-
Wenn im katholischen Polen jemand aus der Kirche austreten will, so ist das ein Hindernisrennen mit Folgen, die man im 21. Jahrhundert nicht für möglich hält.
Polen ist katholisch, natürlich, kein Zweifel. Zu 90 %, wird geschätzt. Die Messen sind sonntags rappelvoll, immer noch, auch wenn die Zahlen langsam zurückgehen. Früher undenkbar, da hielt Papst Johannes Paul II. vom Vatikan aus auch die polnische Kirche zusammen. Jetzt – acht Jahre und zwei Päpste später – bleiben oft die Bänke leer, wenden sich auch in Polen immer mehr Menschen von der Kirche ab, wollen etwas tun, was vor Jahren noch als undenkbar galt: austreten nämlich.
Aber die Kirche hat vorgesorgt. So einfach geht das nämlich nicht. In Deutschland wird der Austritt im Amtsgericht erledigt, in Polen muß jemand, der der Kirche den Rücken kehren möchte, seinen Pfarrer persönlich besuchen – mit zwei Zeugen und einer selbstformulierten schriftlichen Begründung. Marcin Maczewski, aus Warschau, 35 und vereidigter Übersetzer in die englische Sprache, hat es versucht – und ist erstmal gescheitert.
Marcin Marczewski
Abtrünniger
"Der Priester war sehr aggressiv, beschimpfte mich und sagte, ich könne ja nicht dicht sein, wenn ich austreten wolle. Ich solle erst einmal zum Psychiater gehen und meinen Geisteszustand untersuchen lassen. Ohne Bescheinigung, daß ich geistig normal sei, würde er mit mir nicht weiterreden. Ich war so verwirrt, daß ich wirklich zwei Psychiater angerufen habe, nur, um da rauszukommen. Aber solche Bescheinigungen gibt es natürlich nicht."
Erst ein Jahr später hatte sein Pfarrer wieder Zeit für ihn, bescheinigte ihm widerstrebend seinen Austritt, nannte ihn ein verlorenes Tierchen. Aber dann begann der Leidensweg von Marcin Marczewski erst. Der Modellbauer und Eisenbahnfreak hatte plötzlich viel mehr Zeit für sein Hobby, als es ihm wirklich lieb war.
Marcin Marczewski
Abtrünniger
"Mein Nachbar mir vor die Füße gespuckt, als er von meinem Austritt erfahren hat. Es sei doch eine Schande, die Kirche zu verlassen. Alle waren sehr aggressiv. Mein Umsatz als Übersetzer ging stark zurück. Meine Kunden wollten mit einem Atheisten wie mir, der die Kirche kritisierte, nichts mehr zu tun haben. Oft habe ich das nur hintenrum erfahren. Dann war der Chef einer Firma gläubig – und ich war raus und verdiente plötzlich 25 % weniger."
Fälle wie die von Marcin gibt es viele. Deshalb hat sich in Lublin eine Bürgeriniative gegründet, die seit Anfang Oktober landesweit in größeren Städten solche Plakate kleben läßt. Sie sollen provozieren. Übersetzt heißt der Text: "Atheisten sind göttlich."
Gleich daneben erinnern andere Plakate an die in der polnischen Verfassung verankerte Trennung von Kirche und Staat. Artikel 25.
Für Pfarrer Stanisław Małkowski sind solche Plakate Teufelswerk. Menschen, die sich als göttlich bezeichnen, sind ihm suspekt. Nach Schwulen- und Lesben-Kampagnen, seufzt er bei unserem Besuch, jetzt auch noch so was in Polen. Es wird immer schlimmer.
Stanisław Małkowski
Pfarrer
"Das ist alles sehr gefährlich. Diese Initiative will Gesetze schaffen, die nur ihnen passen. Sie handeln nach einer Überzeugung, die nicht mit der Mehrheit übereinstimmt. Eine Bedrohung der Freiheit. Ein dämonischer Versuch, Gottes Platz einzunehmen. Ein Weg der Selbstverdammnis. Eine Riesengefahr für Polen, für die Katholiken, für unsere Heimat."
In einer Seitenstraße in Lublin müssen wir das unscheinbare Büro der Bürgeriniative, die die Plakataktion durchführt, erst suchen. Sie will hier nicht zuviel Aufmerksamkeit erregen, zu gefährlich.
Dorota Wójcik
"Freiheit von der Religion"
"Oft bekommen wir Anrufe, dass den katholischen Nationalisten das gar nicht gefällt, was wir hier machen. Wir haben Angst, aber von der Angst lassen wir uns nicht bremsen. Wohl fühle ich mich aber auch nicht bei diesen Drohanrufen."
Sie kämpfen trotzdem weiter. Gegen Diskriminierung, für ein religionsfreies öffentliches Leben. Und für Menschen wie Wojciech Krzysztofiak, seines Zeichens Ethik-Dozent an der Universität Stettin. Ihm wurde wegen seiner atheistischen Grundhaltung die Dienstwohnung vom Rektor gekündigt. Behauptet er jedenfalls.
Wojciech Krzysztofiak
Universität Stettin
"Mein Leben wäre als Katholik viel leichter. Als Atheist werde ich zum Beispiel nicht so schnell befördert. Dabei will ich keinen Umsturz, keine Kirchen anzünden, keine Priester aufhängen. Nur das Recht haben, sagen zu dürfen, daß ich nichts mit der Kirche zu tun haben will. Menschen ohne Rückgrat sind wie Schweine. Und ich will kein konformistisches Ferkel sein."
Wer will das schon? Aber bis die Polen so einfach mal an einem Vormittag aus der Kirche austreten können, wird es wohl noch etwas dauern. Dazu hat die Kirche noch viel zu viel Macht. Daran ändern auch ein paar Plakate im Land nicht viel.
Autor Ulrich Adrian






