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Hauptstadt der Fotokunst, diesen Titel hätte Berlin schon lange verdient. Der Monat der Fotografie bietet jetzt bis zum 25. November die Gelegenheit, die Fotostadt Berlin in ihrer ganzen Vielfalt und in über 50.000 Bildern kennen zu lernen – frei nach dem Zitat des kanadischen Fotografen Freeman Patterson: "Es gibt nur eine Regel in der Fotografie: Entwickle niemals einen Film in Hühnchensuppe."
Berlin beteiligt sich zum fünften Mal am Europäischen Monat der Fotografie, der auch in Bratislava, Budapest, Ljubljana, Luxemburg, Paris und Wien begangen wird. Nicht nur Museen und Galerien, auch Kulturinstitute, Botschaften und Fotoschulen öffnen ihre Türen. Das Motto des Festivals ist in diesem Jahr "Der Blick des Anderen".
Zeugnisse eines politischen Aufbruchs
Im Festivalzentrum, dem ehemaligen Kennedy-Museum am Brandenburger Tor, können sich Besucher einen Überblick über die 100 Ausstellungen von 500 Fotografen verschaffen. Dort wird auch die Fotoschau "Kairo. Offene Stadt" gezeigt. Die Bilder von jungen ägyptischen Journalisten, Künstlern, aber auch Handyfotos von Aktivisten versetzen den Betrachter direkt auf den Tahrir-Platz, in die Mitte der Demonstranten. Sie sind beeindruckende Zeugnisse eines politischen Aufbruchs und zeigen, dass die Bilder den Umsturz nicht einfach dokumentiert, sondern sogar weiter angefacht haben.
Einige Blockbuster des größten deutschen Fotofestivals laufen bereits. Unter dem Titel "Geschlossene Gesellschaft" präsentiert die Berlinische Galerie die erste umfassende Schau künstlerischer Fotografie aus der DDR, die vom Alltag in einem isolierten Land und dem Wunsch nach Freiheit erzählt. Eine Zeitreise unternimmt auch "The Lost Album" im Martin-Gropius-Bau mit Vintage-Fotografien des Schauspielers und Regisseurs Dennis Hopper. Die über 400 kleinformatigen Schwarz-Weiß-Fotos aus den 60er Jahren zeigen Hoppers prominente Freunde von Paul Newman, Jane Fonda, über Tina Turner bis Andy Warhol, aber auch das Leben auf der Straße: Motorradgangs, Hippies und Priester.
Den Blick auf den Anderen in Frage stellen
Männlich oder weiblich? Diese starren Kategorien nimmt Bettina Rheims in ihren "Gender Studies" auseinander, die in der Galerie Camera Work zu sehen sind. Die französische Fotografin hat 25 Porträts geschaffen, die sich einem schnellen Einsortieren in die Schubladen Mann/Frau verweigern. Die Menschen, die Rheims immer so abbilden will, wie sie sich selbst sehen, tragen zerrissene oder durchsichtige Wäsche. Der Betrachter kommt hautnah an sie heran und nicht darum herum, seinen gewohnten Blick auf den Anderen in Frage zu stellen.
Dass Fotos Gedichten in nichts nachstehen müssen, zeigt die Ausstellung "Das Auge der Liebe" in der Galerie Pinter & Milch. Der Schweizer René Groebli hat auf einer verspäteten Hochzeitsreise Anfang der 50er Jahre Aufnahmen seiner Frau Rita gemacht. Und noch heute ist in den 28 Schwarz-Weiß-Fotografien nicht nur Groeblis Liebe, sondern auch sein Begehren und seine Bewunderung spürbar.
Außerirdische auf einem grauen Planeten
Eine Entdeckung ist auch "East End! — Punk in der DDR" in der Staatsgalerie Prenzlauer Berg. Die Fotografien der Punkszene in Ost-Berlin und Leipzig sind zwischen 1980 und 1984 entstanden. Es sind Bilder eines Kulturschocks in einem Land kurz vor dem Zusammenbruch. Die Punks wirken wie Außerirdische, die versehentlich auf einem grauen Planeten notgelandet sind.
Doch der "Monat der Fotografie" blickt nicht nur zurück, sondern nähert sich auch neuen Trends wie der "In-Game-Fotografie". Der Franzose Thibault Brunet hat die virtuellen Welten des Gangstercomputerspiels "Grand Theft Auto" fotografiert. Dabei sind märchenhafte Bilder in Pastellfarben entstanden, zu sehen in der Ausstellung "Vice City" im Computerspielemuseum. Eine Erfahrung an der Grenze zwischen Reportage, Film und Malerei.
Wie im vergangenen Jahr erwarten die Veranstalter des "Monats der Fotografie" eine halbe Million Besucher, denen in den meisten der 100 Ausstellungen freier Eintritt gewährt wird.
Marie Kaiser
© Rundfunk Berlin-Brandenburg
http://www.rbb-online.de/kultur/ausstellungen/themen/monat_der_fotografie.html