigen Stille ist es vorbei und statt Bildern baumeln Menschen von der Decke.

Den Kuratorinnen fällt auf, dass Stettin nach französischem Vorbild gebaut wurde, die Häuser haben einen maroden Charme – und der lockt Künstler an!

Constanze Kleiner
"Ich komme vom Außen und ich sehe, diese Wahnsinnsbewegung und dass da sind Visionäre am Werk, nicht nur Aktivisten. Im Unterschied zu Berlin sind es tatsächlich Politiker. Da wird Geld in die Hand genommen. Es gibt ja richtige Baugruben, also keine Museen, die irgendwie Ideen sind, sondern sie werden gebaut. Eine Philharmonie, die jetzt tatsächlich schon wie Eisbergspitzen die Stadt überragt."

Neben dem staatlichen Kunstbetrieb hat Stettin eine wachsende Alternativszene.

In einer alten Fabrik betreiben Agnieszka, Maciej und Ludwig den Club OdraZoo. Ihr Projekt haben sie nach dem Bahnhof Zoo in Berlin benannt – von dort ist es für internationale Künstler nur ein Katzensprung (nach Stettin)!

Maciej Osmycki
OdraZoo
"Oft nutzen wir die Gelegenheit, wenn ein wichtiger Künstler in Berlin ist. Man muss ihn nicht aus Japan oder Los Angeles holen, es reicht sich zu verabreden: dass er nach Berlin noch schnell nach Stettin kommt - und das tun die Künstler sehr gerne, das ist für sie doch eine neue Entdeckung!"

Das war mal das Haus des Friedhofswärters – es stand leer und sofort hat der Künstlerclub "Storrady" hier neues Leben reingebracht.

Alex ist aus Berlin, Justyna, in Canada aufgewachsen. Sie haben entdeckt, dass man hier mehr Ideen und Impulse bekommt als in den "Metropolen" der Kunst.

Alex Kühl
Künstler
"Die Künstler haben viele Möglichkeiten. Es gibt halt vieles noch nicht was es an anderen Orten wie in Berlin z.B. schon zur Hülle und Fülle gibt, wo Stettin noch ein bisschen so ein Ort ist, wo man sich selber ausprobieren kann."

In Berlin wäre Alex Kühn auf die Idee zu diesem Kunstwerk wohl nicht gekommen: Er fand Schutt und Metallteile beim Einebnen des alten Friedhofs, und daraus erschuf er seinen Piasten Adler! Mit der Schließung der Werft hat Stettin viele Arbeitsplätze und ihr wichtigstes Symbol verloren. Und deshalb fördert die Stadt ganz gezielt Kunst und Wirtschaft:  Auf dem alten Schlachthof werden bald ein modernes Logistikzentrum und eine Galerie koexistieren. Und da die Kunstszene es liebt, Neues zu entdecken, stehen die Chancen für Stettin nicht schlecht, bald als der europäische Geheimtipp zu gelten.


Vera Baksa-Soós
Collegium Hungaricum Berlin
"Mein Gott warum fährt man immer nach Frankreich oder Italien und nicht nach Stettin? Die Stadt gibt mir persönlich auch vom Visuellen her und auch von den Menschen her, eigentlich etwas, was ich in Berlin vermisse, also eine Offenheit und Breite, die hier ehrlich gemeint ist".

Autorin Magdalena Zięba-Schwind

weitere Themen der Sendung

Moderatoren Daniel Finger und Ola Rosiak (Quelle: rbb)

Kowalski & Schmidt 01.09.2013 18:30

+++ Genius Loci - Der Geist des Ortes +++ Bomben auf Wieluń +++ Ich und meine Mutter +++ Das neue Gesicht von Stettin +++ Nachruf Sławomir Mrożek

Junge Frau aus Katowice (Quelle: rbb)

Genius Loci - Der Geist des Ortes

"Schlesien ist unser", sagen sie und pflegen den schlesischen Dialekt, eine Mischung aus Polnisch, Deutsch und Tschechisch. Die jungen Europäer aus Katowice sind überzeugt davon, dass ihre schlesische Heimat einen einzigartigen Geist besitzt. Und dass man in den polnischen Schul- und Geschichtsbüchern zu wenig davon erfährt. Deshalb dokumentieren sie alles, was mit dem alten Schlesien zu tun hat.

Bomben auf Wieluń (Quelle: rbb)

Bomben auf Wieluń

Am 1. September 1939, gegen 4. 30 Uhr, also etwa 20 Minuten vor dem Beschuss der Westerplatte im Danziger Hafen, fallen die ersten Bomben des Zweiten Weltkriegs auf Wieluń. An diesem Tag sterben 1.200 Menschen. Das militärisch unbedeutende Grenzstädtchen an der damaligen deutsch-polnischen Grenze wird dem Erdboden gleichgemacht. Zeitzeugen aus Wieluń erzählen.

Joanna Rudnianska mit ihrer Mutter Agnieszka (Quelle: rbb)

Ich und meine Mutter

In den 80er Jahren kommt Joanna mit ihrer Mutter Agnieszka nach Berlin und erfährt, dass sie eigentlich Johanna Rubinroth heißt. Jahrzehntelang hat die Familie ihre jüdischen Wurzeln verschwiegen. Jetzt feiert Johannas Mutter jüdische Feste und hilft in ihrer psychotherapeutischen Praxis Kindern von Holocaust-Opfern. Johanna Rubinroth erzählt aus ihrer Familiengeschichte.

Sławomir Mrożek (Quelle: rbb)

Nachruf Sławomir Mrożek

Sein großes Thema war die Ohnmacht des Einzelnen gegenüber dem totalitären Regime; sein literarisches Werkzeug, die Satire, das Groteske und Absurde. Sławomir Mrożek war einer der bedeutendsten Gegenwartsautoren Polens und fand mit Theaterstücken wie "Tango" und "Die Emigranten" auch international großen Anklang. Jetzt ist er im Alter von 83 Jahren gestorben.