Sie sind hier:
rbbonline


Das Jahr geht zu Ende und da richten einige schon den Blick nach vorn: Die Berliner Akademie der Künste etwa setzt sich zum Wagnerjahr 2013 mit dem Werk ihres ehemaligen Mitglieds auseinander. Anlässlich des 200. Geburtstags des Komponisten wurden Musiker, Regisseure, Bildende Künstler eingeladen, Position zu beziehen.
Für ihn sei Richard Wagner einer der größten Avangardisten unserer Zeit, sagt Achim Freyer in einem der in der Ausstellung gezeigten Videointerviews. Doch so euphorisch reden nicht alle über den Komponisten. Vielmehr polarisiert er – bis heute. Wegen der Themen, die die einen für universal halten, die anderen für deutschtümelnd. Und wegen der Musik, deren Suggestivkraft manche bis zur Rauschhaftigkeit mitreißend finden, andere pathetisch bis zur Unerträglichkeit.
So sind die Positionen, die die 50 Künstler in dieser Schau beziehen, äußerst unterschiedlich. Eingeladen von Mitgliedern der Sektion Darstellende Kunst der Akademie arbeiten sich Komponisten, Filmemacher, Bühnenbildner, Regisseure und bildende Künstler am Phänomen Wagner ab. Am – je nach Sichtweise - genialen Schöpfer eines Gesamtkunstwerkes beziehungsweise am aufgeblasenen Romantiker. Zu sehen und zu hören gibt es Installationen, Ausschnitte aus Inszenierungen, Videointerviews – in einem abwechslungsreichen wie anspruchsvollen Parcours.
Ironie und schrille Metaphern statt Pathos
Dem Pathos mit Ironie begegnet etwa die australische Gruppe Hold Your Horses in einer Fotoserie, in der Alberich sich mit den Rheintöchtern im Berliner Freibad statt in den Untiefen des Stroms tummelt und die Götterdämmerung am eleganten Bartresen gefeiert wird.
Auch die bunten Rattenfiguren, die ihren Weg aus Hans Neuenfels’ Bayreuther "Lohengrin"-Inszenierung an den Hanseatenweg gefunden haben, sind eine ziemlich schrille Metapher auf Wagners Werk, das nach Meinung von Neuenfels geschickt zwischen Pathos und Lächerlichkeit balanciert. Wagner öffne Schichten, die schwer zugänglich sind.
Er gehe "die Instinkte an wie ein Luchs, martert die Seelen aus wie einen üppigen Schatz, den wir nur zu plündern vergessen haben, um uns alle auf seine Kosten zu bereichern", tönt die raue Stimme von Neuenfels aus einem unter Lautsprecher unter einer großen Videoleinwand, über die Bilder seiner Regiearbeit flimmern.
Immer wieder der "Ring des Nibelungen"
Auch sonst erinnert man in der Akademie der Künste an bedeutende Inszenierungen, zeigt Szenen aus Heiner Müllers bedrängender "Tristan und Isolde"-Inszenierung vor 20 Jahren, die Leuchtringe aus Anna Viebrocks Bühnenbild zu Christoph Marthalers Interpretation des Liebesdramas.
Und natürlich ist immer wieder der "Ring" Thema, jener Opernzyklus um den sagenhaften Ring des Nibelungen, den Achim Freyer vor zwei Jahren vom "Rheingold" bis zur "Götterdämmerung" als phantastisches Bühnenlichtspiel mit Leuchtschwertern und Strahlen in Los Angeles inszenierte, den Ruth Berghaus in den 1980ern in Frankfurt am Main in Szene setzte – und dafür mit 75 Minuten Applaus belohnt wurde.
Dabei wird klar, wie aktuell Wagner gestern war und heute ist. Aber auch, wie sehr der Fokus der Ausstellung auf der Bühne liegt und wie wenige neue, eigene Akzente gesetzt werden. Das vermisst man manchmal in dieser komplex und doch auch sinnlich konzipierten Schau, die dann aber einen leisen und doch lange nachhallenden Schlusspunkt zu setzen weiß: mit Christian Boltanskis und Jean Kalmans Installation "The Day after". Es ist der Tag nach dem Ring. Durch eine Luke hindurch sieht man in einen vom Publikum verlassenen Konzertsaal. Auch am vom Nebel verhüllten Flügel auf dem Podium ist niemand zu sehen – und Wagners As-Dur-Elegie, die man hört, wird wohl von Geisterhand gespielt. Hier klingt Wagner nach. jenseits des Pathos, unergründlich, aus weiter Ferne – und doch nahe gehend.
Barbara Wiegand
© Rundfunk Berlin-Brandenburg
http://www.rbb-online.de/kultur/ausstellungen/themen/wagner.html