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1923 wurde Vicco von Bülow in Brandenburg an der Havel geboren, jener Mann, der später als Loriot bekannt werden sollte. Nur die ersten drei Jahre seines Lebens verbrachte er in der Stadt, seit Mitte der 1980er Jahre kehrte er aber regelmäßig dorthin zurück. Knapp ein Jahr nach seinem Tod eröffnet nun in Brandenburg eine Ausstellung zu dem Menschen von Bülow und seinen Begegnungen mit der Stadt.
"Ich bin Preuße! Bitte zügeln Sie Ihre Begeisterung."
Im ersten Stock der Bäckerstraße 14 in Brandenburg schaut ein Männchen aus dem Fenster, ein Männchen mit Knollennase, herzförmigen schwarzen Lippen, Strubbelhaaren und Fliege. Es ist das Loriot-Männchen - aus Pappe natürlich. Es lädt ein in die neue Ausstellung im Bürgerhaus-Altstadt. Titel der Schau: "Moooment - Loriot, der Brandenburger in Brandenburg". "In Brandenburg", weil die Ausstellung Loriots in der Stadt verbrachte Zeit Revue passieren lässt. "Der Brandenburger", weil Vicco von Bülow hier zur Welt kam, was die meisten überrascht, die es zum ersten Mal hören, hatte man Loriot doch immer als West-Humorist abgespeichert. Tatsächlich hatte der auch nur drei Kindheitsjahre in Brandenburg verbracht, dann ging es zur Großmutter nach Berlin und von dort aus nach Stuttgart und Hamburg. 1993 wurde Vicco von Bülow die Ehrenbürgerwürde der Stadt verliehen, wobei nicht eindeutig festgelegt werden kann, wer nun stolzer war: Loriot auf die Auszeichung oder die Brandenburger auf ihren überaus populären Sohn.
"Früher war mehr Lametta."
Drei Jahre sind nicht viel, schon gar nicht, wenn es die ersten Lebensjahre sind. Jede dunkle Erinnerung an Brandenburg ist in erster Linie eine Erinnerung an die Mutter, die bald nach der Abreise der Kinder starb. Und trotzdem hat Loriot auch manche Episode klar im Gedächtnis behalten, oder zumindest in einem aus Erzählungen zusammengereimten Ersatz-Gedächtnis. Wie die Geschichte mit dem Teddy. Und auch – frühreif wie er war – mit seiner ersten großen Liebe. Die entspann sich im Kinderwagen vor der Gotthardtkirche. Eine Doppeltaufe sollte abgehalten werden, die Täuflinge waren der kleine Bernhard-Victor von Bülow und Luise Dietz aus der Nachbarschaft. Sie kam im Wagen, er nicht, es war Dezember, bitterkalt, und die Familie von Bülow bat, den Sohn zu Luise legen zu dürfen, damit er es dort warm habe.
Viel später spann Loriot aus seiner Erinnerung eine Geschichte: "Für Säuglinge von heute unbegreiflich: ich missachtete die Gunst der Stunde. Es ist immerhin möglich, dass mich der mangelnde Liebreiz meiner Partnerin oder die Würde des Ortes schreckte. Ich fürchte jedoch, mein damaliges Versagen beruhte auf reiner Prüderie."
"Sie haben da was am Mund..."
Am Revers von Wulf Holtmanns Jackett kringelt sich eine Nudel – die Loriot-Nudel. Aus Plastik, versteht sich. Holtmann ist der Kurator der Ausstellung im oberen Stockwerk des Bürgerhauses. Mit der Hilfe von Loriots Tochter Susanne von Bülow hat er Erinnerungen zusammengetragen, die Familie von Loriots erster Liebe ausfindig gemacht, sogar Fotos der Doppeltaufe und das Modell des Kinderwagens auftreiben können. Die Ausstellung hört erst einmal im Jahr 1926 auf, dem Jahr, in dem Loriot Brandenburg verließ, und setzt erst 1985 wieder ein. Damals weilte Loriot zum ersten Mal wieder in seiner Geburtsstadt, der Anlass war eine erste DDR-Ausstellung seiner Werke im Dommuseum.
Zwei Jahre später kam er erneut, nach der Wende immer öfter. Unvergessen ist den Brandenburgern sein letzter Besuch im Jahr 2009, als die Bürger der Stadt ihm symbolisch die zum Teil durch Spenden renovierte Kapelle schenkten, in der 86 Jahre zuvor der damals frisch Verliebte getauft worden war. Ob man es ihm glaube oder nicht, dies sei ein Höhepunkt in seinem Leben, sagte Loriot anlässlich dieser Schenkung, und ihm fehlten die Worte, zu beschreiben, was er empfinde.
Wulf Holtmann bewegt der Gedanke an diese Rede in Brandenburg noch heute. "Viele haben geahnt, dass es das letzte Mal sein würde, dass er hier war", sagt er. Zwei Wochen nach seinem Tod im vergangenen Jahr nahm die Stadt in einem großen Gedenkgottesdienst Abschied von dem wahrscheinlich beliebtesten deutschen Humoristen.
Judith Kochendörfer
© Rundfunk Berlin-Brandenburg
http://www.rbb-online.de/kultur/ausstellungen/themen/loriot_ausstellung.html