Kinderfoto von Zyta Suse (Quelle: rbb)

- Das geraubte Kind

Sie war sieben, blond und hatte blaue Augen. Deshalb wurde sie von den Nazis aus einem Waisenhaus in in Łódź ins Deutsche Reich verschleppt. Wie andere "rassebiologisch wertvolle" polnische Kinder sollte Zyta Suse zwangsgermanisiert werden. Für ihre gestohlene Kindheit wurde sie von der Bundesrepublik nie entschädigt - darüber empört sich ein Bundesbürger aus Hamburg und hat Zyta Suse besucht.

Rainer Lamp
"Ich habe viele schreckliche Dinge über uns Deutsche gehört, aber über diese Thema habe ich noch nicht gehört, das es so was überhaupt gab, diese Zwangsgermanisierung."


Zyta Suse
"Ich war in einem Kinderheim. Ich war sechs Jahre alt als die Deutschen uns kahl rasierten, wir mussten uns nackt ausziehen, sie haben uns untersucht und uns andere Klamotten gegeben ..."


"Witam, witam ... Dzien dobry ... Guten Morgen ... Tag ... Ah ja, guten Tag ..."

Für Rainer Lamp war es eine spontane Entscheidung nach Warschau zu fahren. Er wollte hier die Frau treffen, deren tragisches Schicksal ihn erschüttert hatte: Im deutschen Fernsehen sah er, was Zyta Suse vor 70 Jahren erlebt hatte.

Archiv "Vergessene Opfer des Krieges"  ZDF 2012"

Für Zyta Suse, heute 78, Polin, ist der II. Weltkrieg noch nicht zu Ende. Als Kind wurde sie von den Nazis geraubt und nach Deutschland verschleppt. Nie hatte sie eine eigene Familie.

Zyta Suse
"Ich versuche, darüber nicht allzu viel nachzudenken. Ich habe immer wieder Albträume. Und wenn ich Filme über die Kriegszeit anschaue, dann erlebe ich traumatische Zustände."

Zyta Suse ist eines von 20.000 polnischen Kindern mit dem gleichen Schicksal. Sie wurden ihren Eltern gewaltsam entrissen oder aus Weisenhäusern verschleppt. Wer intelligent, blauäugig oder blond war, wurde ausgewählt. Wie Zyta Suse, die 1941 eindeutschungswürdig befunden wurde, damals war sie sieben Jahre alt und lebte in einem Waisenhaus.


Seit einem Jahr versucht der 65jährige polnisch zu lernen. Früher stand Polen nicht unbedingt auf seiner Urlaubsliste. Bis ihm bewusst wurde, wie viele Verbrechen die Deutschen hier verübt hatten. Wie viel es hier noch auszusprechen gibt.


Rainer Lamp
"Mówię tylko troszeczkę po polsku ... und deswegen darf ich vielleicht auf Deutsch weiter machen, in der Hoffnung, dass wir uns so verstehen können. Sie waren damals sechs Jahre alt? Sieben Jahre alt? "

Zyta Suse
"Eee, ile ja wtedy miałam? Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht! ..."

Rainer Lamp
"Acht Jahre, aacha ... Können sie das ein bisschen erzählen, was das für sie bedeutete - Germanisierung? Was machte man da mit ihnen?"


Zyta Suse
"Man durfte kein Polnisch sprechen, da gab es sofort Prügel und Geschrei. Nur Deutsch. Wir wurden in dieser Schule erzogen loyal zu sein, aufrichtig, gutes Deutsch zu sprechen, na, und man musste dem Hitler treu sein. Wegen dieser Treue habe ich einmal - mit Verlaub - so eine auf die Fresse gekriegt, dass die linke Seite immer noch beschädigt ist."


Ihr Leben blieb beschädigt: Nach dem Krieg wurde das Kind zurück nach Polen geschickt, jetzt sollte sie Deutsch vergessen. Heimisch wurde sie nie mehr. Bis heute hat sie von der deutschen Regierung für ihre geraubte Kindheit weder eine Entschuldigung noch eine Entschädigung bekommen. Das kann doch wohl nicht wahr sein, hat Rainer Lamp gedacht, als er das erfuhr.


Rainer Lamp
"Wenn ich ihnen in die Augen sehe, können wir uns – glaube ich - ganz gut verstehen, auch ohne viel Worte, aber ich habe eine ganz große Hoffnung, dass das ein Anfang sein kann für einen gewissen Austausch, so möchte ich, dass ich ihnen eine monatlichen Beitrag zahle. Ich könne ihre Wohnverhältnisse, dass sie sich das eine oder andere gönnen können, verstehen sie? Sie sprechen von Renovierung, oder diesem und jenem ..."


Sie hat ihm das Büchlein "Polnisch für Erstklässler" gekauft. Damit sie sich noch besser verstehen, wenn er sie wieder in Warschau besucht. Denn das hat er ihr versprochen.


"Gut? Sehr gut!"

Autoren Monika Sieradzka, Krzysztof Czajka, rbb

 

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