Ein Gespräch zwischen einem obdachlosen Migrant und Sozialarbeitern (Quelle: rbb)

- Der polnische Sozialarbeiter

In den 80ern siedelte Andreas Stasiewicz mit seiner Frau Krystyna aus Polen nach Deutschland um und schlug sich mit Putzjobs in Hamburg durch. Heute arbeitet er im bundesweit einzigartigen Projekt "Hoffnungsorte" als Streetworker für obdachlose Migranten aus Ost- und Südosteuropa.

"R-a-d-o-s-a… Du hast meine Akte auch – glaube ich – irgendwo!"

Andreas Stasiewicz
Sozialarbeiter, Stadtmission Hamburg
"Bei mir ist keine Akte: Du bist deutscher Staatsbürger. Ich habe hier nur Osteuropäer. Ich rufe bei der Spaldingstrasse an, dass Du einen Platz bekommst. Das ist kein Problem."

28 Stunden müsste sein Tag haben. Attila zum Beispiel versucht seit 10 Jahren in Hamburg irgendwie zu überleben und ohne die Hilfe von Menschen wie Andreas Stasiewicz wären Menschen wie er völlig verloren.


Andrzej im Gespräch mit Andreas Stasiewicz
"Wir sind in einen Supermarkt gegangen, haben Bier getrunken, die Kumpels sind weggegangen und dann kamen sechs Leute … Waren das Polen? ... Nein, sicher nicht … Deutsche oder andere … Na, gemischt, Schwarze und mit Weiße ... Wahrscheinlich Rumänen, oder so? ... Vielleicht … Und dann haben sie euch alles weggenommen und zusammengeschlagen? ... Ja ...
Und dann sind sie im Krankenhaus gelandet? ... Ja, im Krankenhaus …

Andreas Stasiewicz
Sozialarbeiter, Stadtmission Hamburg
"Ich muss jetzt einen Antrag an die Behörde stellen, dass er einen Fahrkostenzuschuss bekommt. Es ist eine einmalige Sozialhilfe, er muss das nicht zurückzahlen."


Sozialarbeiter Stasiewicz ist der Schutzengel für Menschen aus Osteuropa, die in Hamburg leben und keine Wohnung haben. Die Stadt hat in einem ehemaligen Büro-Hochhaus eine Notunterkunft eingerichtet, um ihnen wenigstens in den kalten Winternächten eine Übernachtung anzubieten. Aus 250 Plätzen wurden 700 und auch die reichen manchmal nicht aus.
Der Soziologe aus Polen hat es nicht vergessen, wie sich das anfühlt: anzukommen im Winter und wenig willkommen zu sein.


Andreas Stasiewicz
Sozialarbeiter, Stadtmission Hamburg
"Seit drei Jahren haben wir eine massive Entwicklung und Zuwanderung, mit Verwahrlosung von Migranten, mit Verelendung von Migranten, auch in Hamburg. Die Einrichtungen, die wir sehen wurden manchmal täglich von Menschen aus 40 verschiedenen Nationalitäten besucht."


Viele von ihnen sind Arbeiter, die zu Niedrigstlöhnen in den Hamburger Fleischbetrieben oder Großwäschereien malochen. Ein hausgemachtes Problem also, und das muss er der deutschen Presse wieder und wieder erklären.


Andreas Stasiewicz
Sozialarbeiter, Stadtmission Hamburg
"Es gibt leider ganze Branchen wie das Reinigungsgewerbe oder die Fleischindustrie, wo die Leute so schlecht bezahlt werden, dass sie sich auf dem Wohnungsmarkt in Hamburg keine Bleibe leisten können."

"Hinz & Kunz" heißt die Sozialstation, in der er viele seiner "Kunden" trifft. Hier kriegen sie was zu Essen, können sich aufwärmen, sogar Post empfangen.


Adam
verließ Polen 1979
"Schön?! Schön ist Deutschland! Ich gesehen Australien, England, ganze Europa, aber wie Deutschland offen war – hier sind die Leute herzlicher. Dieser Mann hilft immer den polnischen Leuten! Und anderen Leuten."


Ohne Ruhepol außerhalb der Hektik der Stadt ist eine solche Arbeit kaum auszuhalten. Weil seine Großmutter deutschstämmig war, konnten Krystyna und Andreas Stasiewicz kurz vor der Wende als sogenannte Spätaussiedler von Breslau nach Hamburg ziehen. Sie wissen was es bedeutet, als Auswanderer in einem neuen Land ein neues Leben anzufangen.

Krystyna Stasiewicz
"Heimweh? ... Das ist nicht klassisches Heimweh: Wenn ich in Polen bin, habe ich das Gefühl, dass ich nie Polen verlassen habe. Ich habe zwei Heimaten."


Andreas Stasiewicz
"Ich bin mir sicher, dass wir nur dank Christinas Ausbildung als Krankenschwester – weil die Ausbildung in Polen sehr gut ist - überhaupt in Deutschland finanziell Fuß fassen konnten. Man verliert als Auswanderer seinen sozialen Status. Man muss sofort wieder Arbeit finden. Ich verstehe sehr gut, warum Migranten auch heute scheitern."


Und weil er das versteht, kann er mehr für sie tun, als Unterkünfte beschaffen, oder von einer Sprache in die andere übersetzen. In der Bahnhofsmission wartet schon Andrzej, den sie gestern zusammen geschlagen hatten.


Andreas Stasiewicz
Sozialarbeiter, Stadtmission Hamburg
"Herr Andrzej wurde ausgeraubt gestern und massiv geschlagen. Er hat die letzte Nacht im Krankenhaus verbracht und möchte heute nur nach Hause. Mit dieser Bestätigung der Polizei kann er die Grenze überqueren und fahren. Ich bringe noch etwas Wasser und Proviant für die Fahrt – wenn Sie das vielleicht übersetzen könnten?! Wasser bekommt er auch noch. Und gute Reise! Er kommt in einer halben Stunde zurück. Auf Wiedersehen".

Andrzej
"Mit Ihnen ging alles schnell hier,  nicht wie in anderen Ländern, da muss man viel rennen und erledigt gar nichts."

Andreas Stasiewicz
"In Italien habt ihr keine Hilfe bekommen?"

Andrzej
"Dort wissen sie gar nichts. Zwei Polizeistationen für eine Stadt so groß wie diese …"

Andreas Stasiewicz
"Hier muss man auch aufpassen …"

Andreas Stasiewicz
"Niemand kommt auf diese Welt als arbeitsscheu, oder asozial oder alkoholkrank – das sind immer soziale Ursachen, die dazu beitragen. Betrachte jemanden, der auf der Straße liegt als einen Bruder! Manchmal hilft nur die Hand auszustrecken und ihm einfach nur helfen, symbolisch aufzustehen. Geh nicht einfach weg! Geh nicht vorbei!"

Autor Wolfgang Kübel, rbb

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