Ilona Karwinska steht vor einer Neonreklame (Quelle: rbb)

- Neon Nostalgie - Ein Warschauer Museum entdeckt altes Licht wieder

In der Volksrepublik Polen repräsentierten die oft kunstvollen Neon-Reklamen die große, weite Welt. Doch zu kaufen gab es in den Läden kaum etwas. Die Fotografin Ilona Karwinska will wenigstens einen Teil der schönen, alten "Neons" retten. Sie hat in Warschau ein Neon-Museum eröffnet – das erste in der Welt!

Bei Tag sehen sie trist aus, die stummen Zeugen der sozialistischen Wirtschaft in Warschau: Doch bei Nacht ließen sie einst das Konsumparadies der Volksrepublik erstrahlen.

Ilona Karwinska lebt in London – sie hat die Neons ihrer alten Heimat neu entdeckt.

Ilona Karwinska

"Dieser Platz hatte immer die größte Ansammlung von Neons, wie die ikonische Volleyballspielerin gleich um die Ecke. Die Marszałkowska Straße oder Puławska Straße hier waren die Zentren des Neonisierungsprojekte der kommunistischen Behörden in den 60ern und 70ern. Damals bekam jedes Gebäude sein Neon!"

Sie ist Fotografin und sie dokumentiert die letzten Neon-Zeugen – und rettet sie so vor der Müllhalde.

Denn heute zeigen nur noch alte Postkarten, die einst leuchtende Pracht in den Straßen polnischer Städte.

Inzwischen haben Ilona Karwinska und ihr britischer Partner, David Hill, Polens erstes Neon-Museum in Warschau eröffnet. In einer ehemaligen Waffenfabrik lassen sie Neon-Oldtimer wieder erstrahlen.

Ilona Karwinska

"Als ich 2005 Warschau besuchte, wollte ich die wenigen verbliebenen Neons fotografieren, eben auch die des Café Berlin, das war inzwischen ein Elektronikladen. Nach 40 Jahren hatte das Neon ausgedient und stand im Hinterhof. Ich nahm’s mit und wusste, dass es höchste Zeit war, diese „Neonisierung“ polnischer Städte zu dokumentieren."

In der Volksrepublik Polen war die Warschauer Firma "Reklama" die führende Neon-Herstellerin. Vom einstigen großen Staatsbetrieb sind heute drei Mitarbeiter übrig – und sie wissen noch, wie man Neonreklame in Handarbeit herstellt.

Ryszard Kalowski

"Früher wurden die Neonreklamen von alten erfahrenen Künstlern entworfen. Sie waren schöner als die von heute, denn jetzt macht man mit LED-Reklame, das ist vielleicht billiger aber eigentlich hässlich, finden wir."

Seit fast 100 Jahren gibt es Neonreklame. Jahrzehnte haben Designer und Techniker experimentiert, um mit der richtigen Neongas-Mischung die verschiedenen Farben in den weissen Glasröhren zu erzeugen. Im Museum können die Besucher das selbst nach empfinden.

David Hill

"Sie sind nicht wie die heutigen Marken, die bloß ein bestimmtes Produkt oder eine Firma bewerben, die keine Bindung zum Kunden haben – diese sollten Treue und Vertrauen schaffen! Das waren lokale Wahrzeichen: Dein Blumenladen, Dein Café - für Dich entworfen!"

Besuch im Museum: Magdalena Byczyńska war eine dieser legendären Designerinnen – sie kann es kaum glauben, dass es ihre Entwürfe noch gibt!

Magdalena Byczyńska

"Zu wenige Neons haben überlebt. Dass so viele Besucher sie jetzt sehen können, da kommen Gefühle in mir hoch. Ich wäre vermutlich nicht auf diese Idee einer Ausstellung gekommen;Neons gehören doch nach draussen! Aber es ist eine wunderbare Idee, die ich selbst nie gehabt hätte. So bleibt auch etwas Schönes von mir erhalten."

Ilona Karwinska

"Wir haben eine Renaissance der Neons in Polen: Neue werden im alten Stil hergestellt. Ständig bekommen wir Anfragen für ein Café oder ein Restaurant: kann man eine Kopie einer alten Neon bekommen."

Und so haben alle etwas davon: die Jungen entdecken überraschende Schönheiten der alten Heimat – und die Alten merken erst heute, wie avantgardistisch sie damals wirklich waren!

Beitrag von Micha Halfwassen

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