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In ihrer Ausstellung "Das Neue Berlin" widmet sich die Berlinische Galerie noch bis zum 30. September der Architektur von Regierungsbauten und Botschaften in der wiedervereinigten Stadt. Neben den Plänen und Modellen von realisierten Projekten sind auch viele preisgekrönte Entwürfe zu sehen, die am Ende in den Schubladen verschwanden.
Kühn spannen sich die Stahlstützen diagonal über den Plenarsaal und tragen federleicht eine filigrane Glaskonstruktion, die sich wie ein Zelt in den Himmel streckt: So könnte heute der Sitz des Deutschen Bundestags aussehen. Der avantgardistische Entwurf von Santiago Calatrava gewann 1992 einen von drei ersten Preisen im Wettbewerb für den Umbau des Reichstagsgebäudes. Dass sich am Ende Norman Forsters runde Kuppel durchsetzte, war erst das Ergebnis monatelanger Diskussionen und Verhandlungen. Mit der Entscheidung über Architekturwettbewerbe wird oft Geschichte geschrieben: Heute ist Forsters Gebäude das wohl bekannteste Symbol der wiedervereinten Bundesrepublik.
Viel Potential durch riesige Brachflächen
Die neuen Regierungsbauten der neunziger Jahre haben das Stadtbild Berlins nachhaltig geprägt. Nachdem Berlin zur Hauptstadt wurde, entwickelte eine Heerschar internationaler Stararchitekten Pläne für die riesigen Brachflächen. Wie spannend und vielfältig dieser mit vielen Diskussionen verbundene Prozess war, zeigt eine neue Ausstellung in der Berlinischen Galerie. Unter dem Titel "Das Neue Berlin" werden mehr als 70 Modelle, Zeichnungen und Entwürfe aus dieser Zeit präsentiert.
Neben Plänen von realisierten Projekten sind dabei viele Entwürfe zu sehen, die für immer in den Schubladen verschwanden. Dabei zeigt sich, dass bei den Großprojekten die Flexibilität der Architekten oft wichtiger war als ein kühner Entwurf. Im Wettbewerb um den Reichstag setzte sich Norman Forster nicht zuletzt durch, weil er seine Pläne mehrmals radikal veränderte und sich geschmeidig der öffentlichen Debatte anpasste. Mit seinem ursprünglich eingereichten Wettbewerbsbeitrag hat der heutige Bau nur noch wenig gemeinsam, wie die ausgestellten Pläne dokumentieren.
Unterschiedliche Befindlichkeiten
Dass die gebaute Realität oft stark vom ursprünglichen Entwurf abweicht, zeigt auch ein beeindruckendes Modell des Bundeskanzleramts in einer frühen Fassung von Axel Schultes und Charlotte Frank. Statt der realisierten wuchtig-monumentalen Fassade ist dort ein rätselhaft schönes Portal zu bewundern: Feine Kreis- und Dreiecksformen schichten sich übereinander, auf der Rückseite führt eine waghalsig filigrane Freitreppe in den Garten – architektonische Raffinessen, die dem damaligen Bundeskanzler und Bauherren Helmut Kohl nicht repräsentativ genug waren.
Bei den politisch bedeutsamen Bauprojekten im Regierungsviertel wurde die Architektur so oft zur Verhandlungsmasse: Die Planer standen nicht nur unter dem Druck der Öffentlichkeit, sondern mussten gleichzeitig auch auf die Befindlichkeiten der politischen Entscheidungsträger eingehen.
"Torte auf Stelzen" und "Bunte Kuh"
Vor besonderen Herausforderungen standen auch die Architekten der mehr als 40 Botschaften, die seit den neunziger Jahren in Berlin neu erbaut wurden. Da die Diplomaten meist Architekten aus ihren Ursprungsländern rund um den Globus engagierten, entstand in den Bezirken Mitte und Tiergarten geradezu eine internationale Bauausstellung. Die Botschaften sollten dabei meist nicht nur würdig den jeweiligen Staat repräsentieren, sondern gleichzeitig auch für die eigene Kultur werben und nationale Architekturformen aufgreifen. Dass es dabei nicht immer nur staatstragend und ernst zugehen muss, zeigen die Fassadenstudien der Architekten Nickol und Schmidt für die erst kürzlich eingeweihte türkische Botschaft. Die verspielten, in knalligen Farben gezeichneten Entwürfe tragen Namen wie "Torte auf Stelzen" und "Bunte Kuh".
Neben den zeichnerischen Studien faszinieren in der Ausstellung besonders auch die zahlreichen Modelle, die veranschaulichen, wie vielseitig und kunstvoll Architektur dargestellt werden kann. Der Grund und Baukörper aus schimmerndem Kupfer geformt, die Wasserflächen durch leuchtenden Grünspan dargestellt – das Bundespräsidialamt von Volker Crayen ist als Modell so schön, dass es gleich etwas weniger schmerzt, dass der Entwurf nie gebaut wurde.
Mit dem Panorama der versammelten Modelle und Entwürfe macht die Schau eindrucksvoll sichtbar, welches kreative Potential die Bauprojekte in der neuen Hauptstadt freigesetzt haben. Wer die Ausstellung besucht, wird beim anschließenden Spaziergang durch das Regierungs- oder Botschaftsviertel mit anderen Augen auf die Bauwerke blicken. Und sich vielleicht manchmal wünschen, einen der abgelehnten anstelle der gebauten Entwürfe zu sehen.
Patrick Hansen
© Rundfunk Berlin-Brandenburg
http://www.rbb-online.de/kultur/ausstellungen/themen/das_neue_Berlin.html