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Seit Monaten demonstrieren polnische Bauern in Westpommern gegen den Verkauf von Ackerland an ausländische Unternehmen. Da diese über sogenannte Strohmänner immer mehr ehemalige LPG-Betriebe aufkaufen, bleibt für die polnischen Landwirte kaum noch Land übrig.
Es reicht! Aus ganz Westpommern sind die Landwirte nach Stettin gekommen, um zu protestieren. Seit 77 Tagen schon stehen sie hier. Die staatliche Agentur für Landwirtschaftliche Immobilien verschleudert polnisches Ackerland an ausländische Investoren, sagen sie.
Protestler
Machen Sie mich nicht wütend, wir sind schon wütend genug!
Dieser junge Bauer wird uns erklären, warum sie so wütend sind. Wir fahren nach Pyrzyce. Die Region ist bekannt für ihre Schwarzerde. Früher gehörte sie den LPG-Betrieben und wird heute von der staatlichen Agentur verwaltet. Seit den 90er Jahren aber kaufen immer mehr ausländische Investoren das fruchtbare Land auf.
Bartosz Bogusz hat Landwirtschaft studiert. Auf 180 Hektar baut er Getreide und Zuckerrüben an - wie die meisten Bauern hier. Er würde seinen Betrieb gern vergrößern. Doch die Bodenpreise sind inzwischen zu hoch.
Bartosz Bogusz
Landwirt
Die Agentur gibt als Ausgangspreis 20.000 Zloty pro Hektar vor. Bei der Versteigerung erscheint dann ein Strohmann. Er bietet mehr, bietet mehr. Wir wollen überleben, hier unsere Kinder groß ziehen, aber wie? Wenn Ackerland 50.000 Zloty pro Hektar kostet, dann können wir Bauern nicht mithalten, das ruiniert uns!
Staatliches Land soll eigentlich nur an Bauern verkauft werden und bis 2016 nicht an Ausländer. Doch es gibt einen Trick:
Ein Pole und ein Deutscher gründen eine Gesellschaft, der Pole wird Mehrteilseigner.
Sie engagieren einen polnischen Strohmann als Bieter bei der Versteigerung. Er erfüllt alle Teilnahmebedingungen: Er hat eine landwirtschaftliche Ausbildung, bewirtschaftet mindestens einen Hektar Land und ist in der Gemeinde mit Wohnsitz gemeldet.
Mit dem geliehenen Geld bietet der Strohmann so lange mit, bis alle anderen Bauern aussteigen. Die Agentur für Landwirtschaftliche Immobilien gibt ihm den Zuschlag. Dann "verkauft" er das Land an die GmbH. Für seine Dienste darf er einen Teil des geliehenen Geldes behalten, in der Regel um die 5000 Zloty, also 1200 Euro.
Wenn ab 2016 alle Einschränkungen wegfallen, werden die Ackerpreise kräftig steigen, darauf spekulieren viele große Agrarunternehmen.
Und deshalb kommen Investoren aus Deutschland, Holland, Dänemark nach Westpommern.
Wir fragen den Bürgermeister von Pyrzyce. Er unterstützt die Bauern, hat sich an den Protesten beteiligt und einen lokalen Bauernrat gegründet.
Jerzy Marek Olech
Bürgermeister von Pyrzyce
Ich identifiziere mich mit den Bauern, weil sie für eine richtige Sache kämpfen. Als Bürgermeister dieser kleinen Gemeinde Pyrzyce möchte ich nicht, dass es so weit kommt, dass wir in ein paar Jahren eine Gemeinde ohne Land sind. Dass wir bei einem Fremden arbeiten müssen.
Schauen Sie, das ist unsere Gemeinde und diese grünen Flächen sind Areale, die jetzt schon in den Händen von Gesellschaften mit ausländischem Kapitalanteil sind!
Der Bürgermeister zeigt uns die Beweise. Kaufurkunden dokumentieren, wie diese Gesellschaften über Strohmänner an das Ackerland gekommen sind - obwohl es die EU-Sperre bis 2016 gibt.
Jerzy Marek Olech
Am 31. Januar wurde das Land gekauft und am 27. Februar schon weiterverkauft! Sie sehen, mit dem Ackerland wird gehandelt!
Wir fahren nach Stettin und fragen in der Agentur für landwirtschaftliche Immobilien nach, wie es so weit kommen konnte. Der frühere Direktor musste als Folge der Proteste gehen. Sein Nachfolger beruft sich auf die schwierige Zeit des Übergangs in die Marktwirtschaft in Polen der 90er Jahre.
Jacek Malicki
Agentur für Landwirtschaftliche Immobilien
Der freie Markt steckte noch in den Kinderschuhen. Da waren Gesellschaften mit ausländischem Kapital die normalen Käufer dieses Ackerlandes. Sie waren besser aufgestellt, waren reicher. Es gab keine unmittelbare Konkurrenz, denn an Versteigerungen von Flächen mit mehreren 100 Hektar haben doch nur diese Großen teilgenommen.
Inzwischen möchten auch die polnischen Bauern mitbieten. Doch die staatliche Agentur ist an größtmöglichen Einnahmen interessiert.
Jacek Malicki
Agentur für Landwirtschaftliche Immobilien
Wir sind hier als eine staatliche Institution vielleicht etwas weit gegangen:
In finanziell sehr schwierigen Zeiten sind wir die goldene Henne für die Staatskasse. Wir bringen Einnahmen, die sind vergleichbar mit dem Energiesektor, mit dem Handel mit Erdöl!
Die Bauernproteste zeigen erste Erfolge. Der Landverkauf soll nun transparenter werden. Neue Besitzer müssen das Ackerland selbst bewirtschaften und dürfen es erst nach zehn Jahren weiterverkaufen – sonst drohen Sanktionen. Doch wird das auch kontrolliert? Bogusz ist skeptisch.
Bartosz Bogusz
Landwirt
Ich glaube nicht, dass unsere Regierung bereit ist, sich der Sache richtig anzunehmen. Die Geduld der Bauern hat aber ihre Grenzen. Bis jetzt waren es ein paar Traktoren, jetzt kommt das schwere Gerät dran. Wir kommen mit den Mähdreschern. Ich starte diesen Mähdrescher und fahre damit zum Protest!
In der Finanzkrise werden Immobilien immer attraktiver – noch ein Grund für große Investoren, nach Gesetzeslücken zu suchen. Bartosz Bogusz wird seinen Mähdrescher für den Protest noch brauchen!
Autorin Katharina Zabrzynski, rbb


