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Seyran Ateş ist Deutsche, Türkin und natürlich Berlinerin. 1969, mit sechs Jahren kam sie aus Istanbul nach Berlin. Ihr gefiel das neue Leben in Deutschland, sie lernte schnell und gut. Mit 17 verließ Seyran Ateş ihr Elternhaus und begann sich für die Rechte von Musliminnen zu engagieren. Mit provokanten Buchtiteln wie "der Islam braucht eine sexuelle Revolution" und "der Multi-Kulti-Irrtum" erregt sie Aufsehen
Eine junge Frau ist aufmüpfig, widersetzt sich den Traditionen ihrer türkischen Familie, und wird ermordet.
Der ARD Krimi porträtiert eine Familie, die ihr eigenes Kind tötet. Eine Familie mit einem verstörenden Verständnis von „Ehre“. Ein verstörender Film, der zeigen soll, dass es solche Probleme auch in Deutschland gibt.
Seyran Ateş ist Anwältin und Frauenrechtlerin. Sie hat am Drehbuch mitgeschrieben.
Seyran Ateş
"Die Jungfräulichkeit war ein sehr wichtiger Aspekt für diesen Film und dass Menschen bereit sind zu töten und dass auch Geschwister untereinander deshalb Probleme miteinander bekommen und dass auch aufgrund der Ehre tatsächlich Blut vergossen wird, auch dass sind Erfahrungen, die ich in meiner Zeit als Beraterin und auch als Anwältin leider Gottes immer wieder erfahren haben. Gerade die Gewalt aufgrund eines patriarchalisch archaischen veralteten Ehrbegriffs."
Seyran Ateş wurde in der Türkei geboren, mit sechs Jahren kam sie nach Deutschland. Ihre Eltern gehörten zur ersten Generation der so genannten Gastarbeiter.
Seyran Ateş
"Sie hatten Angst davor, dass ich raus gehe, mich mit Jungs treffe, dass ich meine Jungfräulichkeit verliere, dass ich schwanger werden könnte, etc. vor allem die Sexualität, es geht um die freie, selbst bestimmte Sexualität und das ist etwas, was in den Köpfen meiner Elterngeneration nicht akzeptabel war, dass Mädchen eine freie selbst bestimmte Sexualität leben."
Mit 17 Jahren verließ Seyran Ates heimlich das Elternhaus, sie wollte Abitur machen, Jura studieren, die Eltern wollten das nicht. Heute vertritt sie junge Frauen, viele haben einen türkischen oder kurdischen Hintergrund und meist geht es um Scheidungen.
Seyran Ateş
"Was diese junge Frauen brauchen, ist eine Beratung in der Lebensgestaltung, zu sagen, ich bin europäisch, aber gleichzeitig bin ich auch türkisch, ich komme aus einer Stammeskultur und will das beides jetzt zusammen vereinbaren."
In Kreuzberg lebt jeder nach seiner oder ihrer Fasson. Religion ist Privatsache. Nur das Kopftuch – sagt Rechtsanwältin Ates, das ist mehr als ein religiöses Symbol, und gehört nicht zu einer offenen Gesellschaft.
0n Seyran Ateş
"Vor allem steht das Kopftuch ja auch so klar für eine Geschlechterapartheid, also eine Trennung der Geschlechter, was ganz klar damit zusammenhängt, dass hier nach der Scharia gelebt wird, nach dem islamischen Recht, es ist ein politisches System, was damit zum Ausdruck gebracht wird, das hat nichts mit Religion zu tun und dass eine Geschlechtertrennung ein wesentlicher Aspekt auch der Gesellschaftsordnung ist, die diese Leute verfolgen und das kann ich nicht akzeptieren."
Sie sei Türkin und Deutsche, sagt die 50jährige, das zu sagen, war nicht immer einfach. Zugang zu Bildung, sexuelle Selbstbestimmung: vieles, das für deutsche Frauen ihres Alters immer selbstverständlich war, hat sich Seyran Ates erst erkämpfen müssen. Dass hat sie stark werden lassen - auch gegenüber ihrem Bruder.
Seyran Ateş
"Ich habe einen älteren Bruder mit dem ich sehr vieles aufarbeiten konnte, der nicht besonders nett zu mir war, der mich auch geschlagen hat, als Kind, aber der dann irgendwann mir die Fragen gestellt hat: „Sag mal, weißt du eigentlich, wie es mir gegangen ist als ältester Bruder und als er dann beschrieb, was dass für ihn bedeutet hat, wenn er auf die restlichen vier Kinder aufpassen musste und Angst davor hatte, dass wir uns etwas tun und etwas passiert, dann kriegt er Schläge, dafür dass etwas passiert, so habe ich erstmal angefangen, auch meinen Blick zu verändern."
Schon mit zehn Jahren war der älteste Bruder Kemal für alle vier Geschwister verantwortlich. Es ist noch nicht lange her, dass er darüber lachen kann.
Kemal Ateş
"Für sie habe ich sogar die Kleider meiner Mama angezogen, weil sie immer geweint hat, wo meine Mama zur Arbeit war, ja… es ist tatsächlich so, ich musste Kopftuch, damit sie ruhig ist, denn die Eltern entziehen sich der ganzen Autorität und überlassen das alles mit zehn Jahren einem Kind…"
Seyran Ateş
"Ja, ja und diese Rolle möchte ich eigentlich gar nicht übernehmen…"
Seyran Ateş nimmt kein Blatt vor den Mund. Sie hat Bücher geschrieben wie "Der Islam braucht eine sexuelle Revolution", oder "der Multi-Kulti Irrtum". Sie hält Lesungen in Deutschland und Vorträge in der Türkei, oft unter Polizeischutz. Ein Attentat überlebte sie 1984 schwer verletzt. Regelmäßig erhält sie Morddrohungen, doch sie hat gelernt mit der Bedrohung zu leben und die Angst auszuhalten.
Seyran Ateş
"Es gibt eben auch eine energische Wut in mir, jedes Mal, wenn ich auf ein Ereignis stoße, was ich ungerecht finde, was ich einfach so schlimm finde für das Leben von Frauen insbesondere, dann ist da eine Triebfeder, Triebkraft, die mich nicht mehr hält."
Und es sieht so aus, als ob sie mit dieser Kraft noch sehr viele Ungerechtigkeiten in Berlin aus dem Weg räumen kann!
Beitrag von Martina Hiller von Gaertringen






