- Geschichtsarbeit vor Ort

"Es ist längst fünf vor zwölf! Die Zeitzeugen werden nicht mehr lange über ihre Erlebnisse berichten können", sagen Chris Humbs und Jakub Sawicki. Sie haben einen Verein gegründet und organisieren Ausstellungen über Zwangsarbeiter in ländlichen Gegenden Deutschlands.

Das deutsch-polnische Team durchstöbert Archive, sammelt Gelder und versucht, Menschen vor Ort zum Mitmachen zu bewegen. Es ist eine Sisyphusarbeit, oft stehen sie vor verschlossenen Türen. Doch die Beiden lassen nicht locker. Wir haben sie bei ihrer Arbeit in Brandenburg begleitet.

Sie brauchen viel Fingerspitzengefühl. Sie fassen ein Thema an, mit dem sie sich nicht viele Freunde machen: NS-Zwangsarbeit im ländlichen Raum. Jakub Sawicki und Chris Humbs haben die Projektgruppe Zwangsarbeit gegründet, hier bauen sie eine Ausstellung in Gröditz auf. Die 100 Tafeln zeigen unbekannte Dokumente und Fotos, aber vor allem die Schicksale der Menschen, die in Gröditz während des Zweiten Weltkrieges schuften mussten. Im ehemaligen Rüstungswerk und auf beinahe jedem Bauernhof.

Chris Humbs
Projektgruppe Zwangsarbeit
Ich finde, dass man sie braucht, um sich selbst wachzurütteln. Um zu sehen, die Geschichte hat sich nicht nur fernab in Berlin, Auschwitz oder Nürnberg zugetragen, sondern auch nebenan bei uns. Diese Geschichte sollte in jedem Dorf erzählt und aufgearbeitet werden. Und das ist bis heute nicht geschehen.

Sie haben weltweit in Archiven recherchiert und nach noch lebenden Zeitzeugen gesucht. Zum Beispiel: Mieczysław Kupiec, er war 17, als er zur Zwangsarbeit nach Gröditz verschleppt wurde. Der 90-jährige kommt aus Warschau. Er war einer von über fünf Tausend Zwangsarbeitern in Gröditz. In der NS-Zeit waren mehr als die Hälfte der Einwohner hier Zwangsarbeiter. Seit dieser Zeit behält er meist eine Mütze auf, damit man nicht sehen kann, wie sein Gehirn pulsiert. Während der Arbeit im Gröditzer Rüstungswerk hat ihm ein schweres Stück Metall den Schädelknochen zertrümmert. Es ist eine schwere Begegnung mit seinem eigenen Schicksal.

Gespräch Mieczysław Kupiec und Jakub Sawicki

- Hallo!
- Kann ich irgend etwas für Sie tun?
- Nein! Im Moment nicht. Mir fehlen die Worte, ich muss mich erst beruhigen.
- Gut.

Das eigene Leid hat er so gut es geht verarbeitet. Was ihn nicht los lässt, sind die Bilder der Russen – sie standen im Lager noch unter den Polen.

Mieczysław Kupiec
Zeitzeuge
Ich sehe heute noch die Augen der jungen Russen: wie sie sich immer wieder auf den Kaffeesatz stürzen, weil sie nichts anderes zum Essen hatten!

Neben der Ausstellung haben Jakub Sawicki und Chris Humbs eine Diskussionsrunde organisiert: Die Gröditzer sollen über ihre Geschichte sprechen. Mit dem Mann, der damals hierher verschleppt worden war. Viele sind nicht gekommen, aber der Bürgermeister ist dabei.

Chris Humbs
Macht das Sinn, dass so einen weiten Weg auf sich nehmen?

Mieczysław Kupiec
Früher waren die Deutschen meine Feinde, jetzt bin ich mit manchen sogar befreundet. Die heutigen Deutschen sind anders als die, die den Krieg gemacht haben.

Jakub Sawicki kümmert sich schon um den nächsten Ausstellungsort. Knapp 20 Kilometer weiter. Das sächsische Riesa gilt als Hochburg der NPD. Hier standen die Projektmacher erstmal vor verschlossenen Türen. Den Ausstellungsraum im Stadtmuseum bekamen sie nur, weil sie nicht locker ließen. Finanziell wollte sich die Stadt auch nicht beteiligen. Jakub Sawicki macht viele der Arbeiten ehrenamtlich. Da ist es frustrierend, wenn, wie in Riesa, die Menschen von ihrer Geschichte so wenig wissen wollen.

Jakub Sawicki
Projektgruppe Zwangsarbeit
Wenn es halt mal nicht schön ist, dann beißt man auf die Zähne und kämpft sich durch. Wir kriegen das Projekt in Riesa auch über die Bühne. Davon bin ich überzeugt.

Zur Ausstellung gehört auch die Arbeit mit Schülern. Mit der Berufsschule in Riesa machen sie einen Geschichtsworkshop: Die Schüler haben Mitbürger auf der Straße gefragt: Was hat das Thema mit uns heute zu tun?

Mädchen
Ich denke, es ist wichtig. Und man soll weiter darüber diskutieren.

Frau
Ich denke auf jeden Fall, soll man ein Schlussstrich ziehen.

Mann
Die NPD, die im Landtag sitzt, sind eigentlich schlaue Leute, aber es gibt auch die Skinheads, die übertreiben.

Frau

Es gibt genug verrückte Neonazis immer noch und es werden wahrscheinlich immer mehr. Und man merkt es nur nicht, weil sie sich inzwischen besser verstecken.

Junge
Ist mir eigentlich egal, weil ich selbst ein bisschen nationalsozialistisch bin. Leider.

Jakub Sawicki
Wie findet ihr die Meinungen denn so?

Schüler
Wenn die Menschen sich damit nicht beschäftigen wollen oder der Meinung sind, dass es nicht stattgefunden hat. Dann kann man sie maximal bedauern, aber mehr kann man da nicht machen.

Sie haben ein paar Köpfe und Herzen erreicht. Das Projekt: Geschichte vor der eignen Haustür hat sich wieder einmal gelohnt

Jakub Sawicki
Wenn man dann solche Momente hat, wie heute in der Schule, so dass sich wenigstens ein paar Schüler dafür interessieren und zu Hause anfangen, darüber zu reden. Wenn man ein paar Impulse gegeben hat und es passiert etwas. Das finde ich großartig.

Die Wanderausstellung über Orte "unterm Hakenkreuz" zieht weiter. Drei weitere Orte in Sachsen werden folgen. Der Pole und der Deutsche lernten sich beim Vorstellungsgespräch kennen: Jakub Sawicki hatte sich bei Chris Humbs’ Projektgruppe "Zwangsarbei" in Berlin beworben. Seitdem sind die Beiden ein Team, vor dem die Türen zu verschließen, wenig Sinn macht: ihre Ausstellung haben sie bislang überall durch gekriegt!

Autorin Wioletta Weiß