Buch Berlin liegt im Osten (Quelle: rbb)

- Berlin liegt im Osten

Nellja Veremej kommt aus Russland und lebt seit 20 Jahren in Berlin. Ihre Erfahrungen als Emigrantin in Deutschland beschreibt sie in ihrem Roman „Berlin liegt im Osten“. Sie schildert die Nachwendezeit in Berlin und wählt den Alexanderplatz zum Schauplatz ihrer Handlung. Ihr feinfühliges Porträt einer Generation von Emigranten und Übriggebliebenen der Wende wurde mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis ausgezeichnet.

Der Berliner Alexanderplatz ist ein ungemütlicher Ort, kein Platz zum Flanieren. Aber bekannt ist er! Die Einheimischen nennen ihn liebevoll "Alex". So haben sie sich ihn schöner getextet als er ist.

Das ist auch Nellja Veremej aufgefallen. Sie lebt seit 20 Jahren in Berlin und hat einen Roman über den Alexanderplatz geschrieben.

Nellja Veremej
"Das ist alles als Komplex als Ensemble, finde ich, so einzigartig, schön würde ich nicht sagen, aber einzigartig, ungemütlich, und das ist heute immer noch ein Platz der kleinen Menschen."

Alfred Döblins Roman von 1929 hat den Alexanderplatz berühmt gemacht: Der Platz der Händler, Huren, Bettler und Emigranten.

Nellja Veremej
"Als die Zeit der Industrialisierung begonnen hat, haben sich die reicheren Menschen immer im Westen angesiedelt, damit sie eine bessere Luft haben und so war es auch in Berlin. Im Westen haben die Fabrikanten gelebt und ihre Fabriken haben sie in Ost-Berlin gebaut."

Der Alexanderplatz ändert im Laufe der Zeit oft sein Gesicht, ganz verschwunden ist er nie.
Zerstört im Zweiten Weltkrieg, wurde der Platz in den 60er Jahren neu aufgebaut und zum urbanen Mittelpunkt der Hauptstadt der DDR.

Mit ihrem Romandebut "Berlin liegt im Osten" begibt sich die Autorin auf die Spuren Döblins. In feinen Beobachtungen erzählt sie vom Leben in der DDR, von Träumen und Hoffnungen, die nach der Wende verloren gingen. Als "naiv" beschreibt Nellja Veremej ihre Vorstellungen vom Westen, mit denen sie 1994 nach Berlin kam.

Nellja Veremej
"Ich habe die Stadt nicht sofort lieben gelernt, dann habe ich gesucht, jede Metropole muss ihr Buch haben, das Buch, den Stadtroman, das war Berlin Alexanderplatz und dann habe ich festgestellt, dass ich auch in der Nähe wohne und dann habe ich angefangen, Erkundigungen einzuziehen, Ausflüge zu machen, genau Hingucken, mit der Empathie zum Buch stieg auch meine Empathie zum Platz und zu diesen Orten."

Zu diesen Orten zählt sie die Antiquariate,  rund um den Alexanderplatz. Alte Postkarten und Photographien sind für Nellja Veremej wie Fenster in andere Welten und Zeiten.

Nellja Veremej
"…zum Beispiel hier das Photo, da ist so ein glücklicher Moment, eine Familie, Vater, Mutter, Sohn, vielleicht Tochter, und ja, dann fragt man sich, was ist mit denen jetzt heute allen passiert, wenn so ein schönes Photo von ihnen jetzt in dieser Kiste liegt, das ist für mich immer so ein Zeichen, es gab niemanden, der sich um diese Bilder kümmert und das ist auch so… wehmütige Gefühle entstehen dabei, was sehr melancholisches."

 Die Autorin, die aus dem Kaukasus nach Berlin kam, sieht die Menschen,  deren Leben  gesellschaftliche oder politische Veränderungen durcheinander brachten: Entwurzelte, Heimatlose, Berufslose, Suchende, - und ihre Biographien berühren sie.

Vor sich selbst kann man nicht weglaufen, schreibt sie. Man läuft vom Osten immer weiter nach Westen. Bis man merkt:  Dieser Osten ist immer bei dir, in dir oder um dich. Dann ist man angekommen.

Nellja Veremej
"Wenn man zwei Zivilisationen oder Weltordnungen kennt, natürlich ist man reicher, natürlich kann man vergleichen, natürlich denkt man viel darüber nach, wo gibt es mehr Vorteile, oder Nachteile."

 Eine Heimat verlieren, eine neue finden. Die Sehnsucht nach den eigenen Wurzeln bleibt. Die Berliner Literaturwelt hat sich lange nach dem "großen Berlinroman" gesehnt. Nellja Veremej - Muttersprache russisch -, hat ihn geschrieben. Dafür bekam sie den begehrten Albert-Chamisso-Preis.

Autorin Martina Hiller von Gaertingen

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