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Bei rassistischen Anschlägen in Ungarn wurden 2009 sechs Menschen ermordet worden. Es gab unzählige Ermittlungspannen, sogar der ungarische Geheimdienst geriet unter Verdacht, mit involviert zu sein. Zwei Jahre dauerten die Gerichtsverhandlungen, das Urteil steht fest. Die Filmemacherin Eszter Hajdú hat den Prozess begleitet.
Ein Vorort von Budapest. Seit Generationen leben hier ungarische Roma-Familien. Zwischen 2008 und 2009 gab es eine Mordserie hier: Unbekannte Täter steckten Häuser in Brand und schossen dann auf die fliehenden Menschen. Unter den Toten: ein kleines Kind.
Im Mai 2011 beginnt in Budapest der Prozess gegen vier Tatverdächtigte. Sie sind alle aus der rechtsextremistischen Szene bekannt, Waffen und Hassschriften hatte man in ihren Wohnungen gefunden. Im engen Gerichtssaal werden sie von bewaffneten Sicherheitsbeamten bewacht.
Sie ist eine der Hauptbelastungszeugen: Schwer verletzt hat sie den Mordversuch überlebt.
Filmausschnitt Dokumentation " Der Prozess von Budapest" arte / rbb
Zeugin
"Es war gegen 12 Uhr nachts. Da warfen sie die Flasche, die ist mitten auf dem Tisch gelandet und explodiert. Es lief etwas heraus, das kann nur Benzin gewesen sein, dem Geruch nach. Ich fing an zu schreien und wollte raus. Ich stützte mich am Türpfosten ab und da merkte ich, dass etwas Grosses hier dagegen geknallt ist ..."
Richter
"Hatte diese Verletzung irgendwelche Folgen? ... Welche?"
Zeugin
"Es stecken immer noch sieben Kugeln in mir."
Angeklagter
"Wie ich früher schon ausgesagt habe, den Schuss nicht auf eine Person abgegeben habe, sondern ... eigentlich habe ich niemanden gesehen ... Die Tür hat sich geöffnet und aus Reflex habe ich einen Schuss auf die Tür abgegeben. Ich war übrigens überrascht, dass die Tür aufging. Ich habe, ohne nachzudenken einen Schuss abgefeuert."
Richter
"Wie? Das habe ich nicht verstanden".
Angeklagter
"Ohne nachzudenken, reflexartig habe ich geschossen."
Zeugin
"Du Scheißkerl!"
Richter
„Na, na, na, es ist besser wenn sie ..."
Zeugin
"... unser ganzer Hof war voll mit Blut!..."
Richter
"Seien Sie still !"
Richter
"Was war Ihr erster Eindruck"?
Feuerwehrmann
"Mir kam es komisch vor, also auch ohne Vorurteile gegen eine bestimmte Rasse ... "
Richter
Sie meinen die Gemeinschaft der Zigeuner?"
Feuerwehrmann
"Ja"
Richter
"Dann sagen Sie es nur, das sind keine Tabu-Themen. Es geht um Menschen. Wir sind in Ungarn, hier leben solche und solche."
Feuerwehrmann
"Also, vor einigen Jahren ging in Orkény, wo ziemlich viele von ihnen leben, so eine Versicherungsbetrugsmasche los. Dort wurden der Reihe nach etwa zwanzig Häuser abgebrannt ... Deshalb kam der Gedanke auf, dass es vielleicht hier auch der Eigentümer war, der sein eigenes Haus anzünden wollte."
"Das ist Rassismus" rufen die Demonstranten vor dem Gerichtsgebäude. Der Prozess hat gezeigt, wie schlampig die ungarische Polizei, wie nachlässig die Rettungsdienste gearbeitet hatten. Besonders entsetzt war die internationale Öffentlichkeit über den Doppelmord an Robert Csorba und seinem fünfjährigen Sohn, Robika.
Die junge Ehefrau und Mutter hat den Anschlag überlebt und muß vor Gericht aussagen.
Staatsanwalt
"Bitte, erzählen Sie, woran Sie sich erinnern."
Frau Csorba
"Ich stand nur da und sah, dass es brannte, dass das Fenster brannte. Dann hörte ich Schüsse, zumindest hat es sich später rausgestellt, dass es Schüsse waren. Ich fragte, wo Robert und der Kleine sind. Wir rannten hin und her, suchten sie ... Dann sah ich ... Robert, mit dem Gesicht nach unten, so etwa fünf Meter vom Haus entfernt ... Ich fragte ihn, "wo ist Robika?" Da hat er schon nicht mehr geantwortet ... Aber er lebte noch. Richie Csorba sagte mir: "Wohin rennt ihr? ... hier ist der Kleine! Er gab ihn mir in die Arme ... und ich war mit dem Kleinen dort, bis ... der Krankenwagen kam."
Richter
"Der Kleine ... haben Sie gesehen, ob er da noch lebte?"
Frau Csorba
"Er war tot ..."
Richter
"Sie haben also nicht mal versucht, den Jungen wieder zu beleben?
Sanitäter
"Ich weiss nicht, es ging alles so schnell ..."
Richter
"Als Diagnose notierten Sie "Rauchvergiftung?" Blut ... Blutflecken ... Nein, er hat nicht geblutet ... der Mund, der war hier eingerissen ..."
Richter
"Ich werde jetzt ganz deutlich. Ein Schuss ging durch seine Stirn. Das haben Sie nicht gesehen? Das ist im Gesicht, so war es doch?"
Sanitäter
"Ganz ehrlich, ich habe damals keine Schusswunde gesehen"
Richter
"Es geht darum, mein Herr, dass er hier eine Wunde hatte, das muss man doch sehen! Man wird geschickt, um zu helfen. Also schaut man, ob Wunden da sind, wie sie versorgt werden. Wenn man es selbst nicht schafft, ruft man Hilfe. Wie arbeiten Sie denn? Wozu haben Sie eine Berufsausbildung? Gehen Sie immer so vor, das ist unglaublich und zum verzweifeln ...."
Ortstermin. Das Gericht – inklusive der Angeklagten – besuchen den Tatort. Richter László Miszori ist unter enormem Druck: er muss trotz der Ermittlungsfehler der Behörden ein gerechtes Urteil fällen.
Gegen drei der Männer verhängt er die Höchststrafe: Lebenslänglich. Einer, der ein wenig kooperiert hatte, 13 Jahre Haft. Das Gericht benennt ausdrücklich den rassistischen Hintergrund der Tat. Alle Verurteilten haben Berufung eingelegt. Vor Gericht nicht verhandelt wurde der Hass auf Minderheiten in der ungarischen Gesellschaft.
Hier wissen die Überlebenden, dass sie nun, nach dem Ende des aufsehenerregenden Prozesses, wieder alleine sind, mit ihrem Schmerz und mit ihrer Angst. Wie ein Denkmal steht die Brandruine. Budapest hat niemanden geschickt, umd das Haus neu aufzubauen.
Autorin Eszter Hajdú
Bericht Milena Hadatty





