- Gibt es Polenhass in Kremmen?

Das fragen seit dem Angriff auf drei polnische Spargelpflücker vor allem polnische Journalisten. Kowalski & Schmidt Reporterin Małgorzata Bucka hat mit Kremmener Bürgern und mit polnischen Erntehelfern gesprochen - und festgestellt, die Wirklichkeit ist ebenso vielschichtig wie die Kriminalitätsstatistik.

Akkordarbeit , von früh morgens bis spät abends, sie kommen schon seit Jahren nach Kremmen, das Spargelstechen wird gut bezahlt, der Arbeitgeber bietet Logis und Bustransport zwischen Feld und Nachtquartier.

Doch am 13. Mai wollen drei Männer nach dem Ende der Schicht zu Fuss nach Hause laufen. Ihr Weg führt sie an einer Siedlung vorbei, in der es am frühen Morgen einen Einbruchversuch gegeben hatte.

Und jetzt, am Abend, in einem Waldstück, fallen betrunkene Dorfbewohner über die 3 Polen her, verschleppen zwei von ihnen in den Hof des betroffenen Hauses, fesseln sie.

Erst die Polizei befreit die Männer: sie kommen mit leichten Prellungen und schwerem Schock ins Krankenhaus.Und die Medien wollen wissen, was los ist in Kremmen.

Robert Wyszyński
Vorarbeiter
"Ein paar Deutsche kamen herbei gestürmt. Und unsere Jungs sprechen ja kein Deutsch und verstanden nicht, was los war. Die haben sie gefesselt und ins Auto gezwängt. Die glaubten, sie hätten die Täter des Einbruchsversuchs gefasst. Und die Polen waren im Schock, ohne zu verstehen, worum es geht. Jetzt sind auch die Deutschen schockiert über das Ereignis. So etwas passierte uns noch nie. Und wir kommen doch schon seit Jahren hierher."

Die Leute in der Gegend schämen sich, dass so was überhaupt geschah.

Malte Voigts
Geschäftsführer des Spargelhofs Kremmen
"Es ist ja eine Form der Selbstjustiz gewesen, so sehe ich das auch, und ich habe überhaupt gar kein Verständnis für den Haupttäter oder die Täter. Welche Pferde mit denen da durchgegangen sind und was sie veranlaßt hat, so zu reagieren, ist mir völlig schleierhaft."

Der Fall liegt beim Staatsanwalt. Die Täter sind auf freien Fuß. Die Polizei führt keine Statistik, die besagt, dass hier in der Spargelsaison häufiger eingebrochen wird als sonst. Jedoch stieg die Zahl der Wohnungseinbrüche in ganz Brandenburg 2012 um 17%. Die Menschen in Kremmen sind verunsichert, viele wissen nicht, was sie denken sollen.

Für die Antifa-Aktivisten aus Berlin ist der Fall klar. Sie sind mit dem Bus gekommen um gegen Rassismus zu protestieren. Sie wollen den Kremmenern sagen, was sie von dem Überfall auf die polnischen Spargelstecher halten.

Antifa-Aktivist
"Das eigentliche Problem wird nicht beim Namen genannt: Rassismus. Polinnen und Polen sind der deutschen Mehrheitsgesellschaft willkommen, wenn es um die Erledigung von Drecksarbeit zu Niedrigstlöhnen geht. Sonst gelten sie bei allen als kriminell."

Frau
"Die Bezahlung für den Deutschen ist einfach zu niedrig, so ist es. Unsere Lebenserhaltungskosten sind einfach zu hoch. Und der Pole an sich, wenn er aus Polen rüber kommt nach Deutschland, dort sind ja andere Preise. Soll er sich das Geld verdienen, warum denn nicht."

Mann
"Grundsätzlich denk ich mal, gibt es hier keine Ausländerfeindlichkeit. Det ist.. Ich kann wieder mal die Hand für unsere Polen ins Feuer legen. Ich habe im Spargelhof viel gearbeitet, manchmal hab ick dort mein Werkzeug liegen lassen und allet. Wir haben schöne Partys gefeiert zum Saisonende, zusammen gefeiert und ist nix passiert."

Frau
"Es gibt auch Deutsche die sowas machen. Und ich nehme an, das werden auch Deutsche gewesen sein, die das ausgenutzt haben, dass dort die polnischen Arbeiter sind. Weiß man das alles? Nee? Ist halt ja, man weiß nicht…!"

Und wenn man nicht weiß, sichert man sich besser ab. Über die Häuser in der Siedlung, in der es den Einbruchversuch gab, wachen die Hunde.

Frau
"Ich weiß nicht, das sind so Sachen, was passiert das nächste Mal? Also ich kann auch nicht einfach hier auf einen mit ner Waffe losgehen, weil ich denke, er könnte vielleicht der Dieb sein…Es ist nicht die richtige Lösung. Dafür haben wir die Polizei und Gerichte, dann sollte man sich halten."

Die Arbeit auf dem Spargelhof geht weiter. Im Akkordtempo sortieren polnische Arbeiterinnen den Spargel. 3 Tonnen pro Stunde. Vor der Kamera wollen sie nichts sagen.

Mittagspause. Die Männer werden mit einem Bus zur Cateringausgabe gebracht. Und mit dem Bus wieder zurück aufs Feld. So spart man Zeit und Energie. Es ist auch sicherer, man trifft keine anderen Menschen unterwegs.

Die drei Männer, die überfallen worden waren, arbeiten längst wieder hier. Für sie ist der Fall abgeschlossen: sie waren zur falschen Zeit am falschen Ort.

Autorin Malgorzata Bucka, rbb