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Paul Bokowski lebt im Wedding, seine Eltern kamen aus Polen. Seine Geschichten erzählen von den Absurditäten des Alltags: von polnischen Spätaussiedlern, die sich im ‚Labürünth‘ der deutschen Sprache verlieren, von merkwürdigen Sexualverhalten der Weddinger und von NPD-Wählern mit Migrationshintergrund.
Paul Bokowski
"Mit gewissenhafter Überzeugung schreiben die meisten schlesischen Spätaussiedler jedes deutsche Wort, in dem ein "ü" vorkommt, lieber mit "y". Yberraschung, myde, gryn oder Yberweisung. Begegnet ihnen aber ein Wort, welches wirklich mit "Y" geschrieben wird, so regt sich Konrad Dude'scher Ehrgeiz in ihnen, und sie schreiben: "Psüchologie" oder "Labürinth". Auch meine Eltern praktizieren diese schlesische Tradition seit nunmehr 30 Jahren. Einmal las ich "Labyrinth" sogar mit Doppel-"ü": "Labürünth". Kurzzeitig wähnte ich mich anatolischer Abstammung."
Wenn Paul Bokowski mit den Brauseboys auftritt, macht er sich auch über die Polen lustig - ohne sie zu beleidigen. Eine seltene Kunst auf deutschen Bühnen.
Robert Rescue
Autor
"Wenn er die Texte vorliest, die mit seiner polnischen Familie zu tun haben, das ist immer so ein ganz eigener Humor. Also zum Beispiel über Kartoffeln und Fettnahrung. Das kenne ich so nicht."
Volker Surmann
Autor
"So binationale Erfahrungen hat von uns sonst niemand und ich kann halt nur über Westfalen schreiben und über westfälische Kartoffeln und westfälische Mahlzeiten, aber Paul hat da noch ganz andere Traditionen, die er mit einbringt und verwurstet in seinen Texten verwurstet. Verwurstet passt in diesem Zusammenhang ganz gut."
Als Sohn polnischer Einwanderer hat Paul Bokowski einen Freibrief, das ein oder andere Klischee über die Polen zu bedienen. Was läge da näher, als einen polnischen Supermarkt aufzusuchen und die Sache mit seiner Abstammung nochmal zu testen:
Paul Bokowski
"Nicht nur die Liebe geht durch den Magen, sondern auch die nationale Identität. Das heißt, so sehr sich meine Eltern auch integrieren konnten, die polnische Küche haben sie sich nicht abgewöhnt, fasolka und natürlich Wurst und Fleichwaren, kielbasa und kabanosy, alles was das fleichliebende Herz begehrt."
Paul Bokowski
"Ich glaube, dass Engländer und Polen sich in der Qualität des Humors gar nichts nehmen, also der polnische Humor kann, wenn er richtig formuliert ist, sehr sehr böse ein, sehr sehr sarkastisch und ich glaube, dass mir meine Herkunft da tatsächlich in die Wiege gelegt wurde, und dass man an meinen Geschichten merkt, dass der Humor, den ich verkörpere, nicht unbedingt deutscher Humor ist."
Paul Bokowski schreibt auf was er beobachtet, belauscht oder selbst mal erlebt hat. Dabei trägt er Schicht für Schicht ab, bis das Absurde im Zwischenmenschlichen zum Vorschein kommt. Gespickt mit dem bösen polnischen Humor kommen Geschichten heraus, die allzu menschlich sind, auch wenn ihr Autor es gar nicht so richtig gewollt zu haben scheint.
Paul Bokowski
"Das regelmäßige Benutzen von Seife kann zu gelegentlichem Geschlechtsverkehr führen – das stand neben meiner Haustür. War es wirklich so einfach? Seit 10 Jahren lebe ich in Wedding und seit 10 Jahren versuche ich das Wesen dieses Stadtteils in seiner Essenz in mich aufzunehmen. Wer sich gewaschen hat, darf Liebe machen, wenn Berlin arm aber sexy war, war der Wedding schmutzig aber ungefickt."
Die meisten Geschichten spielen in Wedding. Ob die unter hippen Berlinern immer wieder diskutierte Frage, wann Wedding endlich im Kommen sein wird oder die Nachbarin, die ihre urindurchnässte Matratze im Treppenhaus abstellt oder das Angebot an den einstigen Deutsche Bank Chef Ackermann, im Wedding ein vierwöchiges Unterschichtsprogramm zu absolvieren – sein Kiez bietet Bokowski die größte Inspiration
Paul Bokowski
"Ich habe sehr schnell gemerkt, dass die besten Geschichten diejenigen sind, die mir zufällig begegnen. Ich war vor einiger Zeit hier im Karstadt hinter mir, in der Schreibwarenabteilung und irgendwann kam eine ältere Dame zu uns an den Verkaufstresen, als ich gerade in der Schlange stand, und fragte ob es denn noch Glüclwunschkarten zur Goldenen Hochzeit noch gibt. Und die Kassiererin sagte: Na wenn da drüben nichts steht, dann haben wir wohl keine mehr. Wollte sich dann aber nochmal erkundigen und brüllte durch die gesamte Schreibwarenabteilung zu ihrer Kollegin, ob es denn noch Karten zur Goldenen Hochzeit gibt. Und dann brüllte die Kollegin zurück, sie sollte doch bitte bei den Karten zur Traueranzeige gucken, sie würde das immer chronologisch sortieren."
Die deutsche Sprache ist seine Heimat, der Wedding sein Zuhause und sein Humor ist ein typischer, "tijpischer" polnischer.
Paul Bokowski
"Wer einmal in seinem Leben auf dem nationalen Schlesiertreffen in Hannover war und noch immer einen todsicheren Weg sucht, die mehr als treudetuschen Ostgebietler und zugleich einzigen NPD-Wähler mit Migrationshintergrund von ihrer angeheirateten Westverwandtschaft zu unterscheiden, dem sei folgende Prüfung ans Herz gelegt: SO sei der slawischen Verdachtsperson einfach ein Zettel und ein Stift in die Hand gedrückt und die Aufforderung mitgegeben einmal das Wortschen "Gynäkologenüberschuss" zu schreiben. Wird man nun "Günäkologenyberschuss" auf diesem Zettel lesen, so kann man sich sehr sicher sein, einen Menschen vor sich zu haben, der noch immer noch mit Sicherheit zu sagen weiß, welche Postleitzahl die Freistadt Danzig hatte.
Autorin Katharina Zabrzynski, rbb






