Ein Musiker beim Singen (Quelle: rbb)

- Neue Deutsche Welle ?

"Heimatlieder aus Deutschland" sind aktuelle Musik aus dem Bauch von Berlin, sagt der Berliner Musikproduzent Jochen Kühling und damit meint er keine traditionelle Volksmusik àla Musikantenstadl aus Deutschland, sondern Musik von Emigranten. 120 Künstler aus 13 Nationen hat er in Berlin's Bar- und Clubszene ausfindig gemacht.

Das ist unüberhörbar Musik aus dem Osten. Aus dem Osten von Afrika. Marrabenta heißt die flotte, rhythmische Tanzmusik, die Gruppe nennt sich "Mahu-Gang".

Claudio Tamele

"Jedesmal, wenn ich Marrabenta höre, dann denke ich an meine hüpfende Oma, Tante und Familie, Nachbarn und so weiter und das ist Freude".

Die Musiker kamen aus Mosambique zur Ausbildung in die DDR und blieben.

Bernardo Mussa

"Ich will damit nicht sagen, dass es vielleicht in Bremen nicht schön ist, oder, was weiß ich, mein persönlicher Eindruck ist, ich fühle mich mehr als Ostdeutscher als Gesamtdeutscher."

Musik von Deutschen, die nicht deutsch singen. Jochen Kühling ist Musikproduzent und hatte die Idee zu den "Heimatliedern".

Jochen Kühling

"Ich glaube, dass Zeit war mal zu zeigen, dass Deutschland über viel mehr Heimatliedkultur verfügt als vielen bewusst ist, wer sagt denn, was der Unterschied ist zwischen einem bayerischen Heimatlied, das ich nicht verstehe und einem mosambikanischen Musikstück, das ich nichtJ verstehe, wenn es Heimatgefühl vermittelt?"

Zunsa Demgenski kam vor 41 Jahren aus Südkorea nach Berlin. Sie brauchte Arbeit, Westdeutschland brauchte Arbeitskräfte. Auch sie macht mit beim Projekt "Heimatlieder".

Zunsa Demgenski

"Ich bin nur nach Deutschland gekommen, mein allererstes Ziel war zu überleben, wirtschaftlich. Und wir haben auch sehr viel Krieg erlebt und Freiheit war weg. Und da habe ich schnell einjährige Ausbildung als Krankenschwesterhelferin abgeschlossen und danach durch Organisationen hierhergekommen. Ich fühle mich Deutsch, aber ich kann mich nicht verleugnen, dass ich keine Koreanerin bin."

Wann ist ein Mensch am meisten ein Koreaner oder ein Deutscher oder ein Franzose? Wenn sie singt, natürlich. Deshalb hat Zunsa Demgenski vor 11 Jahren den koreanischen Frauenchor von Berlin gegründet. 40 Frauen singen ein altes Kinderlied: "Frühling in der Heimat".

Zunsa Demgenski

"Für mich zum Beispiel, wenn wir koreanische Lieder singen, das ist für mich eine ganz warme Seelenstreicheleinheit."

Die Brüder Sebastian und Christian Meyerhold finden, Heimat ist da, wo die Musik spielt. Ihr deutscher Vater und ihre südkoreanische Mutter haben ihnen die Liebe zur Musik weiter gegeben.Musikalisch sind sie in der Dubmusik und im Reggae zu Hause und mischen als Gruppe "Symbiz Sound" die Berliner Clubszene auf. Preisgekrönt sind ihre Videos. Auch in Simbabwe war das Publikum von ihrem Sound begeistert. Für das Berliner Publikum haben sie das koreanische Kinderlied ihrer Mutter neu bearbeitet. "Re-Mixt" heißt das auf Deutsch. Auch das ist ein Projekt der "Heimatlieder".

Sebastian Meyerhold

"Wir haben diese Anfrage gekriegt, ob wir das re-mixen wollen und fanden die Idee super, haben uns hingesetzt und das gehört und waren erst total ratlos, was machen wir denn jetzt, wie soll das funktionieren? Und das war der erste Ansatz, dass man sozusagen dieses Lied, was textlich und von der Klangästhetik und von der Melodie her total fröhlich ist, so ein bisschen düster dreht, aber dann im Endeffekt …"

Christian Meyerhold

"Ich finde jetzt, was so dabei herausgekommen ist, dass es jetzt eine etwas uneindeutigere Klangästhetik hat, man kann nicht sofort sagen es ist ein fröhliches Lied, es ist eher etwas seltsam."

Zunsa Demgenski spricht mit Sebastian: "Es ist schon neuartig, muss ich sagen, aber es ist sehr, sehr interessant."

Die Geschichten von 120 Heimaten und  Musiken – wäre doch schade, wenn sie nicht aufgehoben und weitererzählt würden dachte Jochen Kühling. "Re-mixt" für die nächste Generation.

Jochen Kühling

"Das Problem was alle Heimatlieder weltweit haben, ist, dass sie von Generation zu Generation verschwinden, dass Lieder einfach vergessen wurden, weil sie einfach nur oral übertragen wurden und nie aufgenommen wurden und unser Ziel war, diese Lieder zu finden, zu archivieren und zu zeigen: es gibt sie und damit auch verfügbar zu machen."

Der Musikproduzent hat geschaut, gehört, gefunden: In Kneipen, Vereinsheimen, Wohnzimmern ... bis er die Musiker für das Projekt entdeckt hatte.Heimat ist überall da, wo die Füße den Takt mitwippen. Und selbst wenn’s im Berufsverkehr der Karl-Marx-Allee ist.

Autorin Martina Hiller von Gaertringen

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