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Als die Deutschen Pizza, Ćevapčići und Gyros lernten – lernten sie da auch Offenheit für das Zusammenleben mit den Einwanderern aus Italien, Jugoslawien und Griechenland? Ja und nein, sagt Historikerin Maren Möhring. Sie hat an der Uni Potsdam die kulturellen Folgen der neuen deutschen Speisekarten untersucht.
Nicht schlecht staunten die Deutschen, als Pizzeria Roma, Balkangrill und Falaffelparadies ins Land kamen. Und lang ehe sie bemerkten, dass sie nun ein Einwanderungsland seien, servierten ihnen gastfreundliche Wirte Speisen und Getränke, die Sauerbraten und Schweineschmalz alt aussehen ließen!
Die Historikerin Maren Möhring hat jetzt die Geschichte des fremden Essens wissenschaftlich untersucht und wir sind in Berlin mit ihr auf Spurensuche gegangen.
Senol Pak,
Restaurant Istanbul
Das ist mein Vater, er war türkischer Spezialitätenkoch und zu seiner Zeit hat er sich in Berlin halt mit zum besten Türken entwickelt.
Das heute typischste aller türkischen Gerichte wurde hier zum ersten Mal serviert. Zaghaft ließen die Deutschen ihre Geschmacksnerven auf das Neue los!
Senol Pak
Restaurant Istanbul
Am Anfang gab es dann natürlich nicht bei allen, aber bei vielen noch eine Grenze, weil das ist was Fremdes gewesen. Auch zum Beispiel beim Mauerfall hat man es besonders gut gesehen, da kamen dann die Leute und wussten gar nicht, was eine Aubergine oder so etwas ist, und das war mit dem Döner, glaube ich, oder auch mit dem türkischen Restaurant, am Anfang genauso.
Es war ein langsames Herantasten. Als liberal und weltoffen wollte gelten, wer exotisch essen ging und schon der Genuss von Knoblauch konnte ein politisches Statement sein, hat Maren Möhring herausgefunden.
Maren Möhring
Historikerin
Man kann das selbst bei Restaurantkritikern in den siebziger Jahren noch feststellen, dass die sagen: Oh Gott, jetzt habe ich dieses oder jenes Gericht gegessen, jetzt kann ich zwei Wochen lang niemanden treffen, weil ich so nach Knoblauch stinke.
Also die Sorge vor dem Knoblauchgeruch war sehr, sehr groß und eigentlich normalisierte sich das erst in den achtziger Jahren, dass die Deutschen auch in den achtziger Jahren angefangen haben, selbst mit Knoblauch zu kochen.
Der Balkan-Grill kam schon in den fünfziger Jahren. Cevapcici und Puzta Platte wurden zur beliebtesten fremden Küche. In den Achtzigern galt er längst als Variante des deutschen Speisezettels.
Maren Möhring
Historikerin
Der Balkangrill ist neben den italienischen Restaurants wirklich eines der frühen Restaurants, die in der Bundesrepublik erfolgreich waren, also in den fünfziger Jahren gab es schon einige Balkangrills und die ersten wurden gegründet von ehemaligen Zwangsarbeitern aus dem ehemaligen Jugoslawien, die in Deutschland geblieben sind und dann hier ein Lokal aufgemacht haben.
Und ausgerechnet deutsche "Heimatvertriebene" wurden Stammgäste - die Küche von Donau und Drina war ihnen vertraut und gern ließen sie sich von Drago und Dunja den Slivovitz nachschenken.
Ivan Tokic
Gastronom Dalmacija Grill
Einfache Balkanküche mit nur Grillsachen, war wenig komplizierte Sachen und so. Und viele Leute dadurch auch so gekommen, haben gearbeitet ein bisschen und dann haben sie sich selbstständig gemacht.
Die Einwanderer wurden Kleinunternehmer. Und sie schafften ein kleines Wirtschaftswunder. Das italienische Ristorante oder die Pizzeria ist bis heute in seiner Beliebtheit nicht zu übertreffen. Dabei gab es in Italien die Pizza nur gelegentlich in und um Neapel. Erst die westdeutschen Touristen sorgten für ihre flächendeckende Verbreitung im Mutterland.
Maren Möhring
Historikerin
Was man hier sehr deutlich sehen kann, welche wichtige Rolle der Tourismus gespielt hat. Italien als das traditionelle Sehnsuchtsland der Deutschen war über das italienische Restaurant in die Bundesrepublik gekommen und auch Leute, die sich eine Reise nach Italien nicht leisten konnten, konnten dann noch mal das italienische Restaurant aufsuchen und italienische Speisen probieren.
Zum Italiener ging man damals auch wegen der besonderen südländischen Atmosphäre. Die Pizzeria Portofino feiert im nächsten Jahr schon ihr fünfzigjähriges Jubiläum:
Gloria Weber
Ristorante Portfino
Letztens war im Portofino ein dänisches Ehepaar, die vor dreißig Jahren hier in Berlin studiert haben und sich im Portofino verliebt haben und die fanden es ganz toll, dass es sich gar nicht verändert hat.
Und so lebten sie fortan glücklich und multikulti? Ganz so einfach ist sie nicht, die Geschichte von Pizza und Tiramisu.
Maren Möhring
Historikerin
Darüber hinaus kann man fragen, inwiefern die Internationalisierung der Ernährung auch zu mehr Offenheit geführt, auch zu mehr Neugier auf andere Länder. Das mag ein Aspekt sein, aber man sollte, glaube ich, auch die Ambivalenz sehen, nämlich dass sich sehr viele Stereotype über bestimmte Länder auch über das Essen und auch über die ausländische Gastronomie verstärkt haben.
Solange das so ist, müssen wir wohl die Sauerkrauts bleiben...
Autorin Bettina Lehnert, rbb


