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"Wie Himbeeren schmeckt ihm das Töten …", schrieb 1933 der russische Dichter Ossip Mandelstam über Diktator Stalin. Dafür bezahlte er mit seinem Leben. Sein Gedicht inspirierte eine junge Schülerin armenischer Abstammung aus Łódź am Wettbewerb "Poesie verbindet-Poezja łączy" teilzunehmen.
Klaudia Zargaryan, 15
Schülerin
"Mandelstam hat einmal gesagt, ein Gedicht sei wie eine Flaschenpost, die jemand ins Meer wirft, weil er hofft, dass irgendjemand die Flasche findet und das Gedicht versteht.
Ich denke, dass seine Flaschen Hunderttausende von Menschen erreicht haben. Ich habe so eine Flasche gefunden … im Internet, auf der Seite "Miasto Poezji".
Ich bin erst vor Kurzem hierhergezogen, von meinen Freunden weiß noch niemand, wo ich genau wohne. Ich mache gerne ein Geheimnis daraus, zumindest fürs Erste. Irgendwann sage ich es ihnen dann.
Ich kann alles werden, was ich möchte: Schauspielerin, Sängerin, Dichterin, Schriftstellerin, Malerin. Ganz wie ich Lust habe. Aber am meisten interessiere ich mich für Chemie.
Ich heiße Klaudia Zargaryan. Ich lebe in Łódź und gehe aufs Gymnasium. Ich lebe mit meiner Mutter, meinem Bruder und meinem Hamster zusammen. Papa wohnt nicht bei uns, aber es ist okay, weil ich ihn sehr oft besuche.
Papas Familie lebt in Armenien. Papa hat Physik studiert, Mama eher Geisteswissenschaften. Sie hat mir viel vorgelesen, jeden Abend eine Gutenachtgeschichte. Papa ist genau das Gegenteil. Er hat mir Chemie erklärt, ich wusste schon als kleines Kind, wie ein Atom aufgebaut ist.
Über das Leben im Kommunismus weiß ich nicht viel, aber ich finde es sehr interessant, was damals passiert ist. Das, was ich darüber weiß, habe ich aus verschiedenen Büchern von Schriftstellern, vor allem aus Gedichten. Zum Beispiel auch aus dem Roman Der Meister und Margarita, der ja allgemein sehr bekannt ist.
Ich interessiere mich für verschiedene Epochen. Zurzeit beschäftige ich mich mit der Antike, in der Schule nehmen wir bald den Positivismus durch. Ich muss das der Reihenfolge nach machen, so durcheinander kann ich das nicht.
Wie ist das möglich, dass man einen Menschen für ein Gedicht zum Tode verurteilen konnte?
Gedicht, Ossip Mandelsztam 1933
Wir Lebenden spüren den Boden nicht mehr,
Wir reden, dass uns auf zehn Schritt keiner hört,
Doch wo wir noch sprechen vernehmen,
Betrifft es den Gebirgler im Kreml.
Seine Finger sind dick und, wie Würmer, so fett,
Und Zentnergewichte wiegts Wort, das er fällt,
Sein Schnauzbart lacht Fühler von Schaben,
Der Stiefelknecht glänzt so erhaben
Schmalnackige Führerbrut geht bei ihm um,
Mit dienstbaren Halbmenschen spielt er herum,
Die pfeifen, miaun oder jammern.
Er allein schlägt den Takt mit dem Hammer.
Befehle zertrampeln mit Hufeisenschlag:
In den Leib, in die Stirn, in die Augen – ins Grab.
Wie Himbeeren schmeckt ihm das Töten –
Und breit schwillt die Brust des Osseten.
Das Gedicht macht sich über Stalin lustig. Wenn ich es lese, denke ich an Verhöre, an Verbannung und Tod und an Stalins gutmütiges Lächeln, hinter dem sich jedoch keine guten Absichten verbargen.
Mandelstam hat dieses Gedicht nur fünf Personen vorgelesen, und trotzdem hat ihn jemand angezeigt. Und das war sein Todesurteil.
Das Gedicht wurde in die Protokolle aufgenommen und hat bis heute überlebt. Als Beweis für konterrevolutionäre Umtriebe. Als er vom NKWD verhört wurde, hat er das Gedicht laut vorgetragen, ohne ein einziges Wort zurückzunehmen. So wie Sokrates, so wie Giordano Bruno.
Mandelstam wurde nach Sibirien verbannt. Das Urteil wurde von Stalin selbst unterschrieben. Er starb an Erschöpfung. Man hat ihm eine Karte mit seinem Namen an den Fuß gebunden und seinen Körper in ein Massengrab geworfen. Wie ein Stück Abfall hat man ihn weggeworfen.
Es ist eine Ironie des Schicksals, dass Stalin, der Gedichte so sehr schätzte, einen der größten russischen Dichter ermordet hat.
Mama hat mich einmal gefragt, welche Träume ich habe. Ich bin zu dem Schluss gekommen, es sind keine Träume, es sind Ziele. Träume gehen in Erfüllung oder auch nicht, Ziele bedeuteten handeln, streben. Wenn es mit Chemie nicht klappt, dann studiere ich eben etwas anderes. Es ist nicht so, dass ich keine Alternative hätte. Denn die habe ich nämlich. So viele, dass es schwerfällt, sich für etwas zu entschieden."
Autorin Ewa Zadrzyńska, rbb






