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Die Akademie der Künste widmet sich im Jahr der Olympischen Spiele und der Fußball-Europameisterschaft dem öffentlichen Raum des Stadions. Eine Ausstellung am Pariser Platz geht der Faszination von sportlichen Großereignissen nach und betrachtet die Wechselwirkung von Sport, Architektur und Fankultur.
Noch bevor der Besucher die eigentliche Ausstellung betritt, wird er mit den wohl eindeutigsten Beispielen von politischen Sport-Inszenierungen konfrontiert. Im Foyer der Akademie stehen ein Modell des Berliner und ein Modell des Münchner Olympiastadions.
Auf der einen Seite also der monumentale Axial-Bau eines totalitären Regimes, das die Olympiade 1936 zur Inszenierung seiner Macht nutzte. Auf der anderen Seite die offene, transparente Bauweise des Münchener Olympiaparks für die "heiteren Spiele" von 1972. Auch ohne jegliche Vorkenntnisse erkennt man auf den ersten Blick: Hier haben sich zwei völlig verschiedene politische Systeme dargestellt, mit Hilfe der Architektur der Stadien und den auflaufenden Massen darin.
Blutige Kämpfe und friedliche Messen
Im Sportjahr 2012 setzt sich nun die Akademie der Künste mit dem Phänomen der Massendynamik im Sport auseinander. Die Fußball-Europameisterschaft und die Olympischen Spiele sind zwei sportliche Großereignisse, die die Menschenmassen dieses Jahr wieder in Bewegung und in die Stadien bringen. Politik, Veranstalter und Sponsoren wissen das für sich zu nutzen – Zeit für eine kritische Auseinandersetzung.
Akademie-Präsident Klaus Staeck, der sich selbst als Verfechter des öffentlichen Raumes bezeichnet, brannte sofort für das Thema der Ausstellung. Das Stadion sei schließlich "der Ort der Öffentlichkeit", wo Auseinandersetzungen aller Art stattfänden – blutige Kämpfe ebenso wie friedliche Messen mit "Wohlfühl-Charakter."
Stadien als Bühnenbild der Massen-Aufführung
Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen aktuelle architektonische Beispiele: Das Nationalstadion in Warschau und das Olympiastadion in Kiew. An diesen Stätten finden jeweils das Eröffnungs- und das Endspiels der diesjährigen EM statt. Auf riesigen Farbfotografien werden die beiden Stadien in der Ausstellung in Szene gesetzt.
Das Stadion in Warschau ist innen wie außen in den polnischen Nationalfarben rot und weiß gehalten. In Kiew dominieren gelb und blau. Eine nationale Selbstdarstellung mittels der Farbe der Stadionsitze.
Beide Stadien wurden nach Entwürfen des Kurators und Akademie-Mitglieds Volkwin Marg gebaut. Von ihm stammt auch die Idee zur Ausstellung. Marg ist Gründungsmitglied des Architekturbüros Gerkan, Marg und Partner (gmp). Das Unternehmen hat nicht nur die Stadien in Warschau und Kiew ge- beziehungsweise umgebaut, sondern unterem anderem auch dem Berliner Olympiastadion anlässlich der Fußball-WM 2006 zu neuem Glanz verholfen.
Offene Hexenkessel
Die Veranstalter wollen heutzutage eine "Intensivierung" des emotionalen Erlebnisses im Stadion, erklärt Marg im begleitenden Akademie-Gespräch. Ein Hexenkessel soll es sein, dabei darf aber die grundsätzliche Offenheit der Veranstaltung nicht verloren gehen. Die Architektur spiele hierbei eine wichtige Rolle: "Ich kann in einer gruftigen Disko tanzen, aber auch in einem strahlenden, Lüster-erleuchteten Saal." Die Atmosphäre eines Stadions lasse sich durchaus architektonisch beeinflussen, durch Farbe oder Licht, so Marg.
Dennoch schreibt der Architekt seiner Arbeit letztlich Kulissencharakter zu: "Mit einem Bühnenbild allein bestimmt man keine Aufführung. Da sind auch die Grenzen der Architektur."
Schnelldurchlauf durch die Geschichte des Sports
Die Akademie der Künste hat sich bemüht, keine bloße Werkschau des Architekturbüros gmp zu präsentieren. Deshalb werden Besucher zunächst von sechs überlebensgroßen Bildern von Sport-Protagonisten empfangen. Darunter ein griechischer Diskuswerfer, ein Hooligan und der FIFA-Präsident Sepp Blatter. Symbole des Sports, damals und heute.
Hinter den Abbildern beschäftigen sich Text-Installationen mit komplexeren Themen wie "Turnen und Sport im 19. Jahrhundert" oder "Sport in der Antike". Auch der Bereich "Macht, Kommerz und Korruption" findet seinen Raum – direkt hinter dem Bildnis von Sepp Blatter.
Mensch oder Tier?
Im hintersten der drei Säle wird der Rausch thematisiert, der bereits im Untertitel der Ausstellung versprochenen wird. Ein Film zeigt Menschen bei Massenveranstaltungen: mal voller Emotionen, mal beim Ausüben einstudierter Choreographien. An dieser Stelle öffnet sich die Ausstellung für verschiedene Massen-Phänomene. Der Film ist eine Collage von Szenen aus Fußballstadien oder von der Fan-Meile, aber auch von militärischen Aufmärschen, der muslimischen Haddsch oder Menschen am Rande eines Papstbesuchs.
Auf einen Kommentar wird gänzlich verzichtet, allein die Bilder wirken. Kurator Marg wünscht sich, dass sich der Besucher beim Ansehen die Frage stellt, "wo genau der Unterschied zwischen Mensch und Tier liegt".
Und während drinnen noch bis zum 12. August bei freiem Eintritt über die Massen und ihre Inszenierungen reflektiert wird, werden draußen vor den Türen der Akademie bald schon wieder die Massen vorbeiströmen – direkt zur Fan-Meile am Brandenburger Tor.
Julia Rehkopf
© Rundfunk Berlin-Brandenburg
http://www.rbb-online.de/kultur/ausstellungen/themen/choreographie_der.html