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Die nationalkonservative Kulturrevolution treibt immer mehr Ungarn aus dem Land, das wieder Denkmäler für seinen faschistischen Staatschef aus dem zweiten Weltkrieg aufstellt. Und sie fragen sich, ob sich in Berlin überhaupt jemand dafür interessiert, was beim EU-Nachbarn los ist.
Agnes Szabó ist Journalistin. In Ungarn hat sie für eine Kultursendung im Fernsehen gearbeitet. Die Sendung wurde eingestellt. Sie war dem Regierungschef Viktor Orban und seiner nationalkonservativen Partei "Fidesz" nicht mehr genehm.
In ihrer Heimat geht ein nationalistischer Ruck durchs Land. Journalisten wie Agnes können in ihrem Beruf kaum noch arbeiten.
Agnes Szabó
Kulturjournalistin
Nachdem Fidesz Regierung an die Macht kam, haben sie alle Produzenten selber ausgewählt. Sie wollten nur ihre Menschen als Produzenten sehen, weil sie dann wussten, dass diese Sendungen, fidesznah sind, und ihre Kulturpolitik auch entsprechend berichten werden.
Weil sie Deutsch spricht, bekam sie ein dreimonatiges Arbeitsstipendium bei der Wochenzeitung "der Freitag" in Mitte. Chefredakteur Philip Grassmann kann verstehen, warum die Kollegin anschließend gleich in Berlin bleiben wollte.
Philip Grassmann
Chefredakteur "der Freitag"
Ich kann das schon nachvollziehen, denn die Lage der Presse hat sich in Ungarn in den vergangenen Monaten dramatisch verschlechtert. Alleine im öffentlichen Rundfunk sind ja über 500 Leute auf die Straße gesetzt worden. Unter anderem auch, weil die politische Richtung der Berichterstattung der Regierung nicht gepasst hat. Und unter diesen Bedingungen zu arbeiten, ist extrem schwierig.
Als im März Staatspräsident János Àder in Berlin war, ermahnte Bundeskanzlerin Merkel ihn zur Wahrung der demokratischen Rechte. Das ungarische Parlament hatte soeben eine Verfassungsänderung beschlossen und die Unabhängigkeit der Justiz beschnitten.
Dagegen protestierten Berliner Exilungarn vor ihrer Botschaft, während drinnen ihr Staatspräsident empfangen wurde. Den ungarischen Fernsehzuschauern wurden diese Bilder vorenthalten. Sie waren nur im Internet zu sehen.
Hier im ungarischen Kulturinstitut, dem "Collegium Hungaricum" in Mitte, kommen im Exil lebende Künstler regelmäßig zusammen. Ihr Optimismus, bald in ihre Heimat zurück gehen zu können, schwindet.
Timea Oravecz
Videokünstlerin
Ich liebe meine Stadt, ich liebe Budapest, ich liebe diese Kultur, auch diese Sprache, aber ich sehe einfach nicht meine Zukunft dort, also als Künstler.
Wer seine Meinung sagt, setzt in Ungarn seine Existenz aufs Spiel. In Berlin atmen die Intellektuellen wieder auf.
Agnes Szabó
Kulturjournalistin
Hier kannst du deine Meinung äußern. Es ist egal, ob du liberal bist oder Linker bist oder schwul bist oder was auch immer. Und in Ungarn erwarten sie, dass die Menschen maßgeschneidert sind, alle gleich denken, alle die gleiche Meinung haben - und das Individuum stirbt halt. Und das ist auch ihre Ziel damit, dass sie die Kultur töten.
Für ihre intellektuelle Unabhängigkeit nimmt sie in Kauf, dass sie hier nicht in ihrem Beruf arbeiten kann. Derzeit jobbt Agnes Szabo stundenweise als Deutschlehrerin. Die Flüchtlinge, die sie unterrichtet, sind aus ähnlichen Gründen nach Berlin gekommen wie ihre Lehrerin.
Agnes Szabó
Kulturjournalistin
Egal, wie gerne ich schreibe und so, aber davon könnte ich alleine nicht leben, um mein Leben hier wirklich zu decken oder meinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Und deswegen muss ich unterrichten. Aber das mache ich auch sehr gerne.
Und auch dieser Job bringt ein paar Euro: Agnes Szabó hilft dem Weinhändler Horst Hummel, ungarischen Wein in Berlin zu verkaufen. Seit 15 Jahren ist er mit Ungarn in Kontakt. Und spürt den Wandel dort.
Horst Hummel
Weinhändler
Wenn ich jetzt die Schönhauser Allee oder egal wo entlang laufe, dann hört man immer wieder Ungarisch. Das zeigt schon, dass es immer mehr Ungarn gibt in Berlin. Und natürlich weiß ich auch aus meinem Bekanntenkreis, dass immer mehr Leute, auch junge Leute, hierher nach Berlin kommen, um hier zu studieren – oder um zu arbeiten.
Auch Bernát Jósza will in Berlin bleiben. Der Wirtschaftsredakteur hat erlebt, wie nach und nach die Redaktionen mit regierungshörigen Kollegen besetzt wurden.
Bernát Jósza
Wirtschaftsredakteur
Viele junge Journalisten, die nicht regierungsnah sind, wandern aus oder versuchen eben halt, andere Jobmöglichkeiten zu finden.
Aber er ist kein Muttersprachler. Deshalb wird er in Deutschland kaum als Journalist arbeiten können.
Jósza: Also vorübergehend würde ich auch vielleicht mit Bierzapfen oder mit Abwaschen probieren, also alles, aber zuerst nicht mehr zurück zu gehen.
Szabó: Ja, wir können auch eine ungarische Kneipe aufmachen. Dann kannst du nicht Bier, sondern Wein zapfen: Aus dem Fass!
Hummel: Muss man nicht zapfen – nur ausschenken!
Es ist noch gar nicht so lange her, da haben sie auf den Fall des Eisernen Vorhangs, auf die neue Freiheit in Ungarn angestoßen...
Autor Olaf Sundermeyer, rbb


