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Die israelische Regisseurin Yael Hersonski entdeckte im Bundesfilmarchiv Filmaufnahmen, die im Auftrag des Nazi-Propagandaministers Joseph Goebbels gedreht wurden: suggestive Bilder aus dem Warschauer Ghetto, die das Wesen der Juden diffamieren sollten.
Ein Leben in Saus und Braus. Reiche Juden im Warschauer Ghetto. Inszeniert von der Nazi-Propaganda. Gespielt von echten Bewohner des Ghettos.
Schon zwei Jahre lang waren hier eine halbe Million Menschen zusammengepfercht. Und für diesen Film mussten sie nach dem Drehbuch spielen: "Reiche Juden lassen arme Juden verhungern."
Eine israelische Regisseurin traute sich, diesen alten Rohschnitt, der nie fertig wurde, aus den Kellern des Berliner Bundesfilmarchivs zu heben und dessen wahre Geschichte zu erforschen.
Yael Hersonski
Filmregisseurin
Es dauerte über zwanzig Minuten, bis ich mich endlich traute, dieses Gebäude zu betreten. Es war, als ob man in ein Gehirn hineingehen würde... in den Denkprozess der Geschichte. Ich wusste sofort, dass ich damit den Film beginnen würde, mit dieser erlebten Zeitreise...
Die Regisseurin suchte und fand Überlebende des Warschauer Ghettos und befragte sie. Sie waren damals Kinder, aber an die Dreharbeiten der Deutschen konnten sie sich erinnern.
Zeitzeugin
Oh Gott!
Zeitzeugin
Ich denke die ganze Zeit, dass ich unter den Leuten auf einmal meine Mutter sehen könnte.
Castingaufnahmen von vermeintlich "typisch jüdisch" aussehenden Menschen. Ein Beweis, dass die angebliche Dokumentation sorgfältig inszeniert wurde. Die Komparsen wurden teils gezwungen, teils machten sie freiwillig mit, weil sie hofften, dadurch ihre Lage zu verbessern.
Die Regisseurin fand einige Bilder, auf denen uniformierte Kameraleute zu sehen sind. Einer wurde identifiziert. Sie fand das Gerichtsprotokoll aus den siebziger Jahren. Der frühere Kameramann Willy Wist wurde als Zeuge befragt. Das Verhör hat sie für ihren Film nachgestellt.
Nachgestellte Verhörszene
Herr Wist, das Gericht möchte wissen, ob Sie während des Krieges auch im Warschauer Ghetto eingesetzt wurden.
Jawohl.
Herr Wist, können Sie uns nach Ihrem besten Wissen sagen, ob nach der Erteilung des Filmauftrags zur Sprache kam, welchem Zwecke die Aufnahmen dienen sollten?
Mir ist zu keiner Zeit bekannt geworden, zu welchen Zwecken die von uns abgedrehten Filme benutzt werden sollten.
Film
Da ist doch der Rubinstein, um Himmels Willen! Alle gleich! Alle gleich! - hat er immer gerufen...
Film
Ach, die Frau kannte ich doch! Sie lief immer hin und her mit ihrem Baby auf dem Arm und schrie. Sie bettelte nach einem Stückchen Brot.
Yael Hersonski
Das Filmbild ist sowieso ein Ausschnitt – es ist ein Rahmen, in dem zwei Realitäten eingefangen werden. Die eine konnte von den Filmemachern bestimmt werden, aber da ist noch eine tiefere Realität. Die der echten Bewohnern des Ghettos mit ihrem echten Leben…
Joseph Goebbels hat damals in sein Tagebuch notiert: „Mir wurden heute schreckliche Aufnahmen vom Warschauer Ghetto vorgeführt. Das verstärkte nur meine Überzeugung, dass wir diese Rasse von der Erde ausmerzen müssen!“
Ich meine, es ist schon ironisch, er ließ sich von der eigenen Propaganda überzeugen, alle Juden müssten vernichtet werden.
Die Kamera als Folterinstrument. Menschen wie Schauobjekte im Käfig.
Autorin Milena Hadatty, rbb (Wiederholung vom 21.02.2010)


