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Vor 40 Jahren wurde der sozialistische Präsident Chile’s, Salvador Allende von den Militärs gestürzt und ermordet. Carmen Gennermann gehörte zu denen, die im Untergrund gegen die Diktatur von General Pinochet kämpfte, bis sie ins DDR Exil ging.
"Ja, hier ist die Carmen ... "
Familienbesuch zwei Wochen nach der Geburt. Als Hebamme ist Carmen Gennermann in Cottbus beliebt.
Markus Battke
Student
"Meine Tante war ihre Ausbilderin gewesen und sie hat uns empfohlen halt dass wir doch zu Carmen gehen sollen, und ja, bin zufrieden, ich finde es toll mit ihr. Sie bleibt ja nicht bloß zehn Minuten halt ... sie ist schon meistens über eine halbe Stunde, Stunde mindestens hier und da quatschen wir natürlich über alles. Es geht ja nicht nur um das Baby. Es geht ja auch um die Familie."
In dreißig Jahren hat Carmen unzählige Kinder auf die Welt geholt. Hebamme war immer ihr Traumberuf, aber dass sie ihn ausgerechnet in Deutschland ausüben wird, das hätte sich die gebürtige Chilenin nie träumen lassen.
In Santiago de Chile aufgewachsen, erlebte sie aus nächster Nähe den Wahlsieg von Salvador Allende. Mit dem Linksbündnis "Unidad Popular" versuchte er 1970 einen sozialistischen Systemwechsel. Sein Programm: Bildung und Gesundheitsversorgung für alle, linke Wirtschaftsreform.
Carmen ging damals noch zur Schule, sie wollte bei dieser "demokratischen Revolution" unbedingt mitmachen.
Carmen Gennermann
"Die Jugend machte überall mit. Es gab freiwillige Arbeitsansätze, die Wandmalerei- Brigaden "Ramona Parra" ..... und wir alle wollten malen, und alle wollten singen ... alle wollten dabei sein und mitwirken. Doch mit der Zeit wurde das alles ziemlich gefährlich ..."
Denn nicht alle Chilenen teilten Carmens Begeisterung ... Die Reichen, die Finanzwirtschaft, die großen Auslandskonzerne, die alten Eliten fürchteten "ein zweites Kuba" in Südamerika. Mit Hilfe der CIA boykottierten sie vom Anfang an Allendes Reformen. Als Carmen am 11. September 1973 mit dem Bus von der Schule nach Hause fuhr, war der Militärputsch schon im Gange. Der Bus konnte den Mapocho-Fluss nicht mehr überqueren.
Carmen Gennermann
"Der Bus ist schnell abgebogen und fuhr weiter am Ufer entlang, ohne den Fluß zu überqueren ... und dann schaltete der Busfahrer das Radio an ... als Präsident Allende seine Abschiedsrede hielt!"
Archiv
Präsident Salvador Allende
"Dies wird wahrscheinlich das letzte Mal sein, dass ich zu Ihnen sprechen kann. In eine Epoche historischen Wandels gestellt, entgelte ich die Treue des Volkes mit meinem Leben."
Carmen Gennermann
"Eine herzergreifende Rede. Ich sah mich um ... manche Leute weinten, andere schauten total ernst ... andere lachten ... ich weiß nur dass ich im vollen Bus stand und alle ungläubig angestarrt habe: ich hätte nie geglaubt, dass das Allendes letzte Worte sein konnten ..."
Gegen zwei Uhr nachmittags wurde der Regierungspalast "La Moneda" bombardiert. Präsident Allende war tot, Carmen ging in den Untergrund und kämpfte gegen die Militärjunta.
Carmen Gennermann
"Ich wusste, dass ich mich in Gefahr begab. Ich war erst achtzehn, lernte meinen Mann kennen und mich unter Gefahr weiter engagierte ... Als junger Mensch willst du etwas ändern."
1977 bekommt Carmen ihr erstes Kind. Das Baby hat ein schweres Nierenleiden. Die junge Familie geht ins DDR-Exil. Zusammen mit zweihundert weiteren Chilenen wird sie nach Cottbus geschickt. Im frisch erbauten Stadtteil "Sachsendorf" bekommen sie und ihr Mann eine 2-Zimmer Wohnung. Der Plattenbau wurde nach der Wende abgerissen. Für Carmen waren es gute Zeiten.
Carmen Gennermann
"Wir kamen viele aus Familien die nichts hatten oder ganz wenig und da hatten wir plötzlich Wasser warm und kalt aus der Wand, Küchenmöbel, alles Standard, aber das hat uns nicht interessiert, es war eine warme Wohnung, Wohnzimmer, Kinderzimmer, Schlafzimmer, das war einfach für uns schön."
Carmens erster Sohn wurde erfolgreich behandelt und überlebte. Später kamen noch zwei Geschwister dazu.
Carmens erster Ehemann ging nach dem Ende der Diktatur zurück, sie blieb mit den Kindern in Cottbus. Ein Stückchen Heimat findet sie im Kreis der Freunde, die ihre Begeisterung für chilenische Küche teilen. Einige waren schon in Chile.
Dirk Wölm
Restaurant "esscobar" Cottbus
Man lädt sich ein, mal kocht man zusammen und irgendwann bin ich wirklich zu ihren besten Freunden gefahren und habe da noch Sachen mitgebracht, sie bringt Sachen mit ... Dazu kommt, dass Carmen die Patin einer meiner Kinder ist ... wir haben eine wundervolle Geburt zusammen gemacht.
Carmen Gennermann
"Ich habe mich hier sehr gut eingelebt und hatte selten Schwierigkeiten. Früher oder später merken die Leute, was du kannst, sie können es selber sehen."
Autorin Milena Hadatty, rbb






