Pferd im Stall (Quelle: rbb)

- Pferde ohne Arbeit

Bis zu einer Tonne wiegen die schweren Kaltblutpferde. Doch seit es für sie kaum noch Arbeit gibt, landen immer mehr von ihnen auf dem Schlachthof. Sie extra dafür zu züchten, gilt in Polen als Tabu. Doch es ist oft die einzige Einnahmequelle für die kleinen Landwirte.

Seinen besten Zuchthengst - Bajor - zeigt uns Paweł Zużewicz gerne. Aus der ganzen Umgebung kommen die Bauern mit ihren Stuten und lassen sie von seinem preisgekrönten Kaltbluthengst decken. Im Natursprung, wie es in der in Züchtersprache heißt.

Auch Pawels zweiter Deckhengst ist ständig im Einsatz. Seine Stuten müssen jedes Jahr ein Fohlen bekommen, sonst lohnt sich der Hof in Dzieszkowo nicht. Nur die besten Stutfohlen behält er. Die anderen verkauft er. Zum Kilopreis, als Schlachtpferde. Darüber zu sprechen, fällt ihm nicht leicht.

Paweł Zużewicz
Pferdezüchter Dzieszkowo
Alles läuft über Vermittler. Sie vermitteln zwischen Händlern und Bauern und verdienen das meiste Geld daran. Wir Züchter bekommen nie soviel Geld, wie uns eigentlich zusteht.

Reporter: Stören Sie die brutale Pferdetransporte nicht?
Ich möchte, dass die Transportbedingungen verbessert werden. Manche Transporte sind wirklich brutal. Am besten wäre es, wenn die Pferde in Polen geschlachtet werden könnten und nicht durch ganz Europa transportiert würden. Aber die Hauptabnehmer sind die Italiener und die wollen lebende Pferde. Und, nun ja, es geht um’s Geld.

Früher konnte Pawel Geld mit Waldarbeit verdienen. Doch seit die Forstverwaltung lieber Maschinen als Pferde zum Ziehen der Baumstämme einsetzt, ist diese Einnahmequelle fast versiegt. Seine zwei Arbeiter musste er schon entlassen.

Paweł Zużewicz
Überall wird gespart und niemand bedenkt, dass dabei die Menschen auf der Strecke bleiben. Früher haben wir mit unseren Pferden das Holz gerückt. Jetzt fallen drei Maschinen in den Wald ein, machen Kahlschlag und in zwei Monaten ist die ganze Arbeit fertig - und tschüss. Eine Firma kriegt fettes Geld und viele werden arbeitslos. So ist das.

Dzieszkowo liegt in der Nähe von Stettin. Ein "typisches" Dorf - mit mehr Pferden als Menschen. Seit es für die schweren Kaltblutpferde keine Arbeit mehr im Wald und auf dem Feld gibt, züchten die Bauern Schlachtpferde für den europäischen Markt.

Polen ist der größte Exporteur von Pferdefleisch in der EU. Obwohl ein gesundes Pferd wie ein Rind zu schlachten, bei den Bauern hier eigentlich als Tabu gilt.

Auch für Familie Ławniczak gehörten Pferde schon immer zum Leben. Dass sie heute die Schlachtpferde zum Überleben brauchen, darüber reden sie nicht gerne.

Jadwiga Ławniczak

Nein! Nie würden wir ein Pferd töten, um Gottes Willen. Solche abartigen Dinge gibt’s hier nicht.

Dann zeigt uns ihr Sohn Henryk die Pferde. Alles Kaltblutstuten und jedes Jahr bekommen sie ein Fohlen. Nur wenige werden zur Weiterzucht gebraucht, die meisten vom Händler abgeholt. Was der damit macht, wollen sie lieber nicht wissen.

Henryk Ławniczak
Ich kenne kein anderes Volk, das die Pferde so liebt wie wir Polen. Ich bin mit Pferden aufgewachsen. Von klein auf habe ich mit ihnen auf dem Acker und im Wald gearbeitet. Aber heute? Sollen wir die Pferde denn nur auf der Koppel herumstehen lassen? Früher haben wir ja auch alte und kranke Pferde geschlachtet. Das hat schon immer zur ganz normalen Nahrungskette gehört, seien wir doch ehrlich….

Zurück zum Hof von Familie Zużewicz. 29 Kaltblüter stehen bei ihnen auf der Weide. Pawel und Agnieszka machen alle Arbeiten hier alleine.

Die Pferde bekommen nur Heu und Hafer und keine Medikamente. Glückliche Pferde mit viel Auslauf. Bestes Biofleisch.

Paweł Zużewicz
Ich habe mit dem Schlachten nicht direkt etwas zu tun. Die Zwischenhändler holen die Pferde bei mir ab. Und ich glaube, dass die Welt halt so geschaffen ist! Gott hat sie so geschaffen, dass das Pferd dem Menschen dient. Und es ist doch eine Ehre für das Pferd, für den Menschen zu arbeiten und sich bis zum Ende nützlich zu machen.

Zwei Euro zahlen italienische Vermittler pro Kilo für ein Pferd unter zwei Jahren. Sie würden sogar drei Euro zahlen, für ein Fohlen, das jünger als fünf Monate alt ist. Doch die verkauft Paweł Zużewicz nicht.

Der Pferdezüchter hat schon viele Preise für seine Kaltblutzucht bekommen.

Paweł Zużewicz
Durch die Auszeichnungen fühle ich mich geehrt! Und habe das Gefühl, dass meine Träume als Züchter in Erfüllung gegangen sind.

Pawel und Agnieszka können sich ein Leben ohne Pferde nicht vorstellen. Auch wenn manche Pferde später zum Schlachter gehen, ist es für sie okay, solange sie so ein schönes Pferdeleben, wie hier in Dzieszkowo, haben.

Paweł Zużewicz
Ich wollte schon immer Pferde haben. Als ich vierzehn war, habe ich an der Tankstelle gearbeitet und mir vom Ersparten mein erstes Pferd gekauft, damit hat alles angefangen. Wenn ich Probleme habe, gehe ich zu den Pferden, streichele sie und es kann weitergehen.

Autorinnen Antonia Schmidt & Wioletta Weiss, rbb