rbb online

rbbonline

Kultur
Kultur
The World Is Not Fair - Die große Weltausstellung 2012 (Foto: raumlaborberlin)

1. bis 24. Juni 2012

The World Is Not Fair - Die große Weltausstellung 2012

Das Tempelhofer Feld entwickelt sich immer mehr zum Eventplatz. Vom 1. bis zum 24. Juni lädt "The World Is Not Fair - Die große Weltausstellung 2012" in den neuen Freizeitpark. In 15 Pavillons präsentiert sich eine Expo, die nur entfernt an die traditionellen Leistungsschauen anknüpft.

"Es empfiehlt sich 'Die große Weltausstellung' mit dem Fahrrad zu besuchen." Dieser Hinweis, am Ende einer Broschüre zum Event, bezieht sich nicht nur auf den Anfahrtsweg zum Tempelhofer Feld, sondern auf die Strecke zwischen den sehr weitläufig von einander aufgestellten Pavillons. Zumindest die zu bewältigende Wegstrecke ist groß. Die 15 Pavillons selbst fallen auf dem 340 Hektar weiten Gelände kaum auf. Aber es macht Spaß, sich auf die Suche zu machen. Gehört das rot-weiße Konstrukt hinter den Büschen zur Weltausstellung oder ist es ein Relikt aus Flughafenzeiten? In der Regel ist es beides, denn einige der alten Gebäude sind in die Weltausstellung integriert.

Ein offener Masterplan für das Tempelhofer Feld

The World Is Not Fair - Die große Weltausstellung 2012 (Foto: raumlaborberlin)

Beitrag von Hans-Werner Kroesinger: "Feldpost 2012" 

Über die Nutzung des Tempelhofer Feldes wurde viel debattiert, die "Große Weltausstellung: The World Is Not Fair" nähert sich dem Thema mit künstlerischer Experimentierfreudigkeit. Was bei den Initiatoren nicht weiter wundert. Hier haben sich die Theaterleute vom Hebbel am Ufer (HAU) und das Architektenkollektiv raumlaborberlin zusammen getan. Die Kombination aus Theater und Architekturbüro hat schon in der Vergangenheit gemeinsame Projekte hervorgebracht, so zum Beispiel vor dem Abriss des Palastes der Republik den "Volkspalast – der Berg".

Beide teilen sie die Leidenschaft für Umbrüche in der Stadtentwicklung. Was sie am Tempelhofer Feld reizt, ist die Suche nach Antworten auf die Frage, wie man mit öffentlichem Raum umgehen kann. So lassen, wie es gerade ist, oder alles strukturieren, nicht zuletzt damit mehr Geld reinfließt? "Wir verstehen beide Seiten", meint Benjamin Foerster-Baldenius vom raumlaborberlin. "Wir versuchen nicht zu vermitteln sondern eher zu sagen, was kann es eigentlich noch alles sein, außer einem hübsch angelegten romantischen Park oder ein vom Volk gewünschtes geöffnetes Brachgrundstück?" Er glaubt, dass die herkömmliche Herangehensweise die gesellschaftlichen Schwierigkeiten und Potenziale ignoriere, die zwischen Planung und Umsetzung entstehen können. Die Veranstalter der "Großen Weltausstellung" fordern einen offenen und lernfähigen Masterplan, der mit einer Experimentierphase beginnt. Stadtentwicklung mal anders gedacht, nicht als geografische Skizze sondern als kultureller Prozess, der sich in einem theatralen Kontext darstellt.

Ideen statt Leistungsschau

The World Is Not Fair - Die große Weltausstellung 2012 (Foto: raumlaborberlin)

Pavillon von Willem de Rooij: Kamelfarm auf dem Flugfeld. 

Eine illustre Truppe aus Bildenden und Performance-Künstlern, Architekten, Theater- und Filmemachern hat sich da zusammengefunden, wie der Filmemacher Harun Farocki, der isländische Künstler Olafur Eliasson, die südafrikanische Video-Künstlerin Tracey Rose und Toshiki Okada, Theatermacher und Autor aus Japan. Jeder hat sich seinen eigenen Zugang zum Thema erarbeitet. Es handelt sich dabei um keine weltausstellungstypische Leistungsschau verschiedener Nationen, sondern um 15 Pavillons voller kreativer Ideen. Gemeinsam zelebrieren sie damit aber auch den furiosen Abschied von HAU-Intendant Matthias Lilienthal, der nach neun erfolgreichen Jahren mal etwas anderes machen möchte und für eine Zeit nach Beirut gehen will.
 
Der Titel "Die große Weltausstellung", selbstironisch überhöht, wurde gewählt, weil alle Pavillons sich mit einem Thema auseinandersetzen, das weltweit von Bedeutung ist. In dem Auditorium des niederländischen Konzeptkünstlers Willem de Rooij, der vor zwei Jahren in der Neuen Nationalgalerie eine beachtenswerte Ausstellung hatte, sind die Aufnahmen aus einem ägyptischen Kamelcamp zu hören. Rooij beschäftigt sich mit der Tradition alter Weltausstellungen, die fremde Kulturen in der Regel klischeehaft präsentierten. Die hör- aber unsichtbaren Kamele mitten im Tempelhofer Feld produzieren einen Verfremdungseffekt, der zum Verlust der Orientierung führen soll.

Die Künstler haben zwar keine genauen Formatvorgaben bekommen, aber alle stellen sich der Herausforderung, sich mit dem Gegebenheit des Feldes, der Besucher und Bewohner und der Welt da draußen auseinanderzusetzen. Das Institut für Raumexperimente unter der Leitung von Olafur Eliasson, wird beispielsweise mit "Translation Acts" ihre Projekte vorübergehend in einer Ballonhalle auf dem Gelände durchführen. Dabei gehen sie der Frage nach, “wie sich spezifische Formen des Riechens, des Hörens, des Sehens und der Bewegung ineinander übersetzen und auf unsere Wahrnehmung von Raum beziehen lassen”.

Der Filmemacher Harun Farocki, der den militärischen Kontext digital generierter Bilder erforscht, bezeichnet seinen Pavillon "Parallele" als "eine symbolische Parallelwelt, die in einem merkwürdigen Sinn zu diesem merkwürdigen Unort Tempelhof eine ganz gute Beziehung hat." Er findet es toll, dass Tausende ohne feste organisatorische Vorstellungen und ohne genaue soziale Kontrolle dieses Feld nutzen. "Anscheinend brauchen Leute Planungslücken", sagt Farocki.

Keine Freizeitidylle, keine Kolonialismusphantasien

The World Is Not Fair - Die große Weltausstellung 2012 (Foto: raumlaborberlin)

Am besten per Fahrrad zu erreichen: die Pavillons der "Großen Weltausstellung" 

Genau diese Planungslücken und das Nebeneinander paralleler Welten haben das Hildesheimer Kollektiv machina X dazu inspiriert, die Beziehung zwischen dem Realen und Virtuellen zu hinterfragen. Mit der Werkstatt Metatron erschafft machina X ein interaktives Computerspiel, in dem die Zuschauer zum Teil einer rätselhaften Geschichte werden. Die Welt ist bereits untergegangen, die Menschen wissen es nur nicht, alles ist eine Illusion. Laura Schäffer vom Kollektiv sieht ihre apokalyptische Perspektive als den Gegenentwurf zum Gelände selbst. “Wir hoffen, dass die Leute eine andere Sicht auf diese Freizeitidylle haben werden", meint die Künstlerin.

Nicht alle Künstler beziehen sich direkt auf das Tempelhofer Feld. Der libanesische Theatermacher Rabih Mroué’s lädt die Zuschauer ebenfalls zur interaktiven Teilnahme ein. Anders als machina X beschäftigt er sich aber mit der realen Weltpolitik, vor allem mit der Revolution im arabischen Raum. Er hat den Film des syrischen Demonstranten, der seine eigene Erschießung mit dem Handy gefilmt hat, in 72 Einzelaufnahmen zerlegt und in Bildtafeln aufgestellt. Wenn man schnell genug daran entlangläuft, wird der Film animiert. Fast so, als ob man seine eigene Erschießung erlebt. Draußen scheint die Sonne, aber in den Pavillons ist von Freizeitidylle keine Rede. Es wird immer wieder deutlich: "The World Is Not Fair!"

Weltausstellungen herkömmlicher Art sind nationale Leistungsschauen, die wenig zur Verbesserung der Lebenssituationen der Menschen beitragen, meinen die Veranstalter. "Die Institutionen schaden den Städten meistens mehr als sie Gutes tun und was in einzelnen Ausstellungspavillons präsentiert wird, ist häufig nicht mehr als eine besonders teuer aufgelegte Tourismusaktion", sagt Foerster-Baldenius.
 
Der Projektdramaturg Christoph Gurk vom HAU ist derselben Meinung: "Der Reichtum der Länder, die sich als zukunftsfähige Nationen präsentieren, ist auf der Armut anderer Länder oder auf bestimmte Ungerechtigkeiten in der Weltwirtschaft aufgebaut." Der Raubbau an der Umwelt, der koloniale Hintergrund, der seit der ersten Weltausstellung 1851 in London nicht weichen will, stört ihn am meisten. In der Gewerbeausstellung in Treptow 1869 gab es sogar Megadörfer, in denen die Bewohner deutscher Kolonienen zur Schau gestellt wurden.

Ein Prototyp für Nachhaltigkeit

Auch wenn Kolonialdörfer heute nicht mehr ausgestellt werden, bleibe die Logik hinter großen Weltausstellungen und Expos unverändert. Vor allem beim Raubbau der Ressourcen. Im 19. Jahrhundert wurde in Wien der Verlauf der Donau umgelenkt, um Platz für die Ausstellung zu schaffen. 2010 mussten 18.000 Menschen umsiedeln, um für die Shangai Expo Platz zu schaffen. Mit ihren Aussagen zum Umgang mit Umweltressourcen ist die "Große Weltausstellung 2012" mehr als die Summe ihrer einzelnen künstlerischen Projekte. Sie wirkt wie ein Prototyp dafür, wie man öffentliche Flächen wie Tempelhof kreativ und umweltfreundlich nutzen kann. Hier wird möglichst wenig an neuen Materialen aufgebaut und viel recycelt. Viele Gebäude, von den Aussichtstürmen bis zum Hundezwinger, die auf dem Flugfeld schon vorhanden sind, wurden mit den Künstlern zusammen transformiert. Andere Materialien kamen konnten aus alten Ausstellungen des Hauses der Kulturen der Welt übernommen werden.

Nach fast zweijährigen Vorbereitungen möchte die "Große Weltausstellung 2012" mit dem Titel ‘The World Is Not Fair’ beweisen, dass man mit einem Zehntel des Budgets herkömmlicher Weltausstellungs-Pavillons einen lebbaren Raum aufbauen kann, der es den Bewohnern ermöglicht, ihren Teil zu einer faireren Welt beitragen zu können. Und das beginnt eben schon bei der Anreise mit dem Fahrrad.

Seda Nigbolu

Stand vom 30.05.2012

Dieser Beitrag gibt den Sachstand vom 30.05.2012 wieder. Neuere Entwicklungen sind in diesem Beitrag nicht berücksichtigt.

Mehr im rbb

Do 31.05.12 22:15

Stilbruch
Matthias Lilienthals Abschied vom HAU

Die große Weltausstellung 2012

Matthias Lilienthals Abschied vom HAU

Nach neun Jahren verabschiedet sich der Intendant des HAU-Theaters aus Berlin - mit einem besonderen Kunstspektakel. Insgesamt 15 Pavillons lässt Matthias Lilienthal für die "Die große Weltausstellung 2012" auf dem Tempelhofer Feld bespielen. [Stilbruch]

Mehr Infos

01. bis 24. Juni 2012

Die große Weltausstellung

Tempelhofer Freiheit: Haupteingänge Oderstraße, Columbiadamm und Tempelhofer Damm
12101 Berlin

Öffnungszeiten:
donnerstags und freitags
16 bis 21 Uhr
samstags und sonntags
14 bis 21 Uhr

Das Programm zur Weltausstellung: [hau.de]

Übersichtskarte

Die große Weltausstellung 2012 Lageplan (Quelle: HAU)

Der Lageplan zur Weltausstellung

Die Pavillonstandorte im Überblick. Download

© Rundfunk Berlin-Brandenburg

http://www.rbb-online.de/kultur/ausstellungen/themen/die_grosse_weltausstellung.html

Fenster schließen!