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"Es war Menschenhandel", sagen Kritiker. Andere sehen darin eine humanitäre Aktion. Zwischen 1963 und 1989 kaufte die Bundesrepublik 33.755 Flüchtlinge aus DDR-Gefängnissen frei. Dabei flossen insgesamt rund 3,5 Milliarden DM. Geld, das die DDR lange Zeit vor dem Bankrott bewahrte. Dieses Kapitel der deutsch-deutschen Geschichte war jahrelang ein Tabuthema, doch jetzt gibt es dazu eine erste Ausstellung: "Freigekauft – Wege aus der DDR-Haft", in der Erinnerungsstätte "Notaufnahmelager Marienfelde".
Zwei Jahre Haft für den ersten Fluchtversuch
Im Fokus stehen Videointerviews von sechs Zeitzeugen, wie Renate Werwigk-Schneider. Die Kinderärztin aus Teupitz (Landkreis Dahme-Spreewald) wurde 1968 freigekauft, nachdem sie ihre Verhaftung absichtlich provoziert hatte. 1963 wurde sie zum ersten Mal verhaftet, nach einem missglückten Fluchtversuch in Berlin. "Der Tunnel durchbohrte die Bernauer Straße und in der Brunnenstraße sollte er herauskommen. Er war verraten, da hatte einer von der Stasi mitgebaut", erzählt die heute 73-Jährige. Der Fluchtversuch brachte ihr zwei Jahre Haft im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen ein.
Nach ihrer Entlassung erfuhr Werwigk-Schneider von den Freikäufen und setzte sich mit dem zuständigen Anwalt und DDR-Unterhändler Wolfgang Vogel in Verbindung. "Er sagte zu mir: Wenn sie sich noch einmal einsperren lassen, dann sehe ich eine Chance, dass ich ihnen helfen kann. Mit dem Wissen habe ich dann den zweiten Fluchtversuch gemacht." Dieser Versuch fand an der bulgarisch-türkischen Grenze statt und brachte die Kinderärztin zunächst wieder nach Hohenschönhausen und dann ins Frauengefängnis Hoheneck im Erzgebirge. Doch der Anwalt hielt sein Versprechen und kaufte Renate Werwigk-Schneider nach einem Jahr Haft frei.
Scheine wechseln den Besitzer - "wie im Krimi"
"Eines Morgens saß ich im Zuchthaus an meiner Nähmaschine und da erschienen zwei dieser berühmten Lederjacken und sagten: Kommen sie mal mit. Und dann ging es nach Karl-Marx-Stadt. Und dann fuhr ich mit einem BMW Richtung Herleshausen zur Grenze. Dorthin kam Wolfgang Vogel, brachte meine Papiere und einen Blumenstrauß meiner Eltern mit. Das hat mich fast die Fassung gekostet. Dann haben sie mich nach Bebra gefahren. Dort kam ein Auto der Bundesregierung an und da sah ich, wie von einer Hand zur anderen, aus einem Koffer, wie im Krimi, lauter gebündelte Scheine den Besitzer wechselten."
100 000 DM zahlte die Bundesregierung für Margot Werwigk-Schneider, im Austausch wurde noch ein DDR-Spion freigelassen. Die Kinderärztin startete schon bald ein neues Leben in Westberlin. "Im Nachhinein bin ich froh, dass jemand das Geld für mich bezahlte. Wenn jemand Kritik übt, die berechtigt ist, dann ich nur sagen: Versetzen sie sich mal in meine Lage. Wenn man es schafft, aus diesem Schlamassel herauszukommen, sollte man sich dafür nicht schämen müssen."
"Es war eine lange intensive Recherche"
Neben diesen Zeitzeugen-Geschichten geht es in der Ausstellung auch um die politischen Akteure. So gibt es erstmals ein Tondokument über die Korrespondenz des DDR-Anwalts Wolfgang Vogel mit seinem Kontaktmann auf westdeutscher Seite, Jürgen Stange, zu hören.
"Es war eine lange intensive Recherche", sagt Ausstellungsleiterin Bettina Effner. "Damals sollte alles geheim bleiben, auch von Seiten der Bundesrepublik, weil es dieser sonst nicht möglich gewesen wäre, den Freikauf von DDR-Häftlingen fortzusetzen. Die Freigekauften erhielten ebenfalls die Auflage, in dieser Angelegenheit zu schweigen."
Anfangs erhielt die SED-Führung für die Häftlinge vor allem Güter, wie Kaffee, Butter, Erdöl, Kupfer, Quecksilber und Diamanten. Später dann vor allem Geld. Das Geschäft mit den Häftlingen wurde zu einem festen Posten im Haushaltsplan der DDR. "In den 80er Jahren stieg die Zahl der Freikäufe signifikant", sagt Bettina Effner "gleichzeitig aber auch die Zahl der Festnahmen."
Oliver Soos
© Rundfunk Berlin-Brandenburg
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