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In den 80er Jahren kommt Joanna mit ihrer Mutter Agnieszka nach Berlin und erfährt, dass sie eigentlich Johanna Rubinroth heißt. Jahrzehntelang hat die Familie ihre jüdischen Wurzeln verschwiegen. Jetzt feiert Johannas Mutter jüdische Feste und hilft in ihrer psychotherapeutischen Praxis Kindern von Holocaust-Opfern. Johanna Rubinroth erzählt aus ihrer Familiengeschichte.
Meine Kindheit in Polen war ganz gewöhnlich: Mit meiner Oma hörte ich sonntags die Sonntagsmesse im Radio und abends beteten wir ein christliches Nachtgebet. Ich wurde getauft, hieß mit Nachnamen Walczyk und war ein ganz normales polnisches katholisches Mädchen.
Johanna
"1984 emigrierten wir nach Deutschland. Und als wir nach Berlin kamen, wurde alles anders. Bis heute wird mir übel wenn ich einen Stolperstein sehe. Ein namenloses Grauen macht sich in mir breit. Besonders schlimm ist es, wenn mein Name, Johanna, drauf steht.
Mir wird bewusst, dass ich dem Horror nur um einige Jahrzehnte entwischt bin."
Agnieszka
"Joasia! Komm!"
Johanna
"Irgendwann sagte mir meine Mutter, dass wir Juden sind. Im Laufe der Jahre war aus der Ahnung Gewissheit geworden: dass ¾ unserer Familie jüdisch sind, dass wir Rubinroth heißen, dass 17 unserer Angehörigen im KZ umgekommen sind. Der Holocaust drang in unseren Alltag. Nachts träumte ich von Hitler und fing an die Sammelduschen im Fitness-Studio mit der Gaskammer zu assoziieren. Meine Großeltern hatten nie offen von unserer Herkunft gesprochen."
Agnieszka
"Unsere Eltern, Mutter und Vater, hatten beschlossen, es uns nicht zu sagen: sie wollten uns nicht belasten, sie wollten uns keinen Hass auf die Deutschen einimpfen. Das ist meine Ur-Oma, von der ich kaum etwas gewusst habe. Ich wusste zwar, dass sie eine orthodoxe Jüdin gewesen war, sie war auch aus einer Rabbiner- Familie, sonst wusste ich gar nichts.
Sie hat im Getto in Lemberg Selbstmord begangen, nachdem alle ihre Kinder ermordet worden waren."
Johanna
"Das schlimmste für meine Mutter war: sie war überzeugt, ihr Großvater sei Einzelkind gewesen. Erst spät hat sie herausgefunden, dass er vier Schwestern hatte: sie waren alle ermorden worden. Ihre Eltern hatten es ihr einfach verschwiegen. Nach der dunklen Seite der jüdischen Geschichte wandte sich meine Mutter den schönen Seiten zu. Sie fing an, das jüdische Denken zu studieren, die Synagoge zu besuchen, den Sabbat mit einem Gebet zu begrüßen."
Agnieszka (Gebet auf Hebräisch)
Johanna
"Immer mehr jüdische Symbole tauchten in unserer Wohnung auf. Meine Mutter hat angefangen hebräisch zu lernen. Heute fährt sie regelmäßig nach Israel, plant dorthin auszuwandern, und schreibt sogar Gedichte auf Hebräisch. Ich habe es nicht geschafft, die Traditionen in mein Leben zu integrieren. Ich fühle mich belogen, als hättet ihr mir was weggenommen."
Agnieszka
"Ja, das sind diese 1000 Jahre der Tradition, und die wurde plötzlich künstlich abgeschnitten. Ja, richtig, ja. Wir haben dir etwas weggenommen, und mir wurde auch etwas weggenommen. Und es ist nicht so leicht zurück zu finden. Zu der Tradition zurückzufinden. Es hat einfach Jahre gedauert, ganz langsam bin ich dahin zurückgekehrt. Man muss den Kindern sagen, woher sie kommen. Kinder sind keine Radieschen. Kinder haben tief greifende Wurzeln. Je älter der Mensch ist, umso mehr kehrt er zu seinen Wurzeln zurück."
Joanna
"Aha, Also kann es sein dass ich im Alter noch anfange zu beten?"
Agnieszka
"Ja."
Johanna
"Das Thema hat auch im Beruf meiner Mutter seinen Platz gefunden. In ihrer Arbeit als Psychoanalytikerin und Therapeutin behandelt sie auch Opfer des Holocaust: der ersten, der zweiten und der dritten Generation."
Johanna
"Die traumatischen Erfahrungen der Schoah werden bis an die Enkelkinder weitergegeben.
Es ist für sie selbst ein sehr wichtiges, wenn auch sehr schmerzhaftes Thema. Oft habe ich mich gefragt, wie das gehen soll, KZ-Überlebende zu heilen."
Agnieszka
"Wenn das alte, sehr alte Leute sind, die keine anderen Quellen der Befriedigung, die Lebensfreude oder Kraft geben, mehr haben - wie den Beruf oder gute Beziehungen zu anderen Menschen, dann ist es viel schwieriger. Dann kann man sie eigentlich nur noch unterstützend begleiten."
Joanna
"Tschüss, Mama, ich rufe dich an, ja? Tschüss... Auch wenn ich selbst noch nicht so genau weiß, was ich mit diesem meinem Judentum anfangen werde – ich bin sehr froh, dass meine Mutter den Mut hatte, unsere Vergangenheit ans Tageslicht zu holen. Und irgendwie freue ich mich schon auf meine erste Israelreise."
Autorinnen Johanna Rubinroth, Wioletta Weiss







