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Entlang der Oder auf polnischer Seite stehen noch viele sozialistische Ehrenmale, die an den Kampf der Ersten Polnischen Armee an der Seite der Roten Armee erinnern. Selbst eine Stalin-Tafel ist geblieben. Die Verherrlichung des Kommunismus ist in Polen strafbar, aber die Bewohner der Gemeinde wollen ihre Geschichte nicht einfach entsorgen.
Sie säumen die polnischen Straßen entlang der Oder. Sozialistische Mahnmale, die an den verlustreichen, letzten Kampf gegen Nazi-Deutschland im April 1945 erinnern.
Damals hieß diese Garnisonsstadt Regenwurmlager. Benannt nach einem Flüsschen im Oder-Warthe-Bogen. Dann zog die Rote Armee hier ein. Jetzt werden die Häuser modernisiert. Kęszyca Leśna soll zu einer komfortablen Waldstadt umgebaut werden. Mit einem ganz besonderen Markenzeichen. Hinterlassen von der Roten Armee bei ihrem Abzug im Jahr 1993.
Wie uns die Pressesprecherin des Bürgermeisters erklärt, wollen die Bewohner das sozialistische Denkmal in Ehren halten,
Patrycja Klarecka-Haładus
Pressesprecherin
"Das war die Geschichte unseres Landes, unserer Gemeinde, also sollte man es nicht einfach entsorgen. Für die Bewohner hat dieses Denkmal eines russischen Funkers Symbolkraft für die ganze Gemeinde. Auf der einen Seite hat die sowjetische Armee zwar Polen besetzt, andererseits hat sie dieses Land aber auch befreit."
Trotz klammer Kassen will die Gemeinde den am Boden liegenden Rotarmisten restaurieren lassen. Nirgendwo in Polen gibt es noch so viele kommunistische Denkmale wie entlang der Oder. Denn für die Bewohner hier waren die Sowjets vor allem eins: Garanten, dass die Deutsche nicht zurückkommen. Und dass sie, die durch die Grenzverschiebung ihre Heimat im Osten Polens verloren hatten, für immer bleiben können.
"Weg mit den Verrätern .. Und den Trotteln, auf den Denkmalsockeln, weg mit den abscheulichen Bolschewiken!"
Das Lied des Vereins Koliber. Seine Mitglieder kommen aus den großen Städten, aus Warschau und aus Breslau. Sie kämpfen dafür, dass alle kommunistischen Denkmäler aus dem Straßenbild Polens verschwinden. Für sie waren die Sowjets vor allem eins: Besatzer und Verräter am polnischen Volk.
Igor Olech
Verein Koliber
"Seit dem Krieg hat sich in solch kleinen Orten wie zum Beispiel hier in Rzepin eigentlich nichts verändert. Es herrscht noch immer die Lethargie der landwirtschaftlichen Staatsbetriebe. Ich sehe marode Gemeinden und gleichzeitig sehe ich leider renovierte Denkmäler mit einem Roten Stern und Straßenschilder mit sozialistischen Helden. Das totalitäre sowjetische Regime hat Polen das kommunistische System aufgezwungen. Und es ist absurd, dass im unabhängigen Polen diese Verbrecher immer noch mit Straßennamen und mit Denkmälern geerehrt werden."
Nur die Soldaten der 1. Polnischen Armee durften im kommunistischen Polen als Helden gefeiert werden. Sie hatten an der Seite der Roten Armee gekämpft. Ihre Gräber hier auf dem polnischen Soldatenfriedhof in Siekierki schmücken sogenannte Grunwaldkreuze mit zwei Schwertern. Christliche Kreuze hatten die sowjetischen Besatzer nicht erlaubt. Erst nach der Wende konnte das silberne Christuskreuz aufgestellt werden. Für die Polen, die im Untergrund gekämpft hatten, für die Widerstandskämpfer, die Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen gibt es entlang der Oder bis heute keinen Gedenkort.
Neben dem Friedhof: Das Museum für die Soldaten der I. Polnischen Armee. Adam Niedźwiecki wird als Kriegsveteran noch immer gefeiert. Geboren im damals polnischen Wolhynien, heute Ukraine, kam er als 18 Jähriger mit der 1. Polnischen Armee an die Oder. Seine Heimat hat er nie wieder gesehen. Bei der Schlacht im Oderbruch ist ihm das Trommelfell geplatzt. Er ist einer der letzten Überlebenden.
Adam Niedźwiecki
Kriegsveteran
"Als 17 Jähriger musste ich für die deutschen Besatzer ein Jahr lang bei der Bahn arbeiten. Tausende Transporte mit Minen habe ich miterlebt. Damals habe ich auch ein bisschen deutsch gesprochen. Und als dann die Russen kamen, sagten sie: "Junge, du gehst mit uns in den Krieg". Wissen Sie, ich kann auch Russisch sprechen."
Die Ausstellung zeigt den glorreichen Weg der 1. polnischen Armee von Moskau, über Warschau bis nach Berlin. Nicht erzählt wird, wie die polnischen Soldaten nach Russland gekommen waren: Dass sie schon 1939, nach dem Überfall der Sowjetunion auf Polen, dorthin verschleppt worden waren. Dass die Kollaboration mit den Sowjets die einzige Chance war, freigelassen zu werden. Diese Geschichte fehlt im Museum.
Adam Niedźwiecki
Kriegsveteran
"Ich habe sie! Die Medaillen: ich hab sie alle."
In Cybinka wurde eine gewaltige Anlage mit General Schukow auf dem Sockel frisch renoviert: Inklusive Stalin-Gedenktafel! Der letzten in ganz Polen. Die Gemeinde weigerte sich standhaft, die Stalintafel zu entfernen. Obwohl sie aus Warschau dazu aufgefordert wurde. Denn: es ist in Polen strafbar, den Kommunismus zu verherrlichen.
Dariusz Kuczyński
Vizebürgermeister Cybinka
"Bitte, betrachten Sie das nur als eine Touristenattraktion und versuchen Sie nichts anderes darin zu finden. Hier will niemand in die Vergangenheit zurück! Wir wollen endlich normal leben: das nutzen, was uns die EU bietet, was uns die Menschenrechte geben und nicht nach hinten blicken und in der Geschichte herum graben. Weil de facto wird uns das weder helfen, aber es stört uns auch nicht. Alle Bewohner brauchen Wasser und Kanalisation. Es müssen Wege und Bürgersteige neu gemacht werden. Das ist für mich das wichtigste."
Und deshalb darf in Cybinka jeder stehen bleiben wo er ist. Zumal Heimatforscher entdeckt haben, dass das eigentliche Symbol der Stadt ein ganz anderes sei. Hier hat der Romantiker Ludwig Tieck angeblich einen Bühnenklassiker erschaffen: Den gestiefelten Kater. Und der darf jetzt vor dem Rathaus stehen.
Autorinnen Antonia Schmidt, Magdalena Zieba-Schwind, Kerstin Teschner





