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Sie konnte weder schreiben noch lesen, und doch schrieb sie Gedichte, die sie berühmt machten: Bronislawa Wajs genannt "Papusza", das heißt auf Romani "Puppe". Wegen angeblichem Verrat von Clan-Geheimnissen hat die Roma-Gemeinschaft sie ausgeschlossen. Papusza erkrankte psychisch und verstummte als Dichterin. An ihr tragisches Schicksal erinnert nun ein Film auf dem Cottbuser Filmfestival.
1925. Die 15jährige "Papusza" - Puppe - wird verheiratet - mit einem viel älteren Mann. Mit ihm und seiner Familie wird sie nun durchs Land ziehen. Das ist die Tradition.
Auf dem Cottbusser Filmfestival wird nun Papuszas Geschichte gezeigt: verfilmt hat sie Joanna Kos-Krauze, zusammen mit ihrem Mann Krzysztof Krauze: Die Geschichte der Frau, die Gedichte in Romani schrieb – bis sie verstummte!
Joanna Kos-Krauze
"In Papuszas Biografie hat uns am meisten ihre Entscheidung beeindruckt, nie wieder Gedichte zu schreiben. Es gibt wohl kein größeres Drama im Leben eines Künstlers als das Verleugnen des eigenen Werkes.
Alle in der Familie ihres Mannes sind Musiker, leben von der Musik. Papuszas Kunst aber ist das Wort. Mit Ihren Wagen durchqueren die polnischen Roma die Ebene von der Weichsel in Zentralpolen bis zum Dnister in der Ukraine.
Joanna Kos-Krauze
"Unser Bild von der Kultur der Roma beruht leider auf zwei miteinander verbundenen Stereotypen: einerseits das folkloristische Klischee von der romantischen Freiheit, anderseits das Bild des bedrohlichen Fremden. Wir mussten unsere eigene Sprache finden, um den beiden Stereotypen zu entkommen. Wir beschlossen, eine Filmerzählung zu bauen, die an die Bilder in den alten Fotoalben anknüpft. Bilder, die im Kopf des Betrachters durch die Psychologie der Erinnerung wirken."
Im Klan von Papusza lebt für einige Jahre der polnische Dichter Jerzy Ficowski. Er veröffentlicht ihre Gedichte auf Polnisch. Sie wird bekannt. Ihr zweites Buch erzählt vom Sittenkodex der Roma – dafür werfen sie ihr Verrat vor und schließen sie aus ihrer Gemeinschaft aus.
Papusza, die Dichterin, verbrennt alles, was sie jemals geschrieben hat. Ihr Mann kann sie nicht bändigen. Sie wird nie wieder Gedichte aufsagen oder schreiben.
Joanna Kos-Krauze
"Papusza war vor allem Zigeunerin. Der Ausschluss aus der Roma- Gemeinschaft, der Verlust des Kontaktes mit der Natur haben sie verstummen lassen. Sie war doch Teil dieser Gemeinschaft, in der das "Wi" wichtiger ist als das "Ich", wichtiger als das "Ego".
In der Familie ihres Mannes ist diese Interpretation umstritten. Papuszas Neffe Edward Dębicki hat seine Kindheit mit ihr im selben Wanderclan verbracht. Heute lebt er in der Vorstadt von Gorzów Wielkopolski. Er ist Komponist und Direktor des bekannten Roma-Theaters "Terno". An das, was vor 50 Jahren geschah, erinnert er sich so.
Edward Dębicki
"Papusza war eine außergewöhnliche Frau. Sie kleidete sich anders, sie sah anders aus. Sie lebte unter uns, aber sie war eine Mythomanin! Sie erfand ständig irgendwelche Geschichten über uns und verbreitete sie als Wahrheit! Deshalb waren die Zigeuner über Papusza und über unsere ganze Familie erbost. Aber sie wurde doch nie ausgeschlossen. Sie lebte unter uns und erfreute sich der allgemeinen Anerkennung. Und jetzt dreht man sogar Filme über sie."
Hier, im Zentrum von Gorzów verbrachte sie in großer Armut die letzten 30 Jahre ihres Lebens, bis 1987. "Meine Hände finden dein Lied!" steht auf der Tafel, die an sie erinnert.
Ihre Zeit hat sie gerne im Park verbracht. Deshalb hat man ihr hier ein Denkmal gebaut.
In einem ihrer letzten Gedichte schreibt sie:
"Wald, mein Vater,
schwarzer Vater!
Du hast mich erzogen,
du hast mich verworfen … "
In den Wald rettet sich die Familie Wajs, als die Nazis Jagd machen auf Juden und Roma in den ukrainischen Dörfern und Städtchen. Zwei Jahre lang lebt Papusza mit ihrem Klan auf der Flucht und in Lebensgefahr.
Joanna Kos-Krauze
"Roma hatten in kürzester Zeit zwei tragische Erlebnisse: Zum einen den Holocaust; Prozentual hat ihr Volk im zweiten Weltkriegs einen sehr hohen Verlust erlitten. Und kurz danach, wurden die wenigen, die überlebt haben, in Mittel- und Osteuropa zwangsweise angesiedelt. Das hat sie der kulturellen Identität und Würde beraubt. Meiner Ansicht nach haben sie sich davon nie ganz erholt. Das hat sie gebrochen und wir alle tragen dafür Verantwortung."
Im Haus von Edward Dębicki macht die Familie Musik. Bronisława Wajs, seine Tante, die sie "Puppe" nannten, schrieb einmal in einem Gedicht:
"Was tun, woher nehmen die Märchen und Lieder? Gott, wohin gehen?"
Autorin Małgorzata Bucka, rbb






