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Ein deutscher und ein polnischer Physiker forschen am weltweit größten Zentrum der Teilchenphysik, dem CERN. Ihr Thema: das "Quark-Gluon-Plasma", der Zustand von Materie im Augenblick des Urknalls. Beide Wissenschaftler sind zu Freunden geworden.
Was hält die Welt im Innersten zusammen? Schon Goethe hatte die Frage gestellt, jetzt versuchen ein deutscher Experimentalphysiker und ein polnischer Theoretiker die Antwort zu finden.
Will man das große Ganze verstehen, muss man bei den kleinsten Bestandteilen der Materie anfangen. Und dafür braucht man die größte Maschine der Welt. Seit 60 Jahren sind Physiker von überall her in der Schweiz auf der Suche nach der Weltformel. im Kernforschungszentrum CERN.
Der Zugang ist streng geregelt. Die Augen werden gescannt, während man auf einer Waage steht. Nur wenn alles stimmt, öffnet sich die Schleuse. Dann geht es hinab, hundert Meter tief in das Gestein der Alpen.
Diese beiden Herren gehören zu den führenden Köpfen. Der weiße Helm zeigt den Experimentalphysiker, der hier zu Hause ist. Rot ist der Gasthelm des theoretischen Physikers.
Peter Braun-Munzinger
CERN & GSI Helmholtzzentrum Darmstadt
Wir arbeiten intensiv zusammen seit etwa 1999.
FRAGE: Wie viel Zeit verbringen Sie miteinander? Mehr als mit Ihren Ehefrauen?
Krzysztof Redlich
CERN & Universität Wrocław
Statistisch gesehen sehe ich meine Frau öfter als Herrn Braun-Munzinger.
Aber ich sehe ihn immer mit großem Vergnügen!
Peter Braun-Munzinger
CERN & GSI Helmholtzzentrum Darmstadt
Wir arbeiten hauptsächlich experimentell und er arbeitet hauptsächlich theoretisch. Und wir treffen uns dann, um die Daten zu synthetisieren und zu verstehen, was man daraus lernen kann.
In dem 27 Kilometer langen Tunnel werden Atomkerne auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigt. Pro Sekunde durchlaufen die Ionen über 10.000 Mal den Ring. Magneten in der blauen Röhre halten sie auf Kurs.
Der ringförmige Teilchenbeschleuniger heißt LHC. ALICE ist eines von vier Experimenten. Die beiden Wissenschaftler haben es mitentwickelt.
Peter Braun-Munzinger
CERN & GSI Helmholtzzentrum Darmstadt
Um diesen Detektor zusammen zu bauen, haben wir zehn Jahre mit einem Team von 50 Leuten alleine für einen dieser inneren Detektoren gearbeitet.
Den Kern bildet ein Magnet, zwölf Meter hoch – er enthält fast so viel Metall wie der Pariser Eiffelturm.
Krzysztof Redlich
CERN & Universität Wrocław
Das ist ein ganz besonderes Experiment. Es erlaubt uns, die Struktur der Materie zu untersuchen, die es heute nicht mehr gibt. Die gab es früher; wir könnten also den Zustand der Materie reproduzieren, den es nach dem Urknall im Universum gab.
Im ALICE-Experiment kollidieren Atomkerne. Die Temperatur wird dabei 200.000mal höher als im Inneren der Sonne. Die Bindekräfte der Kerne werden überwunden, es entsteht das Quark-Gluon-Plasma.
Diesem Zustand der Materie, wie er Sekundenbruchteile nach dem Urknall geherrscht hat, ist Krzysztof Redlich auf der Spur. Die Experimentalphysiker um Peter Braun-Munzinger diskutieren mit Kollegen aus vielen Ländern über die bisherigen Ergebnisse ihrer Forschung.
Peter Braun-Munzinger
CERN & GSI Helmholtzzentrum Darmstadt
Es gibt Sachen, die noch nicht gänzlich stimmig sind... die Simulationen stimmen nicht ganz genau mit dem Experiment überein: Liegt das daran, dass die Simulationen falsch sind? Oder liegt es daran, dass das Experiment eine Überraschung hat, die nicht in der Simulation drin ist? Genau das wird im Moment diskutiert...
An so einem Punkt müssen sie auftauchen aus der Flut von Abermillionen Daten. Um die Entstehung des Universums zu erfassen, benötigt man mehr als eine mathematische Formel. Es bedarf eher der Kreativität.
Krzysztof Redlich
CERN & Universität Wrocław
Wir beide haben sehr oft Intuition auf der gleichen Ebene. Auch die Chemie muss stimmen bei einer Zusammenarbeit. Ich fühle diese Chemie, ich weiß nicht, wie Du, Peter, darüber denkst?
Peter Braun-Munzinger
CERN & GSI Helmholtzzentrum Darmstadt
Ich hab es hingekriegt, Krzysztof zu bewegen, an Experimenten teilzunehmen, die er noch nie vorher gemacht hat.
Krzysztof Redlich
CERN & Universität Wrocław
(lacht) ... das ist wirklich ein Abenteuer! Und es ist auch sehr viel Romantik dabei! Was in der Wissenschaft absolut notwendig ist!
FRAGE: Sind Sie Freunde geworden?
Krzysztof Redlich
CERN & Universität Wrocław
Um so lange zusammenzuarbeiten, wie wir es tun, muss man auch viel voneinander wissen. Ich fühle mich als Peters Freund.
Peter Braun-Munzinger
CERN & GSI Helmholtzzentrum Darmstadt
Es geht auch um Vertrauen, man muss sich auf den anderen verlassen können. Das ist entscheidend bei wissenschaftlichen Unternehmungen.
Abendessen bei Braun-Munzingers. Die Hausfrau, Johanna Stachel, ist die Vorsitzende der ältesten wissenschaftlichen Gesellschaft. Zu ihren Vorgängern zählten Albert Einstein und Max Planck.
Jetzt ist der Moment für die ganz großen Fragen der Existenz: Schöpfung? Mensch? Gott?
Johanna Stachel
CERN & Präsidentin der Deutschen Physikalischen Gesellschaft
Das ist gar nicht logisch oder zwangsläufig, dass es Leben auf der Erde gibt! Dass es Leben gibt... dass es Menschen gibt!
Krzysztof Redlich
CERN & Universität Wrocław
Das ist der Finger Gottes. Die Natur ist so wohlgeordnet... und so phantastisch!
Peter Braun-Munzinger
CERN & GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung
Ja, aber man darf nicht vergessen, der entscheidende wissenschaftliche Fortschritt im späten Mittelalter kam, als Galileo es wagte, sein Teleskop ins Weltall zu richten.
Mit dem Blick ins All hat Galileo unsere Weltsicht revolutioniert. Seine Nachfolger wagen den nächsten Schritt.
Autor Wolfgang Kübel, rbb


