Miroslaw imitiert Tina Turner (Quelle: rbb)

Porträt des polnischen Tänzers Mirek Ossowski - Gelebt wie Getanzt

1970 gab es für den kleinen Mirosław aus Stettin nicht Schöneres als das Ballett im DDR Fernsehen. Er beschloss: Da will ich hin! Während seiner Ausbildung in Danzig kommt der Ausnahmezustand. Mirosław ist 21 und geht in die DDR: ohne Deutsch, ohne Bleibe, ohne Papiere kommt er nach Ost-Berlin und macht seinen Traum tatsächlich wahr.

Mirek Ossowski

"Bitteee sehr … so was hat Polen noch nie gesehen … so ein Kleid meine Damen und Herren … Diese Verzierungen habe ich selbst dran genäht und dieses Kleid, das ich jetzt anhabe, habe ich vor 35 Jahren in Polen gekauft …."

"Also ich triefe schon, mir läuft ja alles hinten …. kann ich jetzt bitte das ausziehen?"

Mirek Ossowski muss einfach tanzen. Das haben auch viele Jahre zuvor seine Eltern in Polen eingesehen, als der Junge nicht aufhörte, sie mit diesem absurden Berufswunsch zu nerven.

Mirek Ossowski

"Das Tanzen fehlt mir nicht … ich bin jetzt viel zu alt, um die Leistung zu bringen. aber meine Tina Turner mach ich noch immer sehr gerne ja, und da ist natürlich auch sehr viel Tanzen dabei …"

"Seine" Tina Turner begeistert in Berlin und auf Kreuzfahrtschiffen der Welt die Fans aller Geschlechter – oder, wie man heute sagen würde, aller Gender-Kategorien…

So hatten sich seine Eltern in Stettin vor 40 Jahren die Karriere ihres Jungen natürlich nicht vorgestellt.

Mirek Ossowski

"Wenn ich mir so die alten Fotos aus meiner Kindheit anschaue, hier zum Beispiel sitze ich auf den Schultern von meinem Vater, da mache ich schon mal tänzerische Bewegungen, die Arme seitlich, die Arme hoch … Ich wollte einfach schon immer tanzen. Und als ich mit meinen Eltern darüber sprach, da sagte Mama aber zu mir: 'Ne Ne … Tanzen, das ist doch kein richtiger Beruf …'"

Um ihnen zu Gefallen, hat Mirek dann auch an der Stettiner Uni vier Semester Chemie studiert. Nebenher tanzt er weiter. Bei einem Auftritt sehen dann aber die Eltern doch ein, dass ihr Sohn Talent hat und auf die Bühne muss.

Mirek Ossowski

"Als ich gewusst habe, dass ich jetzt Tänzer werden, hab ich immer Kessel Buntes gesehen, ja DDR Fernsehen, Nr.1, Programm 1, Samstagabend  20.00 Uhr Kessel Buntes und hab gesagt: Da hab ich das erste Mal das Fernsehballett gesehen und da hab ich gesagt: 'da will ich hin – das ist mein Ziel!' Und was passierte?"

"10 Jahre später war ich dort!"

1981 ist Ausnahmezustand in Polen. Mirek Ossowski wird 'Vertragstänzer' beim DDR-Fernsehballett.

Mirek Ossowski

"Hier war alles nur politisch, politisch und ich hab nie diese Wort "Genossen" verstanden, bis ich mich später aufklären ließ, dass das Towasik heißt. In Polen waren wir auch kommunistisch aber niemand hat jemand anders mit Genosse angesprochen sondern mit Kollege ... hier nur Genosse, Genosse, Genosse – haben die keine Namen? Alle heißen Genossen?"

Aber neugierig waren sie schon, die Genossen: das mit seinem Privatleben – das hat sie dann doch interessiert.

Mirek Ossowski

"In Polen durfte man gar nicht sagen, dass man schwul ist und hier bin ich mit offenen Herzen empfangen worden – hier war das alles normal – Also ich hab mich nicht geoutet hier im Theater – aber die neugierigen Kollegen wollten unbedingt wissen – ich hab gesagt nein es wird nichts - … naja dann hab ich meinen ersten Freund kennengelernt und dann wussten sie es."

Was heute viele gern von ihm wüssten, ist, wie man es schafft, optisch die eigene Biografie Lügen zu strafen: Mirek Ossowski ist 59 – und auf Bürgerämtern oder in  Sportstudios erntet er manch irritierten Blick.

Mirek Ossowski

"Sport ist für mich wie eine Droge. Ich kann ohne Sport nicht leben – drei Tage ohne Sport, dann fühle ich mich müde und dann muss ich sofort was machen …"

"Das kann ich natürlich noch lange machen - sogar wenn ich im Sarg liege und steif bin - dann kann ich diese Bewegung immer noch machen: seitlich und oben schliessen, seitlich und oben schliessen. So lange es halt geht - Fit sein, ist einfach alles!"

Beitrag von Sabine Hechinger

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